"Außerordentliche psychische Belastung"

Jugendamt und Spital verteidigen Abnahme des Neugeborenen nach der Geburt

Wien - Scheibchenweise kommen im Fall Estibaliz C. die Details ans Tageslicht: Ja, sagte Jugendamts-Sprecherin Herta Staffa am Freitag, ihre Behörde habe mit "Gefahr im Verzug" argumentiert, um der des Doppelmords Verdächtigen die Obsorge für ihren neugeborenen Sohn zu entziehen. Staffa zum Standard: "Wenn wir vermeiden müssen, dass sich ein Fall über Monate hinzieht, müssen wir juristisch so argumentieren."

Denn: "Die Frau ist in Untersuchungshaft, sie bereitet sich auf einen Prozess vor, in dem ihr ein schweres Verbrechen zur Last gelegt wird." Dies sei eine außerordentliche psychische Belastung. Zudem liege auch das psychiatrische Gutachten noch nicht vor.

Freilich, betont Staffa abermals, sei "nie davon die Rede gewesen, ihr sofort nach der Geburt das Kind zu entziehen." Diese Entscheidung hätten die behandelnden Ärzte getroffen. Das bestätigt auch die Sprecherin des Krankenanstaltenverbundes (KAV), Andrea Danmayr: "Die sofortige Abnahme hatte ausschließlich medizinische Gründe." Aus Sicht des Jugendamts spricht nun nichts dagegen, dass der Kindesvater das Kind sofort zu sich nach Hause nimmt. Estibaliz C. soll am Freitag wieder in die U-Haft zurück.

Das Bestreben ihres Verteidigers, Estibaliz C. und Baby in einer Mutter-Kind-Zelle unterzubringen, sei nie an das Jugendamt herangetragen worden. Staffa: "Da die Frau in U-Haft ist, hätte darüber die Staatsanwaltschaft entscheiden müssen." Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft dementiert: "Das ist nicht unsere Sache."

Für Kinderpsychiater Max Friedrich war die Abnahme des Kindes gleich nach der Geburt "nicht korrekt". Man hätte der Mutter auch die Möglichkeit geben müssen, ihr Kind zu stillen: "Das ist auch eine Frage der Menschenrechte."

Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits sieht die Sache differenziert: "Wichtig ist eine stabile, sichere Bezugsperson." Nichts spreche dagegen, dass das auch der Vater sein könne. Dazu komme, dass Kinder, die über einen längeren Zeitraum bei inhaftierten Müttern leben, "sehr wohl das Eingesperrtsein erleben".

Sie plädiere für einen "feinfühligeren, individualisierteren Umgang" aller Beteiligten: "Ich würde mir wünschen, dass sich das Mitleid in diesem Fall vor allem beim Kind manifestiert." (stui/DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.1.2012)

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