Eine Gesellschaft von Plantagenbesitzern wartet auf den Krieg: Das Stadttheater Klagenfurt feiert Julien Greens selten gespieltes Stück "Süden" als Hochamt vollendeter Manieren - Viele Fragen bleiben aber offen
Klagenfurt - Drückend, das ist das Schlüsselwort. Und auch der
Gesamteindruck. Nicht als Kritik an der Produktion verstanden, sondern
als Charakterisierung des Stückes Süden von Julien Green. Im
Stadttheater Klagenfurt, keine 50 Meter von Greens Grab entfernt, das
der Weltautor sich, 90-jährig, in der Stadtpfarrkirche St. Egid selbst
erwählt hatte.
Auf der Bühne: Roben, fast wie auf Tara, man denkt unwillkürlich an Vom
Winde verweht. Spielort: Ein Salon. Die Zeit? Wenige Stunden vor
Ausbruch des amerikanischen Sezessionskrieges, 1861. Eine Frau und ein
Mann in Uniform liefern sich ein Wortduell, immer auf Form bedacht, doch
ziemlich feindselig. Einig nur in der Grundeinstellung von
Nordstaatlern, die als Fremdkörper im Süden gelandet sind. "Bonaventura"
heißt die Plantage, und durch den Salon und die hier vertretenen
Hausbewohner weht das Selbstverständnis der Wohlhabenden, ihre
Einstellung zu ihren Sklaven, den Kindern, die man streng halten muss.
Das lähmende Warten auf den Krieg, der gleichzeitig erwartet und
weggeleugnet wird, lastet auf allem - also auch auf den Beziehungen.
Dazu kommt tatsächliche Schwüle und das überaus wirksame,
luftabschnürende Korsett der Konventionen. Alles ist beherrscht,
langsam, entschleunigt, unaufgeregt, genau den Punkt in Gesprächen
aussparend, auf den es ankommen könnte. Es passt zwar nicht in diese
Atmosphäre, aber heute würde man sagen: Jeder eiert um eine echte
Aussage herum.
Unter der Oberfläche aber herrscht die tollste Konfusion: Nordstaatlerin
Regina liebt (den zuerst beschimpften) Offizier, die Tochter des
Hausherrn, Angelina, entdeckt die Liebe, der Offizier auch - zu einem
hereinschneienden Nachbarsplantagenbesitzerssohn. Und Hausherr Edward
Broderick (Joseph Lorenz) erklärt seine Liebe zum Offizier, indem er ihn
als eigenen Sohn bezeichnet. Die homoerotischen Neigungen werden zu
Tragödien, weil keiner sie beim Namen nennt. Das wiederum ist wohl nicht
nur der Zeit, sondern Julien Greens Doppellebensthema anzurechnen:
Religiosität und Homosexualität.
Die Schlüsselszene zwischen Offizier Wiczewski (Roman Schmelzer) und
Plantagenbesitzersohn Eric Mac Clure (Emanuel Fellmer) hat Regisseurin
Sibylle Broll-Pape sehr wohl in den von Green erdachten Rang erhoben.
Das darauffolgende Duell, in dem sich der Offizier töten lässt, findet
draußen statt. Im Salon herrschen: Warten und Schwüle.
Liest man die Intentionen von Julien Green selbst nach, so hat das Team
um Broll-Pape ganze Arbeit geleistet, ganz nach Greens Willen. Tatsache
bleibt, dass das Stück seit Anbeginn außerhalb der Theaterentwicklung
stand - und das heutige Publikum sicher seine Probleme mit so bewusster
Entschleunigung bekommt, zumal bei fast drei Stunden Dauer. (Isabella Pichler / DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.1.2012)
Nächste Aufführungen: 17., 19., 21., 25., 27., und 29. Jänner sowie am 1., 3., 8. und 10. Februar