Die Reportage "Zehn Tage im Irrenhaus" begründete 1887 den Ruhm Nellie Blys, der ersten Undercover-Reporterin Amerikas
Eine 23-jährige Journalistin möchte nicht mehr über die typischen
Frauenthemen wie Gärtnerei, Mode oder Kunst schreiben, sondern ihr
Engagement für Arme und Entrechtete einsetzen.
Im Jahr 1887 geht Nellie Bly (1864-1922) aus der amerikanischen Provinz
nach New York und bietet der New York World, einer von Joseph Pulitzer
gegründeten Tageszeitung, an, mit einem Ozeandampfer von Europa nach
Amerika in der dritten Klasse zu reisen, um über das Schicksal
mittelloser Einwanderer zu berichten. Der Chefredakteur lehnt ab.
Die risikofreudige junge Frau soll stattdessen undercover in der
psychiatrischen Anstalt auf Blackwell's Island, heute Roosevelt Island
(zwischen Manhattan und Queens gelegen), ermitteln. Aus diesem Auftrag
ging eine folgenschwere Reportage hervor, die wenig später als Buch mit
dem Titel Ten Days in a Mad-House erschien. Jetzt, knapp 125 Jahre
später, liegt der Erfahrungsbericht Zehn Tage im Irrenhaus erstmals in
deutscher Übersetzung vor.
"Je vernünftiger ich redete und handelte, für desto verrückter hielt man
mich", sagt Nellie Bly, die eigentlich Elizabeth Jane Cochrane heißt.
Sie schildert ihre Vorbereitungen in chronologischer Reihenfolge und
täuscht ohne weiteres sämtlichen Ärzten und Richtern ihre scheinbare
Geisteskrankheit vor. Unter dem Pseudonym Nellie Brown gilt sie bald als
hoffnungsloser Fall und wird ins Irrenhaus eingeliefert.
Dieses ähnelt eher einem Arbeitslager für Strafgefangene als einer
Heilanstalt. Hunger und Kälte, gehässige Provokationen und
folterähnliche Behandlungsmethoden setzen den etwa 1600 Patienten zu.
Der Umstand, dass es von vornherein keine Möglichkeit gibt, die geistige
Gesundheit unter Beweis zu stellen, hat nach der Veröffentlichung große
Zweifel an der Urteilskraft und Kompetenz von Ärzten im ganzen Land
ausgelöst. An einer Stelle vergleicht die getarnte Schreiberin die Insel
mit einer Mausefalle: "Es ist leicht hineinzukommen, aber unmöglich
herauszukommen."
Martin Wagner, der in Wien studierte und Doktorand in Yale ist, hat den
tollen Fund übersetzt und mit Anmerkungen und einem klugen Nachwort
versehen, in dem er die Reportage als "Skandalon der Journalismus- und
Psychiatriegeschichte" sieht. Wir erfahren aus dem ungewöhnlichen Leben
der umtriebigen Frau, die eine Weltreise unternahm, eine Stahlfabrik
leitete und während des Ersten Weltkriegs aus Österreich berichtete.
Wir lesen über die Entwicklung der modernen Psychiatrie und über die
ökonomischen und geschlechterpolitischen Bedingungen der New Yorker
Zeitungsredaktionen am Ende des 19. Jahrhunderts.
Hierbei tritt die Bedeutung von Blys lebensrealer Recherche als
medienhistorisches Dokument zutage, das als Eckpfeiler in der
Entwicklung des investigativen Journalismus in den USA gesehen werden
kann, der etwa hundert Jahre zuvor mit der Washington-Affäre seinen
Anfang nahm. Die Formierung des Phänomens der "Girl Stunt Reporter",
Vorläufer der so genannten "Muckrackers", ebnete einer Reihe junger
Journalistinnen den Weg in die männerdominierte Zeitungswelt.
Sensation vor sozialer Leistung: "Stunt"-Reporterin Bly fragt kaum nach
den Ursachen der Probleme, während sie Einzelschicksale beschreibt. Die
Wirkung der Story, ohne übertriebenen Betroffenheitsgestus, in
schlichter Sprache erzählt, war groß und führte zu besserer Verpflegung
und Finanzierung. (Sebastian Gilli / DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.1.2012)