Chancen vor der Nase

Die Sache mit dem Chancenblick

13. Jänner 2012, 17:10

Die meisten verschließen die Augen vor den Chancen. Woraus folgt: Weil wir sie nicht sehen, nutzen wir sie nicht

Menschen entscheiden sich trotzig und konsequent gegen die Chance. Sie sehen sie nicht, weil sie nicht danach suchen. Oder sie entscheiden sich dafür, den ganzen Stress mit den Chancen ein für alle Mal abzuhaken, so Hermann Scherers in seinem Buch Glückskinder.

Doch wer ist dieser Chancenversessene? Scherers "Startkapital" waren die Schulden, die ihm sein Vater als Erbe des gescheiterten Handelsunternehmens auf die Schultern gepackt hatte. Und die Scherer junior auf Heller und Pfenning beglich. Oder dank seines ausgeprägten Chancenblicks zu begleichen vermochte. Was aufs selbe rauskommt: Er hat für seinen alten Herrn geradegestanden. Was darauf hindeutet, dass wir es bei ihm wohl nicht mit einem der üblichen Luftikusse zu tun haben, die sich in der Branche der Glücksverheißer und Lebensbewältigungshelfer so überreichlich tummeln.

Mehr zu dem Mann findet sich im Klappentext des Buches: Über 2000 Vorträge vor rund 400.000 Menschen, 30 Bücher in zwölf Sprachen, erfolgreiche Firmengründungen, Vorlesungen, eine anhaltende Beratertätigkeit, und immer neue Ziele - das ist Hermann Scherer. Er lebt in Zürich und ist in der Welt zu Hause, wo er mit seinen mitreißenden Auftritten Säle füllt. So weit der Klappentext. Eine beeindruckende Bilanz. In den Schoß gefallen ist sie Scherer nicht. Immer wieder tauchen in dem Buch Hinweise darauf auf. Auf Anstrengungen, auf Rückschläge, auf Selbstüberwindung, mühsame nicht selten. Möglicherweise macht nicht zuletzt auch erst das Glückskinder zu einer fesselnden, mitreißenden Lektüre: diese Lebenserfahrung, die hinter den Zeilen spürbar wird, die durch die Argumentation durchschimmert.

Und Scherer kann argumentieren. In seiner blitzgescheiten, scharfer, analysierender, durchaus auch selbstkritischer Beobachtung entspringenden Wortgewaltigkeit erinnert er an die biblischen Trompeten von Jericho. Scherer argumentiert, als wolle er alle Mauern (denk)fauler Behäbigkeit gleich und endgültig zum Einsturz bringen. Er posaunt seine Wahrheiten heraus. Mit ganz dicken Backen und ungeheurer Verve. Und das mit den "Wahrheiten" ist nicht ironisch gemeint. Scherer zeigt in von keiner übertriebenen Zurückhaltung gebremsten Darstellung, stets aber mit hintergründigem Augenzwinkern das auf, was a) ihn vorangebracht hat und b) viele andere daran hindert, voranzukommen - so sie es denn wirklich wollen und sich nicht nur im Hoffen und Planen und ewigen Verwerfen erschöpfen.

So lautet auch einer seiner Kernsätze: "Diejenigen, die in der Welt vorankommen, gehen hin und suchen sich die Umstände, die sie brauchen. Und wenn sie die nicht finden, dann machen sie sich diese selbst. Das ist im Großen wie im Kleinen so: Es hat trotzdem funktioniert. Es ist immer ein Trotzdem, das die Menschen weitergebracht hat." Oder ein anderer: "Zum Ziel führt nämlich niemals die gerade Strecke. Es liegen Steine im Weg. Sie wollen uns prüfen: Willst du das wirklich? Wenn ja, dann räum mich weg!" Wer mit Herz, Hirn und Hand im Leben schon einmal wirklich etwas aufgebaut und zum Blühen gebracht hat - im Scherer'schen Verständnis die Glückskinder, die Chancen sehen -, weiß um die Botschaft dieser Sätze: Wer etwas (erreichen) will, muss es a) aus tiefstem inneren Antrieb heraus wollen und darf sich b) vor Hindernissen, Rückschlägen und c) vor allem vor den inneren und äußeren Stimmen, die Vergeblichkeit des Wollens suggerieren, nicht fürchten.

Chancen sehen

Chancen liegen für Scherer nie in der Zukunft, sondern immer vor der Nase. "Alle warten auf den einen Job, das eine große Ding. Dabei ist es die Hingabe an das Jetzt und Hier, die aus nichts die Chance schafft. Der Schlüssel ist Initiative. Erst in der Rückbetrachtung reihen sich die Gelegenheiten wie Perlen auf der Schnur. Denn Chancen bilden Ketten, Cluster." Für Scherer verschließen die meisten die Augen vor den Chancen. Woraus für ihn folgt: "Weil wir sie nicht sehen, nutzen wir sie nicht. Weil wir sie nicht nutzen, glauben wir, keine zu haben. Weil wir glauben, keine zu haben, sind wir frustriert."

Aber ja, man kann sich an diesem Buch auch wunderbar reiben, sich über diesen vermeintlich großmäuligen Selfmademan heftig den Mund zerreißen. Für den, der sucht, für die Experten in Sachen "Warum etwas nicht funktionieren kann!" ist dieses Buch geradezu eine Fundgrube für die beiden Tatenwürgerworte "Ja, aber ...". Man kann aber auch das genaue Gegenteil dessen tun und sich einfach in dieses Buch fallen und sich von ihm lesend in eine Welt des Denkens, Empfindens und Sehens entführen lassen, die vermutlich realitätsnäher, viel realitätsnäher ist als vieles, was man sonst über das Vorankommen und Sichbehaupten in dieser Welt zu hören und zu lesen bekommt.

Wer weiß, wie viele eine ungeheure Kraft darin investieren, sich in einer ungeliebten, sie schleichend von innen heraus auffressenden Tätigkeit mühsam über Wasser zu halten, der fragt sich nach der Lektüre von Scherers Glückskinder unwillkürlich: Weshalb, um alles in der Welt, wird diese Kraft nicht dafür benutzt, sich aus den immer mehr strangulierenden Fesseln dieses Tuns zu befreien und sich ein befriedigenderes Betätigungsfeld zu suchen? Und dazu, auf die von allen Seiten reichlich zu erwartenden Befürchtungen, Einwände und Mahnungen einfach zu pfeifen. Mut gehört zum Ausharren wie zum Aufbruch. Die Frage ist nur, wo ist dieser Mut in unserer heutigen Welt besser investiert? (Hartmut Volk/DER STANDARD; Printausgabe, 14./15.1.2012)

Hermann Scherer: "Glückskinder - Warum manche lebenslang Chancen suchen - und andere sie tagtäglich nutzen". Campus Verlag, Frankfurt/Main 2011, € A 20,60

chkrall
00
16.1.2012, 14:00
Übrigens:

chkrall
11
16.1.2012, 14:05

Jeder ist seines Glückes Schmied!
Jesus liebt Dich! Vor dem Klo und nach dem Essen Zähneputzen nicht vergessen!
Es ist noch kein Meier vom Himmel gefallen!
Stirbt die Kuh, bleibt´s Heu!!!
....
Und wo sind jetzt die 400 000 begeisterten Zuhörer?!?

Der Ruhestifter
 
12
16.1.2012, 02:48
Man kann auch mal eine biographie michelangelos lesen

Oder newtons. Oder thomas harrisons. Oder darwins, mozarts, eddisons,...
Dann sieht man, dass die wege zu erfolg ebenso vielfältig sind wie jene in den untergang. Und dass jene, welche 'die wahrheit' verkünden, schaumschläger sind. Was immer noch besser ist, als epigonen eines adapten eines scharlatans, wie der autor dieses beitrags.

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