Roskosmos verdächtigt Radaranlage in Alaska als Ursache - Simulationen sollen Antworten liefern
Moskau - Nachdem die defekte russische Marsmond-Sonde
"Phobos-Grunt" am vergangenen Sonntag nach einer mehr als zwei Monate langen
Odyssee im Weltraum in den Pazifik gestürzt ist soll nun ein aufwendiges Experiment dabei helfen, die Ursache für die Panne zu finden. Konkret geht es den russischen Forschern um eine US-Radarstation in Alaska, die bei dem Absturz möglicherweise eine Rolle gespielt hat.
Messgeräte, wie sie auch an Bord des Flugkörpers waren, sollen in einem Labor in Moskau testweise Radar-Strahlung ausgesetzt werden, kündigte
Juri Koptew von der staatlichen Untersuchungskommission am Dienstag an.
Vize-Regierungschef Dmitri Rogosin nannte die Theorie "plausibel", dass ein
US-Radar auf den Marshallinseln die Instrumente der Sonde beeinflusst haben
könnte. "Falls sich dies bestätigt, würden wir technische und politische
Konsequenzen ziehen", sagte er.
Auch der Forscher Alexander Sacharow meinte, dass die rund 13,5 Tonnen
schwere Sonde nach dem Start vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan am 9.
November 2011 (Ortszeit) von dem Radar fehlgeleitet worden sein könnte. "Es ist
aber nur eine Version, wir legen den Untersuchungsbericht Ende Jänner vor",
wurde er von der Agentur Interfax zitiert. Rogosin schloss auch einen
Konstruktionsfehler als Grund für die Panne der 120 Millionen Euro teuren
Raumsonde nicht völlig aus.
Sturz in den Pazifik
Die defekte russische Raumsonde "Phobos-Grunt" war am 15 Jänner wie erwartet
unkontrolliert in die Erdatmosphäre gestürzt. Trümmer des
120-Millionen-Euro teuren Apparats schlugen im Pazifik ein. Die beim
Eintritt in die Atmosphäre nicht verglühten Teile seien gegen 18.45
Uhr MEZ in den Ozean gefallen. Das sagte der Sprecher der
russischen Verteidigungsministeriums Alexej Solotuchin nach Angaben
der Agentur Interfax.
Einheiten der militärischen Weltraumaufklärung hätten den Absturz
von Bodenstationen aus registriert, sagte Solotuchin. Nähere Angaben
zum Ort machte er zunächst nicht. Russischen Nachrichtenagenturen zufolge sind die Trümmer der Sonde weit von der chilenischen Küste entfernt ins Meer gestürzt. Sie seien 1.250 Kilometer westlich der Insel Wellington im Süden Chiles niedergegangen, wurde Solotuchin zitiert.
Gefahr galt als gering
Russische Raumfahrt-Experten hatten
Prognosen immer wieder korrigiert und zuletzt als möglichen
Absturzort auch den Atlantik genannt. Eine Gefahr für Menschen in bewohnten Gebieten durch nicht
verglühende Teile hatte als sehr gering gegolten, war aber nicht
ausgeschlossen worden. So war kurz auch ein Absturz über Argentinien
befürchtet worden. Roskosmos-Vizechef Anatoli Schilow hatte zuerst im Staatsfernsehen erklärt, dass die
Raumfahrt-Experten einen Absturzort in Brasilien errechnet hätten. "Falls
tatsächlich Trümmer auf die Erde gefallen sein sollten, wird sie schon jemand
finden", sagte er. Experten gehen davon aus, dass die Bruchstücke mit rund
21.000 Stundenkilometern zur Erde gerast sind.
Laut Schilow sollte die Marsmond-Sonde in etwa zehn Kilometern Höhe über dem
südamerikanischen Land zerrissen werden. "Niemand hat die Zerstörung des
Raumfahrt-Apparates beobachtet. Deshalb gibt es auch keine visuelle oder
irgendeine andere Bestätigung." Später folgte Roskosmos allerdings der (obigen) Darstellung des
russischen Verteidigungsministeriums.
Aufklärung und Hacker-Angriff
Vize-Regierungschef Dmitri Rogosin verlangte am Montag mit Nachdruck die Aufklärung
der Panne. Er fordere die Raumfahrtbehörde Roskosmos in Moskau auf, bis
31. Jänner die Gründe für das Scheitern der Marsmond-Mission und die Namen der
Schuldigen vorzulegen, schrieb Rogosin in einem Twitter-Eintrag.
Wegen eines massiven Hacker-Angriffs schaltete die Raumfahrtbehörde am
Montag die Staatsanwaltschaft ein. Unbekannte hätten die Internetseite genau im
Moment des Absturzes von "Phobos-Grunt" lahmgelegt, sagte Sprecher Alexej
Kusnezow.
Hintergrund
Die tonnenschwere Marsmond-Sonde flog nach ihrem Fehlstart im
November nicht in die gewünschte Richtung, sondern kreiste in immer
engeren Bahnen um die Erde herum. Die Giftstoffe im tonnenschweren
Treibstoff-Tank sowie das radioaktive Kobalt in einer Menge von rund
10 Mikrogramm an Bord sollten nach Angaben der russischen
Raumfahrtbehörde Roskosmos verbrennen oder verglühen. An Bord der
Sonde waren auch Behälter mit Mikroorganismen, Mückenlarven,
Krebstieren und Samen.
"Phobos-Grunt" war am 9. November 2011 vom Weltraumbahnhof
Baikonur in Kasachstan gestartet und sollte bis 2014 im All bleiben,
den Marsmond Phobos erforschen sowie Proben mit zur Erde bringen.
Mit der ersten interplanetaren Mission seit 15 Jahren hatte die
Raumfahrtnation Russland nach zahlreichen Rückschlägen wieder
international Eindruck machen wollen.
Pläne
Für den 26. Jänner kündigte Roskosmos die nächste Mission vom Weltraumbahnhof
Baikonur in Kasachstan an. Beim ersten von geplanten 36 Starts in diesem Jahr
soll ein unbemannter Frachter Nachschub zur Internationalen Raumstation ISS
bringen. (APA/red)