Analyse per Mausklick

13. Jänner 2012, 05:41
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Dynamik und Schnelligkeit des Eishockeys erschweren es, das Spiel unmittelbar und dennoch fundiert zu analysieren. Die Lösung heißt Video-Coaching.

Die Grundregeln sind klar und althergebracht: Kompetitiver Sport, wie er etwa in der Erste Bank Eishockey Liga betrieben wird, ist die sich ständig wiederholende Abfolge von Training und Wettkampf. Durch diesen Zyklus wird der Athlet - bzw. beim Eishockey: die Gruppe von Athleten - von einem Trainer geleitet. Dessen primäre Aufgaben liegen in der Beobachtung und Analyse von Leistungen, auf deren Basis er - vereinfacht ausgedrückt - Feedback gibt. Die Grundlagen für erfolgreiches Coaching sind also Genauigkeit und Treffsicherheit in der Observation und der Interpretation des dabei Wahrgenommenen.

So weit, so simpel. Nun ist jedoch das Eishockey gemeinhin als schnellste aller Mannschaftssportarten anerkannt, es zeichnet sich neben seiner Körperlichkeit vor allem durch Dynamik und Speed aus. Je höher das Leistungsniveau, desto höher die Geschwindigkeit des Spiels und - banale Erkenntnis - umso schwieriger die Beobachtung und Analyse für den Trainer. Ein sportwissenschaftlich vielfach dokumentiertes Wahrnehmungsdefizit, das Eishockey-Coaches seit Generationen nach Gegenstrategien und Kompensationsmöglichkeiten suchen ließ.

"Captain Video"

Den Ausweg aus diesem Dilemma ebnete der technologische Fortschritt. Der legendäre kanadische Trainer Roger Neilson, später in exakt 1000 NHL-Spielen als Headcoach an der Bande, nutzte in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre als Erster Videoaufnahmen von Spiel- und Trainingssequenzen für detaillierte Analysen. Der bald mit dem Spitznamen "Captain Video" bedachte Vordenker verwendete die bewegten Bilder vornehmlich zum Studium der taktischen Angewohnheiten gegnerischer Mannschaften und hatte damit großen Erfolg. Anfangs für seine Herangehensweise belächelt, waren seine Erkenntnisse 1984 ein wesentlicher Baustein des Erfolgs der Edmonton Oilers. Der damalige Klub von Superstar Wayne Gretzky nahm Neilson für die Play-offs als Videoanalysten unter Vertrag, gewann 15 seiner 19 Matches in der Post Season und holte sich im Finale gegen die New York Islanders, die zuvor vier Titel in vier Jahren geholt hatten, den ersten Stanley Cup seiner Geschichte.

Flachbildschirm in der Kabine

Heute ist umfangreiches und intensives Videostudium aus dem professionellen Teil der Eishockeywelt nicht mehr wegzudenken. NHL-Vereine beschäftigen eigene Videocoaches, die in ihrer Arbeit oft von mehreren Assistenten unterstützt werden. Mannschaftsbesprechungen vor einem Spiel, in denen der Trainer die Marschroute vorgibt, finden nicht mehr vor der Taktikwand, sondern vorm großzügigen Flachbildschirm statt, auf dem in kurzen Clips die für das jeweilige Spiel (und gegen den jeweiligen Gegner) als entscheidend erachteten Aspekte visualisiert werden.

Ähnliches gilt auch für die professionellen Ligen Europas wie die Erste Bank Eishockey Liga, wo Videostudium und -analyse bei den führenden Klubs längst keine Trenderscheinung mehr sind, sondern viel eher integrale Elemente der alltäglichen Arbeit darstellen. Umfang und Anwendungsformen sind dabei ebenso unterschiedlich wie Detailgrad und technische Verspieltheit. Fakt ist jedoch, dass kein moderner Eishockeyklub mehr um das Medium Film als essenzielle Planungsgrundlage herumkommt.

Video-Coaching beim österreichischen Meister

Um die Situation in Österreich etwas näher zu beleuchten, hat derStandard.at Gerald Wimmer, den Videocoach des regierenden Meisters EC Salzburg, zum Gespräch gebeten. Allgemein als die Organisation mit dem professionellsten und fortschrittlichsten Umfeld im Lande angesehen, nimmt der vom Red-Bull-Konzern finanzierte Klub auch im Bereich der filmischen Aufarbeitung des Eishockeys eine führende Rolle im ligaweiten Vergleich ein.

 

derStandard.at: Herr Wimmer, der Begriff des Video-Coachings ist mittlerweile auch im europäischen Eishockey in aller Munde. Wenn wir uns an einer Definition versuchen ...

Wimmer: ... müssen wir ganz grundlegend zwischen verschiedenen Ausprägungen unterscheiden. Das reicht von der Nachbetrachtung der letzten Spiele über die Vorbereitung auf kommende Gegner bis hin zur Echtzeitanalyse während einer Partie, dem sogenannten Video-Livecoaching.

derStandard.at: Das heißt, das Studium des Filmmaterials nimmt auch direkten Einfluss auf strategische Entscheidungen im Laufe eines Spiels?

Wimmer: Wenn das nötig ist, ja. Ich schneide unsere Spiele live mit, in der Regel passiert das direkt über das TV-Signal vor Ort in der jeweiligen Halle. Das Material wird mit einer eigenen Analysesoftware strukturiert und aufbereitet, bei Heimspielen passiert das zum Beispiel in einem eigenen Raum direkt neben der Spielerbank. Einzelne Sequenzen werden dann in der Drittelpause den Trainern und teilweise auch den Cracks selbst vorgespielt. Wir ziehen daraus unsere Lehren und können so etwaige Korrekturen oder Änderungen an unserem Gameplan, also unserer taktischen Ausrichtung, vornehmen.

derStandard.at: Wobei diese Gameplans auch bereits auf der vorherigen Beobachtung oder dem Videostudium des jeweiligen Gegnern basieren.

Wimmer: Exakt. Das Ganze beginnt schon mit dem Organisieren von aussagekräftigem Filmmaterial zum entsprechenden Gegner, was sich oft leichter anhört, als es ist. In dieser Vorabanalyse machen wir Stärken und Schwächen des anderen Teams aus, finden wiederkehrende Muster in seiner Spielanlage. Diese Erkenntnisse fließen dann in die Überlegungen ein, wie wir ein Spiel von der Strategie her anlegen.

derStandard.at: Der Fokus liegt also primär auf der Teamebene und nicht so sehr auf der individuellen, den einzelnen Spieler betreffenden?

Wimmer: Im Moment konzentrieren wir uns mit einem ganzheitlichen Ansatz auf die Mannschaft im Gesamten. Natürlich bereiten wir aber auch unzählige individuelle Sequenzen auf, das reicht von ganzen Shifts über Unterzahl- und Powerplay-Situationen bis hin zu einzelnen Face-offs, Torchancen oder Abwehraktionen der Torhüter. All das ist jederzeit verfüg- und abrufbar und nicht nur unter den Trainern, sondern auch bei den Spielern sehr gefragt.

derStandard.at: Das klingt sehr flexibel, gleichzeitig aber auch nach großem Verwaltungsaufwand. Wie sieht die technologische Unterstützung Ihrer Tätigkeit aus?

Wimmer: Wir arbeiten mit "STEVA Hockey Pro", einer nordamerikanischen Analysesoftware - für mich das führende Programm im Eishockeybereich. Das Tool ist am Laptop jedes Trainers in unserem gesamten IIDM (International Icehockey Development Model, das Nachwuchs- und Ausbildungsprogramm des EC Salzburg, Anm.) installiert und wird auch von allen kontinuierlich verwendet. Für die Spieler haben wir seit kurzem eine eigene Schnittstelle, sie erhalten die gewünschten Clips jetzt gleich nach Spielende auf ihren Phones und Pads.

derStandard.at: Wer im Trainerstab des Klubs beansprucht diese visuellen Möglichkeiten am stärksten, lässt sich das nach Tätigkeitsbereichen unterscheiden?

Wimmer: Jeder Coach bekommt direkt nach dem Spiel das von mir komplett geschnittene Material auf seinen Laptop transferiert und sortiert die Sequenzen dann je nach seinem Zuständigkeitsbereich selbstständig. Da ich jede Spielsituation am Tape festhalte, kommen pro Partie manchmal 400 bis 500 Clips zustande. Unser Torwarttrainer kann sich beispielsweise mit dem Net-Tracker einen sehr genauen Überblick über die einzelnen Saves und auch Gegentore verschaffen. Auch wichtig sind die Face-offs, die mit der Sofware so aufgezeichnet werden, dass wir mit einem Mausklick den jeweiligen Crack, die Spielfeldposition und den Ausgang des Scheibenaufwurfs eruieren können.

derStandard.at: Für die Kampfmannschaft scheint dieser Aufwand nachvollziehbar und angemessen, aber welche Rolle spielen diese Methoden im Juniorenbereich?

Wimmer: Bei uns im Verein spielt die Videoanalyse vom EBEL-Team bis hinunter zur U15-Mannschaft eine große Rolle. Im U18-Team etwa, bei dem ich auch (Ice) Coach bin, versuchen wir sehr ähnlich wie in der Kampfmannschaft zu arbeiten. Im Nachwuchs steht natürlich kein TV-Signal zur Verfügung, also filmen wir selbst, importieren das Material parallel in unsere Software und können so auch schon in den Drittelpausen Fehler analysieren und gegebenenfalls Korrekturen an unserem Spiel oder unserer Ausrichtung vornehmen. Diese Möglichkeiten sind für uns natürlich von großem Vorteil, denn ganz ehrlich gesagt habe ich in den letzten zwei, drei Jahren nicht viele andere Nachwuchsteams in Österreich gesehen, die Spiele aufzeichnen. Dabei denke ich, dass die Videoanalyse gerade bei den Junioren sehr notwendig und wichtig ist.

derStandard.at: Der EC Salzburg legt bekanntlich großen Wert auf seine internationale Ausrichtung. Wie würden Sie den Status quo im Bereich Video-Coaching verglichen mit ausländischen Klubs einschätzen?

Wimmer: Ich denke, dass wir hier im österreichischen wie auch im europäischen Vergleich schon recht weit fortgeschritten sind, besonders wenn ich zehn Jahre zurückblicke: Material auf VHS-Kassetten, Videomeetings mit "schnellem" Vor- und Rücklauf - heute geht das alles innerhalb von Sekunden und mit einem Mausklick. Die positive Entwicklung ist also da. Wenn ich aber zum Beispiel Artikel über die Arbeit von Videocoaches in der NHL lese, ist das schon noch ein ganz anderes Level, da stecken wir im Vergleich quasi noch in den Kinderschuhen. Innerhalb Österreichs arbeitet etwa der Villacher SV sehr gut, mit Markus Kerschbaumer gibt es da auch einen regen Erfahrungsaustausch. Auch mit dem KAC-Videoanalysten Adi Wagner verstehe ich mich, trotz aller Rivalität zwischen den Vereinen, blendend.

derStandard.at: Schwer greifbar bleiben die Auswirkungen von erfolgreichem Video-Coaching, die unmittelbaren Folgen am Eis. Woran erkennen Sie, wie gut Sie Ihren Job machen?

Wimmer: Ich gebe ein aktuelles Beispiel aus dem Halbfinale der European Trophy. Da haben wir vor der Verlängerung auf die Schnelle die Face-offs in unserer Defensivzone aus der regulären Spielzeit analysiert, von denen wir zu wenige gewonnen hatten. Die Szenen wurden unseren Bullyspielern gezeigt, in der Overtime haben wir in unserem Abwehrdrittel dann kein einziges Face-off mehr verloren. Ein letztlich spielentscheidender Faktor. Auch interessant ist unser neuestes "Spielzeug", eine Datenbank aller Shoot-out-Schützen, in der die Schussgewohnheiten der einzelnen gegnerischen Spieler beim Penalty dokumentiert sind. Davon hat unser Goalie zwar erst einmal Gebrauch gemacht, wir haben die Partie aber gewonnen. (Hannes Biedermann, derStandard.at, 13.1.2012)

  • Die Anfänge und die Spätphase: "Hall of Fame"-Trainer Roger Neilson gilt als der "Vater der Videoanalyse" in der NHL.
    foto: cbc/screenshot

    Die Anfänge und die Spätphase: "Hall of Fame"-Trainer Roger Neilson gilt als der "Vater der Videoanalyse" in der NHL.

  • Gerald Wimmer (47), Videocoach des österreichischen Meisters EC Salzubrg.
    foto: gepa/redbull/krauss

    Gerald Wimmer (47), Videocoach des österreichischen Meisters EC Salzubrg.

  • Wimmers Arbeitsplatz in der Salzburger Eisarena liegt in direkter Nähe zur Spielerbank, um Analyseinhalte während des Spiels direkt an die Trainer weitergeben zu können.
    foto: ec red bull salzburg

    Wimmers Arbeitsplatz in der Salzburger Eisarena liegt in direkter Nähe zur Spielerbank, um Analyseinhalte während des Spiels direkt an die Trainer weitergeben zu können.

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