Verrückt machende Ohrgeräusche und eine Mutter, die im Sterben liegt. "Die Besucher" heißt der neue Roman von Kurt Palm
Wie ein geprügelter Hund schlich Martin die nächtliche Straße entlang
und ärgerte sich maßlos darüber, dass er sich auf diese hirnverbrannte
Aktion mit Manuela überhaupt eingelassen hatte. Eigentlich hätte er
wissen müssen, dass in seiner momentanen Lage nicht einmal ein
One-Night-Stand funktionieren würde. Als einziger Trost blieb ihm, dass
er Manuela nie wieder treffen würde. So gesehen war die ganze Geschichte
vielleicht weniger schlimm, als er gedacht hatte. Wenn er allerdings
wissen wollte, was es mit der verschwundenen Leiche und der grauen Decke
auf sich hatte, dann blieb ihm freilich nichts anderes übrig, als
Manuela doch noch einmal anzurufen. Martin schwor sich, seine Mutter nie
mehr alleine zu lassen.
Er bog von der Straße um die Thujenhecke und erstarrte. Sein Herz pochte
bis zum Hals und seine Knie zitterten. Um Gottes willen, was ist denn
hier los? Wer steht denn da in der Einfahrt, und warum brennen im Haus
alle Lichter? Martin spannte den Schirm ab und rannte auf den Mann zu,
der im strömenden Regen in der Einfahrt stand.
"Was wollen Sie hier?", schrie er ihn an. Martin hielt ihm seinen
Regenschirm wie eine Waffe entgegen. "Wer sind Sie und was haben Sie
hier verloren? Das hier ist Privatbesitz." Der Mann zeigte keinerlei
Reaktion und starrte Martin mit ausdruckslosem Gesicht an. Martin sah zu
seinem Wagen, der am Ende der Einfahrt stand. "Haben Sie versucht, mein
Auto zu stehlen? Es ist mitten in der Nacht. Was wollen Sie hier? Haben
Sie meine Mutter geweckt?" Martin merkte, dass er bereits vollkommen
durchnässt war. Auch der dunkle Anzug des Mannes, der immer noch
regungslos vor ihm stand, war klatschnass. Jetzt erst fiel Martin die
zusammengefaltete graue Decke auf, die der Mann unter den Arm geklemmt
hatte. Ach, du meine Güte! Ist das die graue Decke vom Dachboden? Martin
deutete auf die Decke. "Woher haben Sie diese Decke? Ich rufe sofort die
Polizei, wenn Sie nicht augenblicklich verschwinden." Er öffnete den
obersten Knopf seines Mantels und griff in die Innentasche seines
Sakkos. "Hier", sagte er zu dem Mann, und hielt ihm sein iPhone vors
Gesicht. "Hier ist mein Handy. Ich werde sofort die Polizei rufen, wenn
Sie nicht augenblicklich verschwinden." Mit zitternden Fingern versuchte
er, eine Nummer zu wählen, überlegte es sich aber wieder anders. Was
hätte er der Polizei auch sagen sollen?
Der Mann verhielt sich ruhig und machte keinerlei Anstalten, sich von
seinem Platz wegzubewegen. Auch der Regen, der über sein blasses Gesicht
lief, schien ihn nicht weiter zu stören. Martin fragte sich, ob ihn der
Mann überhaupt verstand. "Sprechen Sie Deutsch? Where do you come from?
What do you want here?" Der Mann verzog keine Miene.
Martin wurde wütend und packte den Mann am Arm. Für den Bruchteil einer
Sekunde stieg ihm ein eigenartiger Geruch in die Nase. Irgendwie roch es
nach nassem Hund. "Los! Sie kommen sofort mit, ich möchte Ihre
Personalien aufnehmen!" Während er den Mann hinter sich herzog, sah er
auf dessen Füße. Er blieb abrupt stehen. Wie die Tote im Krankenhaus,
von der ihm Manuela erzählt hatte, trug auch der Mann keine Schuhe.
Martin bekam es mit der Angst zu tun und überlegte, ob er davonlaufen
sollte. Aber im selben Augenblick wurde ihm klar, dass er das wegen
seiner Mutter gar nicht konnte. "Los, weiter!", sagte er und bog, den
Mann hinter sich herziehend, um die Hausecke. "Hilfe!", schrie er. Er
ließ den Mann los. Sein Schrei klang wie ein Krächzen. Martin musste
sich an der Hauswand abstützen. Sein Schirm fiel zu Boden, und Martin
begann am ganzen Körper zu zittern. Er biss sich in die Hand und spürte
etwas Warmes in seinem Mund.
Das Bild, das sich ihm bot, er-gab absolut keinen Sinn. In der offenen
Haustür stand eine Frau in einem dunklen Kleid, die eine graue Decke bei
sich hatte. Auch sie trug keine Schuhe. "Was wollen Sie hier? Wer sind
Sie?", stammelte Martin, der plötzlich das Gefühl hatte, dass seiner
Mutter etwas Schreckliches zugestoßen war. Er schleppte sich zur Tür und
sah die Frau an. Sie war vielleicht fünfzig Jahre alt und zeigte genau
wie der Mann keinerlei Reaktionen. "Hat Ihnen meine Mutter die Tür
aufgemacht? Was wollen Sie hier?", fragte Martin fast flehend und
wischte sich über sein nasses Gesicht. Die Augen der Frau flößten ihm
Angst ein. Er überlegte fieberhaft, was er tun sollte. Er zog die Frau
von der Tür weg und gab ihr einen heftigen Stoß. Sie taumelte kurz und
blieb dann im Regen stehen. Martin schlug die Tür zu und holte aus der
Manteltasche den Schlüssel. Mit zitternden Fingern steckte er ihn ins
Schloss und drehte ihn zweimal um. Er sah, dass seine Hand leicht
blutete.
Er atmete tief durch und öffnete die Tür zum Treppenhaus. "Nein!",
schrie er. Er raufte sich die Haare. "Mama, Mama, wo bist du?" Seine
Frage verhallte ungehört im Treppenhaus. Die Angst hatte ihm die Kehle
zugeschnürt. Die beiden Frauen, die auf grauen Decken am Boden saßen,
blickten Martin an. Sie waren höchstens dreißig und sahen einander zum
Verwechseln ähnlich. Waren es Zwillinge? Eine von ihnen neigte den Kopf
leicht zur Seite und betrachtete Martin, als wäre er ein exotisches
Wesen. "Bitte, bitte, sagen Sie mir, wer Sie sind und was Sie hier
wollen! In diesem Haus gibt es nichts zu stehlen. Und was ist mit meiner
Mutter? Was ist mit meiner Mutter?" Martin begann zu heulen, aber selbst
darauf reagierten die beiden nicht. Wimmernd schlich Martin an ihnen
vorbei. Auch sie waren barfuß. Er hatte das Gefühl, sich übergeben zu
müssen. Überall am Boden waren dreckig-nasse Fußspuren zu sehen. Er
betrat die Diele und sah durch die offene Wohnzimmertür, dass sich auch
dort mehrere schwarz gekleidete Menschen aufhielten. Martin wankte und
hielt sich die Hand vor den Mund. Er würgte und konnte gerade noch
verhindern, dass er sich erbrach. Er hatte einen säuerlichen Geschmack
im Mund und versuchte zu schlucken, aber sein Mund war vollkommen
trocken. Die Leute im Wohnzimmer sahen Martin mit maskenhaften
Gesichtern an und schwiegen. Er hob verzweifelt die Hände, ließ sie
resigniert wieder sinken. Er betete zu Gott, dass seiner Mutter nichts
zugestoßen war. Er schwor sich, nie wieder von ihrer Seite zu weichen.
"Was habe ich verbrochen, dass ich so gestraft werde?", fragte er sich,
während er die Küche betrat. Auch dort saßen dunkel gekleidete Männer
und Frauen, die graue Decken bei sich hatten und barfuß waren. Durch
sein Gehirn zuckten Gedankenblitze, die in keiner vernünftigen Beziehung
zu dem standen, was in seinem Elternhaus gerade vor sich ging. Martin
stieß die angelehnte Tür zum Nebenzimmer auf und blieb wie angewurzelt
stehen. Im Bruchteil einer Sekunde wurde ihm bewusst, dass er dieses
Bild bereits einmal gesehen hatte. Seine Mutter lag schlafend im Bett
und wurde von einer jungen Frau, die sich an sie geschmiegt hatte,
umarmt. Die Frau trug ein dunkles Kleid und war barfuß. Ihre graue Decke
lag am Boden. Martin hielt sich am Türstock fest und begann zu stammeln.
"Was tun Sie mit meiner Mutter?" Er drehte sich um, aber die Leute in
der Küche schienen von den Vorgängen im Zimmer keinerlei Notiz zu
nehmen. Martin wankte zum Bett und berührte mit zitternden Händen seine
Mutter. Erleichtert stellte er fest, dass sie noch atmete. Er nahm den
Arm der Frau und versuchte, ihn von seiner Mutter zu lösen. Die Frau,
die vielleicht dreißig Jahre alt sein mochte und schwarze, lange Haare
hatte, wimmerte nur und schlang ihren Arm gleich wieder um Martins
Mutter. Martin kniete sich neben das Bett, er wurde von einem Weinkrampf
geschüttelt. Er krallte sich am Leintuch fest und warf der Frau einen
flehenden Blick zu. Das Geräusch in seinem Ohr war jetzt so laut, dass
er glaubte, sein Kopf würde jeden Augenblick explodieren. Durch die
tränenverschleierten Augen sah er das Kruzifix an der Wand, und er
verfluchte jede Sekunde seines Lebens, in der er an Gott geglaubt hatte.
Nie zuvor hatte Martin eine so tiefe, unerträgliche Verzweiflung
gespürt.
Was konnten sie hier wollen?
Seine Mutter begann zu stöhnen. Martin fuhr erschrocken auf. Wenn Mama
jetzt aufwacht, wird sie einen solchen Schock bekommen, dass sie sofort
stirbt. Er nahm erneut den Arm der Frau und hielt ihn fest. "Bitte,
bitte", flüsterte er, "bitte verschwinden Sie von hier! Meine Mutter ist
schwer krank. Gehen Sie wenigstens in die Küche, damit meine Mutter in
Ruhe weiterschlafen kann. In der Küche können wir über alles sprechen."
Die Frau setzte sich auf und warf Martin einen Blick zu, der ihm Angst
einjagte. Jetzt schoss es ihm wie ein Blitz durch den Kopf. Die Frau
erinnerte ihn an seine Mutter auf dem Foto mit seinem verstorbenen
Bruder, und Martin war sich sicher, dass er sie bereits einmal im Bett
mit seiner Mutter gesehen hatte, und zwar am Tag zuvor, als er das
Blackout hatte.
Ohne ein Wort zu sagen, stieg die Frau aus dem Bett und griff nach ihrer
Decke. Martin sah, dass ihre nassen Füße auf der nach unten geschobenen
Bettdecke bereits Spuren hinterlassen hatten. Sie blieb neben dem Bett
stehen und legte eine Hand auf die Wange von Martins Mutter. Entgeistert
beobachtete er den Vorgang. Die Frau schloss die Augen und gab
unverständliche, heisere Laute von sich. Anschließend breitete sie die
graue Decke auf dem Boden aus und legte sich hin.
Martin kniete noch immer neben dem Bett und wartete darauf, von den
Eindringlingen attackiert zu werden. Aber weder die Fremden in der Küche
noch die Frau im Zimmer machten irgendwelche Anstalten in diese
Richtung. Ihm fiel ein, dass seine Mutter am Tag zuvor im Halbschlaf
etwas von einer Decke gemurmelt hatte, die ihr Vater bei seinem
angeblichen nächtlichen Besuch bei sich gehabt hatte. Und hatte sie
nicht auch erwähnt, dass sie von ihrer Mutter, "der Oma", berührt worden
war? Halten sich diese Menschen schon länger im Haus auf? Langsam
dämmerte Martin auch, woher die graue Decke stammte, die am Dachboden
gehangen hatte. Aber trotzdem ergab das alles keinen Sinn. Wenn die
Eindringlinge etwas hätten stehlen wollen, warum hatten sie das nicht
schon längst getan? Aber was hätten sie überhaupt stehlen können? Soviel
Martin wusste, befanden sich im Haus weder Wertgegenstände noch Bargeld,
und das einzige Sparbuch, das seine Mutter besaß, hatte am Tag zuvor
sein Bruder mitgenommen. Also, was konnten diese Menschen hier wollen? (Vorabdruck, DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.1.2012)
Aus: Kurt Palm, "Die Besucher". € 21,90. Residenz-Verlag. Das Buch
erscheint am 24. Jänner 2012.