Howard Jacobsons komisches Un-PC-Meisterwerk über die Suche nach jüdischer Identität
Was ist nun dieser Julian Treslove? Ein mamser oder ein schlemihl, ein
Strolch oder ein Unglücksvogel? Oder ein ganeff, ein Gauner, der sich
eine neue, andere Identität aneignet?
Jedenfalls ist er ein trauriger Tropf. Geht er, der Ex-BBC-Redakteur,
der Ex-Kulturmanager, durch seine Heimatstadt London, dann befürchtet er
zu stolpern und sich ein Bein zu brechen, von einem Auto überfahren oder
von einem Gerüst begraben zu werden.
Eine Träne nachweinen würden ihm, der sich mittlerweile als
professioneller Doppelgänger durchschlägt (allerdings bei wechselnder
Beleuchtung immer wieder anderen ähnelt) weder eine seiner
Ex-Freundinnen noch die zwei spitzzüngigen zwei Mütter seiner zwei
erwachsenen Söhne, mit deren Erziehung er glücklicherweise nicht
molestiert wurde. Höchstens seine zwei Freunde würden trauern, der
90-jährige Libor Sevcik, der seit seiner Flucht 1948 aus Prag in London
lebt und jahrzehntelang ein sehr gefragter Society- und
Hollywoodklatschreporter und Intimus von Marlene Dietrich und Marilyn
Monroe war, und Sam Finkler, so alt wie Julian, also um die 50, seit
Kindheit an Freund und Rivale und inzwischen ein gefragter Salon- und
Radiophilosoph, der Bestseller mit Titeln wie "Der Existenzialist in der
Küche" veröffentlicht hat.
Nach einem gemeinsamen Abendessen wird Julian nächtens auf dem Weg nach
Hause überfallen und ausgeraubt. Das für ihn Erschütternde: Der Täter
war eine Frau. Die ihn als "Jude" beschimpfte! Vielleicht hat er sich
auch verhört.
Aber was, wenn nicht? Und was hätte sie damit meinen können? Dies ist
für den ohnehin nur aus Skrupeln bestehenden Julian eine Zäsur, ein
emotional aufwühlender Strudel, in den er gesogen wird.
Was, wenn er tatsächlich Jude wäre? Gäbe es da eine Gemeinschaft,
endlich, für ihn, der so leicht und so unbemerkt wie ein Blatt durch die
Gesellschaft weht und von Frauen so unproblematisch abgelegt und
entsorgt wurde wie ein vollgeschriebenes Blatt Papier? Kann man als Goj
wirklich Jude werden? Wie geht das? Und ist man dann automatisch Opfer?
Oder nicht doch angesichts der Politik Israels Täter und irgendwie
Faschist?
An Libor und Sam, beide Juden, beide fundamental gänzlich anders geartet
in ihrem Verhältnis zum Judentum, sieht er, was das bedeutet, bedeuten
kann. Und auch wieder nicht heißt. Vor allem Letzteres: was es nun ganz
und gar nicht bedeutet. Nämlich etwas Einheitliches.
Libor und Sam verbindet dafür anderes. Beide sind jüngst Witwer
geworden, beider Frauen ragen aber noch immer in ihr gelebtes Leben.
Weil Libors Liebe zu Malkie auch nach mehr als 50 Jahren Zusammensein
nicht vergeht. Und weil andererseits Tyler noch immer Sams mehr oder
wenige punktuelle Affären überschattet, so wie sie das auch als Lebende
tat. Für Treslove ist die Frage nach dem Judesein die große
"Finkler"-Frage. Denn alle Juden sind für ihn "Finkler".
Der 1942 geborene Londoner Autor Howard Jacobson, in Großbritannien seit
Jahren hochgelobt und vielpubliziert, hierzulande bis dato völlig
unbekannt und unübersetzt, hat im letzten Jahr für diesen Roman Englands
bedeutendsten Literaturpreis, den Booker Prize, zugesprochen bekommen.
Was keine Buchseite lang verwundert. Er schreibt schlichtweg blendend.
Derart grandiose Dialoge, in denen es so schnell, gewitzt, schrill,
realitätsgenau abgehört aneinander vorbeiredend und schneidend böse
zugeht, hat man schon länger nicht mehr in einem europäischen
Gegenwartsroman gelesen.
Viele Passagen sind wirbelnde Sophistereien. Und seine Darstellung der
zahllosen innerjüdischen Fraktionen und Mini-Faktionen - von jüdischen
Antizionisten bis zu zionistischen Antisemiten, von zynisch ihre
Disputationspartner erledigenden Akademikern bis zu den beruflich nur
mäßig erfolgreichen Nachkommen - ist einfach urkomisch. Und trifft ins
Schwarze.
So etwa die Erfindung der Vereinigung der ASCHandjidden, einer
Assoziation anarchistischer Israelverächter, die sich für ihr eigenes
Judesein öffentlich schämen und die ihre Vereinssitzungen im Groucho (!)
Club abhalten. Das hätten der Namenspate Groucho Marx, Jerry Seinfeld,
der mittlere Philip Roth und der junge Woody Allen nicht besser,
gnadenloser und pointengespickter erfinden können.
Doch bei aller satirischen Zuspitzung, bei allem Sarkasmus und den
vielen ätzenden Parodien - hinter Sam, dem extrem leichtgewichtigen
Essayisten, lugt etwa der Westentaschenphilosoph Alain de Botton hervor
- verbirgt sich eine große Zuneigung des Autors zu seinen Figuren.
Keine seiner Figuren, auch nicht Julians späte Liebe zur
schwergewichtigen Jüdin Hepzaibah, die ein Museum für anglojüdische
Kultur konzipiert, wird von Jacobson denunziert. Im Gegenteil, jeder
Charakter, in seiner Selbstzerrissenheit, seiner impressionistischen
Melancholie, der Sinnsuche und dem hektischen Hedonismus, ist mit Wärme
gezeichnet.
Die Finkler-Frage ist ein grandioses Buch, vielleicht einer der besten
Romane, die seit Jahren aus dem Vereinten Königreich gekommen sind, das
sozial so stark zerrissen ist wie kaum ein anderes Land in Europa. (Alexander Kluy / DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.1.2012)
Howard Jacobson, "Die Finkler-Frage". Aus dem Englischen von Bernhard
Robben. € 23,70 / 448 Seiten. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2011