"Where do you come from?"

13. Jänner 2012, 18:41
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Verrückt machende Ohrgeräusche und eine Mutter, die im Sterben liegt. "Die Besucher" heißt der neue Roman von Kurt Palm

Wie ein geprügelter Hund schlich Martin die nächtliche Straße entlang und ärgerte sich maßlos darüber, dass er sich auf diese hirnverbrannte Aktion mit Manuela überhaupt eingelassen hatte. Eigentlich hätte er wissen müssen, dass in seiner momentanen Lage nicht einmal ein One-Night-Stand funktionieren würde. Als einziger Trost blieb ihm, dass er Manuela nie wieder treffen würde. So gesehen war die ganze Geschichte vielleicht weniger schlimm, als er gedacht hatte. Wenn er allerdings wissen wollte, was es mit der verschwundenen Leiche und der grauen Decke auf sich hatte, dann blieb ihm freilich nichts anderes übrig, als Manuela doch noch einmal anzurufen. Martin schwor sich, seine Mutter nie mehr alleine zu lassen.

Er bog von der Straße um die Thujenhecke und erstarrte. Sein Herz pochte bis zum Hals und seine Knie zitterten. Um Gottes willen, was ist denn hier los? Wer steht denn da in der Einfahrt, und warum brennen im Haus alle Lichter? Martin spannte den Schirm ab und rannte auf den Mann zu, der im strömenden Regen in der Einfahrt stand.

"Was wollen Sie hier?", schrie er ihn an. Martin hielt ihm seinen Regenschirm wie eine Waffe entgegen. "Wer sind Sie und was haben Sie hier verloren? Das hier ist Privatbesitz." Der Mann zeigte keinerlei Reaktion und starrte Martin mit ausdruckslosem Gesicht an. Martin sah zu seinem Wagen, der am Ende der Einfahrt stand. "Haben Sie versucht, mein Auto zu stehlen? Es ist mitten in der Nacht. Was wollen Sie hier? Haben Sie meine Mutter geweckt?" Martin merkte, dass er bereits vollkommen durchnässt war. Auch der dunkle Anzug des Mannes, der immer noch regungslos vor ihm stand, war klatschnass. Jetzt erst fiel Martin die zusammengefaltete graue Decke auf, die der Mann unter den Arm geklemmt hatte. Ach, du meine Güte! Ist das die graue Decke vom Dachboden? Martin deutete auf die Decke. "Woher haben Sie diese Decke? Ich rufe sofort die Polizei, wenn Sie nicht augenblicklich verschwinden." Er öffnete den obersten Knopf seines Mantels und griff in die Innentasche seines Sakkos. "Hier", sagte er zu dem Mann, und hielt ihm sein iPhone vors Gesicht. "Hier ist mein Handy. Ich werde sofort die Polizei rufen, wenn Sie nicht augenblicklich verschwinden." Mit zitternden Fingern versuchte er, eine Nummer zu wählen, überlegte es sich aber wieder anders. Was hätte er der Polizei auch sagen sollen?

Der Mann verhielt sich ruhig und machte keinerlei Anstalten, sich von seinem Platz wegzubewegen. Auch der Regen, der über sein blasses Gesicht lief, schien ihn nicht weiter zu stören. Martin fragte sich, ob ihn der Mann überhaupt verstand. "Sprechen Sie Deutsch? Where do you come from? What do you want here?" Der Mann verzog keine Miene.

Martin wurde wütend und packte den Mann am Arm. Für den Bruchteil einer Sekunde stieg ihm ein eigenartiger Geruch in die Nase. Irgendwie roch es nach nassem Hund. "Los! Sie kommen sofort mit, ich möchte Ihre Personalien aufnehmen!" Während er den Mann hinter sich herzog, sah er auf dessen Füße. Er blieb abrupt stehen. Wie die Tote im Krankenhaus, von der ihm Manuela erzählt hatte, trug auch der Mann keine Schuhe. Martin bekam es mit der Angst zu tun und überlegte, ob er davonlaufen sollte. Aber im selben Augenblick wurde ihm klar, dass er das wegen seiner Mutter gar nicht konnte. "Los, weiter!", sagte er und bog, den Mann hinter sich herziehend, um die Hausecke. "Hilfe!", schrie er. Er ließ den Mann los. Sein Schrei klang wie ein Krächzen. Martin musste sich an der Hauswand abstützen. Sein Schirm fiel zu Boden, und Martin begann am ganzen Körper zu zittern. Er biss sich in die Hand und spürte etwas Warmes in seinem Mund.

Das Bild, das sich ihm bot, er-gab absolut keinen Sinn. In der offenen Haustür stand eine Frau in einem dunklen Kleid, die eine graue Decke bei sich hatte. Auch sie trug keine Schuhe. "Was wollen Sie hier? Wer sind Sie?", stammelte Martin, der plötzlich das Gefühl hatte, dass seiner Mutter etwas Schreckliches zugestoßen war. Er schleppte sich zur Tür und sah die Frau an. Sie war vielleicht fünfzig Jahre alt und zeigte genau wie der Mann keinerlei Reaktionen. "Hat Ihnen meine Mutter die Tür aufgemacht? Was wollen Sie hier?", fragte Martin fast flehend und wischte sich über sein nasses Gesicht. Die Augen der Frau flößten ihm Angst ein. Er überlegte fieberhaft, was er tun sollte. Er zog die Frau von der Tür weg und gab ihr einen heftigen Stoß. Sie taumelte kurz und blieb dann im Regen stehen. Martin schlug die Tür zu und holte aus der Manteltasche den Schlüssel. Mit zitternden Fingern steckte er ihn ins Schloss und drehte ihn zweimal um. Er sah, dass seine Hand leicht blutete.

Er atmete tief durch und öffnete die Tür zum Treppenhaus. "Nein!", schrie er. Er raufte sich die Haare. "Mama, Mama, wo bist du?" Seine Frage verhallte ungehört im Treppenhaus. Die Angst hatte ihm die Kehle zugeschnürt. Die beiden Frauen, die auf grauen Decken am Boden saßen, blickten Martin an. Sie waren höchstens dreißig und sahen einander zum Verwechseln ähnlich. Waren es Zwillinge? Eine von ihnen neigte den Kopf leicht zur Seite und betrachtete Martin, als wäre er ein exotisches Wesen. "Bitte, bitte, sagen Sie mir, wer Sie sind und was Sie hier wollen! In diesem Haus gibt es nichts zu stehlen. Und was ist mit meiner Mutter? Was ist mit meiner Mutter?" Martin begann zu heulen, aber selbst darauf reagierten die beiden nicht. Wimmernd schlich Martin an ihnen vorbei. Auch sie waren barfuß. Er hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Überall am Boden waren dreckig-nasse Fußspuren zu sehen. Er betrat die Diele und sah durch die offene Wohnzimmertür, dass sich auch dort mehrere schwarz gekleidete Menschen aufhielten. Martin wankte und hielt sich die Hand vor den Mund. Er würgte und konnte gerade noch verhindern, dass er sich erbrach. Er hatte einen säuerlichen Geschmack im Mund und versuchte zu schlucken, aber sein Mund war vollkommen trocken. Die Leute im Wohnzimmer sahen Martin mit maskenhaften Gesichtern an und schwiegen. Er hob verzweifelt die Hände, ließ sie resigniert wieder sinken. Er betete zu Gott, dass seiner Mutter nichts zugestoßen war. Er schwor sich, nie wieder von ihrer Seite zu weichen. "Was habe ich verbrochen, dass ich so gestraft werde?", fragte er sich, während er die Küche betrat. Auch dort saßen dunkel gekleidete Männer und Frauen, die graue Decken bei sich hatten und barfuß waren. Durch sein Gehirn zuckten Gedankenblitze, die in keiner vernünftigen Beziehung zu dem standen, was in seinem Elternhaus gerade vor sich ging. Martin stieß die angelehnte Tür zum Nebenzimmer auf und blieb wie angewurzelt stehen. Im Bruchteil einer Sekunde wurde ihm bewusst, dass er dieses Bild bereits einmal gesehen hatte. Seine Mutter lag schlafend im Bett und wurde von einer jungen Frau, die sich an sie geschmiegt hatte, umarmt. Die Frau trug ein dunkles Kleid und war barfuß. Ihre graue Decke lag am Boden. Martin hielt sich am Türstock fest und begann zu stammeln. "Was tun Sie mit meiner Mutter?" Er drehte sich um, aber die Leute in der Küche schienen von den Vorgängen im Zimmer keinerlei Notiz zu nehmen. Martin wankte zum Bett und berührte mit zitternden Händen seine Mutter. Erleichtert stellte er fest, dass sie noch atmete. Er nahm den Arm der Frau und versuchte, ihn von seiner Mutter zu lösen. Die Frau, die vielleicht dreißig Jahre alt sein mochte und schwarze, lange Haare hatte, wimmerte nur und schlang ihren Arm gleich wieder um Martins Mutter. Martin kniete sich neben das Bett, er wurde von einem Weinkrampf geschüttelt. Er krallte sich am Leintuch fest und warf der Frau einen flehenden Blick zu. Das Geräusch in seinem Ohr war jetzt so laut, dass er glaubte, sein Kopf würde jeden Augenblick explodieren. Durch die tränenverschleierten Augen sah er das Kruzifix an der Wand, und er verfluchte jede Sekunde seines Lebens, in der er an Gott geglaubt hatte. Nie zuvor hatte Martin eine so tiefe, unerträgliche Verzweiflung gespürt.

Was konnten sie hier wollen?

Seine Mutter begann zu stöhnen. Martin fuhr erschrocken auf. Wenn Mama jetzt aufwacht, wird sie einen solchen Schock bekommen, dass sie sofort stirbt. Er nahm erneut den Arm der Frau und hielt ihn fest. "Bitte, bitte", flüsterte er, "bitte verschwinden Sie von hier! Meine Mutter ist schwer krank. Gehen Sie wenigstens in die Küche, damit meine Mutter in Ruhe weiterschlafen kann. In der Küche können wir über alles sprechen."

Die Frau setzte sich auf und warf Martin einen Blick zu, der ihm Angst einjagte. Jetzt schoss es ihm wie ein Blitz durch den Kopf. Die Frau erinnerte ihn an seine Mutter auf dem Foto mit seinem verstorbenen Bruder, und Martin war sich sicher, dass er sie bereits einmal im Bett mit seiner Mutter gesehen hatte, und zwar am Tag zuvor, als er das Blackout hatte.

Ohne ein Wort zu sagen, stieg die Frau aus dem Bett und griff nach ihrer Decke. Martin sah, dass ihre nassen Füße auf der nach unten geschobenen Bettdecke bereits Spuren hinterlassen hatten. Sie blieb neben dem Bett stehen und legte eine Hand auf die Wange von Martins Mutter. Entgeistert beobachtete er den Vorgang. Die Frau schloss die Augen und gab unverständliche, heisere Laute von sich. Anschließend breitete sie die graue Decke auf dem Boden aus und legte sich hin.

Martin kniete noch immer neben dem Bett und wartete darauf, von den Eindringlingen attackiert zu werden. Aber weder die Fremden in der Küche noch die Frau im Zimmer machten irgendwelche Anstalten in diese Richtung. Ihm fiel ein, dass seine Mutter am Tag zuvor im Halbschlaf etwas von einer Decke gemurmelt hatte, die ihr Vater bei seinem angeblichen nächtlichen Besuch bei sich gehabt hatte. Und hatte sie nicht auch erwähnt, dass sie von ihrer Mutter, "der Oma", berührt worden war? Halten sich diese Menschen schon länger im Haus auf? Langsam dämmerte Martin auch, woher die graue Decke stammte, die am Dachboden gehangen hatte. Aber trotzdem ergab das alles keinen Sinn. Wenn die Eindringlinge etwas hätten stehlen wollen, warum hatten sie das nicht schon längst getan? Aber was hätten sie überhaupt stehlen können? Soviel Martin wusste, befanden sich im Haus weder Wertgegenstände noch Bargeld, und das einzige Sparbuch, das seine Mutter besaß, hatte am Tag zuvor sein Bruder mitgenommen. Also, was konnten diese Menschen hier wollen?   (Vorabdruck, DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.1.2012)

Aus: Kurt Palm, "Die Besucher". € 21,90. Residenz-Verlag. Das Buch erscheint am 24. Jänner 2012.

  • "Besucher"-Autor Kurt Palm
    foto: m. mandel

    "Besucher"-Autor Kurt Palm

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