"New York", ein Fotoband von Paolo Pellegrin und Stefan Pielow
Es stimmt, man kann es kaum mehr hören: New York ist die meist
fotografierte Stadt überhaupt. Aber man kann es immer noch sehen: dass
an ihr tatsächlich neue Seiten zu entdecken sind - vor allem, wenn man
ein gutes Thema hat. Mare, der Verlag, der sein Programm im Namen führt,
hatte das Thema von Haus aus: New York als "Meertropole". Gegründet
wurde sie ja als Hafen. Millionen kamen hier per Schiff am Tor zur Neuen
Welt an und prägen die Stadt bis heute.
Zwei Fotografen erkundeten also
das Leben an East, Hudson und Harlem River, Long Island Sound und
Atlantik: Der italienische Magnum-Fotograf Paolo Pellegrin zeigt sie
alle von oben, er sieht die Stadt in Nebel, Schnee und unter vielen
Wolken (letztlich auch alles Wasser), verirrt sich nur manchmal im Beton
der Häuserschluchten und im Granit des Central Park. Panoramen und
Nahaufnahmen fügt er zu einem meist düsteren, durchwegs beeindruckenden
Mosaik zusammen.
Einen ganz anderen Zugang wählte der Fotoreporter
Stefan Pielow aus Deutschland. Er porträtiert Menschen, die in
irgendeiner Weise mit dem alles umgebenden Element zu tun haben. Ob ein
Angler an der Jamaica Bay, ein Containerhafen-Chef, eine Schwimmerin
oder eine Jugendclique am Strand - Pielow hat sie an Ecken und Enden der
Stadt gefunden und inszeniert sie in ihrem Habitat: Den Historiker Fritz
Stern, der am liebsten in einem Ozeandampfer den Atlantik überquert,
lässt er die verehrte Queen Mary 2 vom benachbarten Pier aus bewundern.
Den Chefingenieur der Roosevelt Island Tramway lässt er in seiner
Seilbahn über den East River gleiten. Und Annie Novak darf auf ihrem
Dachgarten voller Beete, ebenfalls am Fluss, ihr Lieblingshuhn
herzeigen.
Die völlig unterschiedlichen Zugänge der beiden Fotografen
machen aus New York einen Führer zu einer vielfältig erlebbaren
Urbanität, zu ebener Erde und aus der sicheren, abstrahierenden Distanz
eines Helikopterflugs. Eine Studie also konträrer Möglichkeiten,
dokumentarisch zu fotografieren. (Michael Freund / DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.1.2012)