Die Wirtschaftsdelegierte spricht von insgesamt sieben Milliarden Euro Investitionen mit rund 2000 Niederlassungen
Wien/Budapest - Die ungarische Wirtschaft hat sich seit der
globalen Krise 2008 nicht mehr erholt, allerdings sei die Stimmung
unter den im Nachbarland tätigen österreichischen Unternehmen nicht
so schlecht, wie "der mediale Hype" um die angespannte Finanzlage
vermuten ließe. Das sagte Erika Teoman-Brenner, österreichische
Wirtschaftsdelegierte in Budapest, am Freitag. Für Österreich war Ungarn in den ersten zehn Monaten 2011 mit
einem Exportvolumen von 3,14 Milliarden Euro (+14,68 Prozent) der
siebentwichtigste Exportmarkt, unangefochten an der Spitze der
Exportmärkte Österreichs liegt nach wie vor Deutschland mit 31,78 Milliarden Euro. Von den anderen Ländern Zentral- und Osteuropas (CEE) ist für die österreichische
Exportwirtschaft nur Tschechien wichtiger als Ungarn.
Den bisherigen Rekord bei den Exporten nach Ungarn schaffte die
österreichische Wirtschaft im Jahr 2008 mit Ausfuhren im Wert von 4,2 Milliarden Euro, die im letzten Quartal 2008 einsetzende globale Krise
führte 2009 zu einem Einbruch um fast 31 Prozent. Dieser Rückgang
sei ähnlich stark gewesen wie auf anderen Märkten, sagte Teoman-Brenner.
Seither hätten die österreichischen Unternehmen ihre Präsenz in
Ungarn reduziert, Rückzüge größerer Unternehmen habe es aber nicht gegeben.
Gute gehende Pharmabranche
Pauschal würde Teoman-Brenner Unternehmen von Investitionen in
Ungarn nicht abraten. Man müsse sich die Branchen aber genau
anschauen. Die Ungarn hätten nach wie vor eine gut gehende
Pharmaindustrie, die auch von österreichischen Unternehmen beliefert
werde. Dagegen sehe es derzeit bei den Lebensmittelexporten
schlechter aus, die geringe Margen hätten und von den
Steuererhöhungen sowie der Forintschwäche betroffen seien.
Bisher haben die österreichischen Unternehmen in Ungarn mehr als sieben Milliarden Euro investiert, im Vorjahr waren es 290 Millionen Euro,
berichtete die Wirtschaftsdelegierte. Ihren Schätzungen zufolge haben
österreichische Unternehmen rund 2000 Niederlassungen in Ungarn. Die
Investitionsdynamik hat sich laut AWO-Wirtschaftsreport vom Dezember
in den letzten Jahren verlangsamt, wobei vor allem in die Erweiterung
der Betriebe in Ungarn investiert wird. Marktführend in Ungarn sei
Österreich bei der Ziegel- und Zuckerproduktion, in der Papierbranche
sowie in der Bauindustrie. Allerdings habe die Bautätigkeit deutlich
nachgelassen, im Wohnbau schon seit 2006. Auch der Autobahnbau
stocke, es gebe kaum neue Ausschreibungen, so Teoman-Brenner.
Die letzte österreichische Großinvestition in Ungarn war die
Übernahme der ehemaligen staatlichen Güterbahn MAV Cargo (nun Rail
Cargo Hungaria) durch die ÖBB Anfang 2008 um knapp 400 Millionen Euro.
Umstrittene Steuern
Für Ungarn sei Deutschland wie für Österreich der wichtigste
Handelspartner, daher hänge die Wirtschaftslage in Ungarn wesentlich
von der deutschen Konjunktur ab, schilderte Teoman-Brenner. Zuletzt
hat sich auch die deutsche Wirtschaft abgekühlt. Besonders im
Automotivbereich seien aber viele deutsche Unternehmen wie etwa
Daimler und Bosch in Ungarn und spürten bisher noch wenig von der
schwachen Wirtschaftsentwicklung. Auch die österreichischen
Autozulieferer würden nach Ungarn exportieren.
Von den in Ungarn eingeführten Krisensteuern seien vor allem die
österreichschen Banken durch die Bankenabgabe und die
Einzelhandelsunternehmen wie etwa Spar betroffen. Die Erste Group
und RBI haben bereits zum Sparstift gegriffen. Auch die
UniCredit-Tochter Bank Austria ist etwa von der Zwangskonvertierung
der Fremdwährungskredite betroffen, sei aber eine der wenigen
profitablen Banken in Ungarn, sagte Bank-Austria-Ostvorstand Gianni
Franco Papa Ende Dezember. Das Exposure der Austro-Banken in Ungarn
wird auf rund 50 Milliarden Euro geschätzt.
Der Einzelhandel stöhnt aber nicht nur wegen der Krisensteuer,
sondern auch auch unter der Erhöhung der Mehrwertsteuer. Sie wurde im
Juli 2009 von 20 auf 25 Prozent erhöht, seit Anfang Jänner 2012
beträgt sie 27 Prozent - der Spitzenwert in der EU.
Schlechte Konjunturaussichten
Für heuer erwarten die Analysten und Ökonomen bestenfalls eine
Stagnation der ungarischen Wirtschaft, viele gehen aber bereits von
einem Schrumpfen des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus. Aufgrund
zahlreicher Gesetze liegt Ungarn nicht nur mit der EU, sondern auch
mit dem IWF im Clinch. Allerdings wird das Land auf den Finanzmärkten
deutlich unter Druck gesetzt und bemüht sich nun um einen erneuten
Kredit beim Internationalen Währungsfonds (IWF). Bereits 2008 wurde
Ungarn vom IWF, der EU und der Weltbank mit 20 Milliarden Euro vor
dem drohenden Staatsbankrott gerettet. (APA)