Forced Entertainment mit "Tomorrow's Parties"
Wien - "In Zukunft wird es immer regnen", heißt es an einer Stelle im
Erzähltheater Tomorrow'sParties der Gruppe Forced Entertainment. Das
wäre zwar sehr betrüblich, aber nicht das Schlimmste, was sich die aus
Sheffield stammenden Performer für die Zukunft unseres Planeten
ausgedacht haben. Es könnte auch sein, dass es dann keine Tiere mehr
gibt oder kein Essen, oder die Welt wird insgesamt zu einem großen
Themenpark mit dem Motto Mittelalter.
Es könnte uns aber auch eine Zukunft ohne Landesgrenzen bevorstehen,
ohne Kriege oder gar ohne Rassen und Geschlechter, oder aber es wird in
dieser Zeit gar nur mehr fünf Menschen geben, die auf den Kontinenten
verteilt für sich leben.
Solche Gedanken über außerordentliche Zukunftsszenarien, für die
üblicherweise das Science-Fiction-Kino möglichst glaubhafte Bilder
kreiert, werden von den beiden Darstellern nur an- bzw. ausgesprochen.
Claire Marshall und Robin Arthur spinnen die Zukunftsvisionen als
beschauliches Erzähltheater fort, in dem eine Idee auf die andere
antwortet. Das Weiterführen der Gedanken kommt somit einem Dialog
gleich, in dem einseitige Fantasien (etwa zu Ungunsten von Männern bzw.
Frauen) gleich von neuen Fantasien verdrängt werden. Oder tendenziell
hoffnungslose Visionen von erfreulicheren aufgefangen werden. In dieser
aus Improvisationen entstandenen Dramaturgie drückt sich die geradezu
kindliche Freude an der Unendlichkeit solcher Zukunftsvorstellungen aus.
Die Fülle an selbst ersonnenen Möglichkeiten breitet sich wie eine
Gute-Nacht-Geschichte für Erwachsene über das Publikum im Brut-Theater.
Keine Endzeitstimmung
Mag die Welt auch in zwölf Monaten untergehen, Forced Entertainment
spielt da nicht mit. Denn bezeichnenderweise evoziert der kleine
Theaterabend keinerlei Endzeitstimmung. Er implementiert seine Ideen
locker in einem Gedankensog, der das spielerische Element des
anarchischen Erfindungsreichtums hervorhebt, herausgearbeitet und
interpretiert durch die jeweilige Modulation der Sätze ("In the future
there will be ... or there will be ...").
Damit fokussiert Forced Entertainment ganz den Sprechakt, den hier eine
einfache Bühne einfasst: Claire Marshall und Robin Arthur stehen auf
zwei alten, verwitterten Holzpaletten; rückwärtig begrenzt eine Kette
aus bunten Glühbirnen im Halbkreis den Raum. Dieser behauptet einen Ort
zwischen Party und Billigbühne, in dessen Zentrum zwei Menschen, frontal
zum Publikum gerichtet, mit lediglich beiläufigen Gesten sich auf die
einfachste Form des Erzähltheaters besinnen.
Damit werden Forced Entertainment ihrem guten Ruf als
Hochpräzisionsarbeiter erneut gerecht. Die Gruppe, zuletzt etwa für ihre
live vokalisierte Graphic Novel Void Story (Tanzquartier sowie
Steirischen Herbst) gerühmt, hält auch nach fast schon dreißig Jahren
(gegründet 1984) ihren Kurs. Das stete Niveau sollte man ihnen hoch
anrechnen. (Margarete Affenzeller/ DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.1.2012)