"Die Finkler-Frage"

Ein trauriger Vogel

14. Jänner 2012, 20:40

Howard Jacobsons komisches Un-PC-Meisterwerk über die Suche nach jüdischer Identität

Was ist nun dieser Julian Treslove? Ein mamser oder ein schlemihl, ein Strolch oder ein Unglücksvogel? Oder ein ganeff, ein Gauner, der sich eine neue, andere Identität aneignet?

Jedenfalls ist er ein trauriger Tropf. Geht er, der Ex-BBC-Redakteur, der Ex-Kulturmanager, durch seine Heimatstadt London, dann befürchtet er zu stolpern und sich ein Bein zu brechen, von einem Auto überfahren oder von einem Gerüst begraben zu werden.

Eine Träne nachweinen würden ihm, der sich mittlerweile als professioneller Doppelgänger durchschlägt (allerdings bei wechselnder Beleuchtung immer wieder anderen ähnelt) weder eine seiner Ex-Freundinnen noch die zwei spitzzüngigen zwei Mütter seiner zwei erwachsenen Söhne, mit deren Erziehung er glücklicherweise nicht molestiert wurde. Höchstens seine zwei Freunde würden trauern, der 90-jährige Libor Sevcik, der seit seiner Flucht 1948 aus Prag in London lebt und jahrzehntelang ein sehr gefragter Society- und Hollywoodklatschreporter und Intimus von Marlene Dietrich und Marilyn Monroe war, und Sam Finkler, so alt wie Julian, also um die 50, seit Kindheit an Freund und Rivale und inzwischen ein gefragter Salon- und Radiophilosoph, der Bestseller mit Titeln wie "Der Existenzialist in der Küche" veröffentlicht hat.

Nach einem gemeinsamen Abendessen wird Julian nächtens auf dem Weg nach Hause überfallen und ausgeraubt. Das für ihn Erschütternde: Der Täter war eine Frau. Die ihn als "Jude" beschimpfte! Vielleicht hat er sich auch verhört.

Aber was, wenn nicht? Und was hätte sie damit meinen können? Dies ist für den ohnehin nur aus Skrupeln bestehenden Julian eine Zäsur, ein emotional aufwühlender Strudel, in den er gesogen wird.

Was, wenn er tatsächlich Jude wäre? Gäbe es da eine Gemeinschaft, endlich, für ihn, der so leicht und so unbemerkt wie ein Blatt durch die Gesellschaft weht und von Frauen so unproblematisch abgelegt und entsorgt wurde wie ein vollgeschriebenes Blatt Papier? Kann man als Goj wirklich Jude werden? Wie geht das? Und ist man dann automatisch Opfer? Oder nicht doch angesichts der Politik Israels Täter und irgendwie Faschist?

An Libor und Sam, beide Juden, beide fundamental gänzlich anders geartet in ihrem Verhältnis zum Judentum, sieht er, was das bedeutet, bedeuten kann. Und auch wieder nicht heißt. Vor allem Letzteres: was es nun ganz und gar nicht bedeutet. Nämlich etwas Einheitliches.

Libor und Sam verbindet dafür anderes. Beide sind jüngst Witwer geworden, beider Frauen ragen aber noch immer in ihr gelebtes Leben. Weil Libors Liebe zu Malkie auch nach mehr als 50 Jahren Zusammensein nicht vergeht. Und weil andererseits Tyler noch immer Sams mehr oder wenige punktuelle Affären überschattet, so wie sie das auch als Lebende tat. Für Treslove ist die Frage nach dem Judesein die große "Finkler"-Frage. Denn alle Juden sind für ihn "Finkler".

Der 1942 geborene Londoner Autor Howard Jacobson, in Großbritannien seit Jahren hochgelobt und vielpubliziert, hierzulande bis dato völlig unbekannt und unübersetzt, hat im letzten Jahr für diesen Roman Englands bedeutendsten Literaturpreis, den Booker Prize, zugesprochen bekommen.

Was keine Buchseite lang verwundert. Er schreibt schlichtweg blendend. Derart grandiose Dialoge, in denen es so schnell, gewitzt, schrill, realitätsgenau abgehört aneinander vorbeiredend und schneidend böse zugeht, hat man schon länger nicht mehr in einem europäischen Gegenwartsroman gelesen.

Viele Passagen sind wirbelnde Sophistereien. Und seine Darstellung der zahllosen innerjüdischen Fraktionen und Mini-Faktionen - von jüdischen Antizionisten bis zu zionistischen Antisemiten, von zynisch ihre Disputationspartner erledigenden Akademikern bis zu den beruflich nur mäßig erfolgreichen Nachkommen - ist einfach urkomisch. Und trifft ins Schwarze.

So etwa die Erfindung der Vereinigung der ASCHandjidden, einer Assoziation anarchistischer Israelverächter, die sich für ihr eigenes Judesein öffentlich schämen und die ihre Vereinssitzungen im Groucho (!) Club abhalten. Das hätten der Namenspate Groucho Marx, Jerry Seinfeld, der mittlere Philip Roth und der junge Woody Allen nicht besser, gnadenloser und pointengespickter erfinden können.

Doch bei aller satirischen Zuspitzung, bei allem Sarkasmus und den vielen ätzenden Parodien - hinter Sam, dem extrem leichtgewichtigen Essayisten, lugt etwa der Westentaschenphilosoph Alain de Botton hervor - verbirgt sich eine große Zuneigung des Autors zu seinen Figuren.

Keine seiner Figuren, auch nicht Julians späte Liebe zur schwergewichtigen Jüdin Hepzaibah, die ein Museum für anglojüdische Kultur konzipiert, wird von Jacobson denunziert. Im Gegenteil, jeder Charakter, in seiner Selbstzerrissenheit, seiner impressionistischen Melancholie, der Sinnsuche und dem hektischen Hedonismus, ist mit Wärme gezeichnet.

Die Finkler-Frage ist ein grandioses Buch, vielleicht einer der besten Romane, die seit Jahren aus dem Vereinten Königreich gekommen sind, das sozial so stark zerrissen ist wie kaum ein anderes Land in Europa.  (Alexander Kluy / DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.1.2012)

Howard Jacobson, "Die Finkler-Frage". Aus dem Englischen von Bernhard Robben. € 23,70 / 448 Seiten. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2011

mostbirn
01
28.1.2012, 11:18
lang

Als eBook (EPUB) hat das Buch 322 Seiten, die Hälfte würde völlig genügen. Es gibt die eine oder andere witzige Szene und Formulierung. Aber die sich ständig wiederholenden Fragen, die sich die Hauptfigur stellt, nerven den Leser mindestens so, wie seine Exfrauen.
Die diversen jüdischen oder antijüdischen Bewegungen wurden in "Das Leben des Brian" schon wesentlich witziger aufs Korn genommen.

santa fe
 
70
15.1.2012, 04:30

klingt interressant. die wahre lösung der judenfrage ist die aufdeckung ihrer totalen widersprüchlichkeit, die sie mit der menschheitsfrage gemeinsam hat.

Postingname geändert
00
15.1.2012, 17:46
westlich von santa fe...

jenseits von gut und boese.

hans graucher
01
15.1.2012, 01:50

Habe das Buch letztes Jahr gelesen, und kann mich dem Gesagten nur anschließen. Howard Jacobson gilt schon seit langem als der "englische Phillip Roth" und The Finkler Question gehört zu seinen besten Werken.
Wer den inhärenten Wortwitz und die Authentizität der Figuren und Dialoge voll auskosten möchte, dem sei meiner Meinung nach die englische Version dringend ans Herz gelegt!

SterzinOz
00
17.1.2012, 01:52
Ich persönlioch fand die Originalversion eher enttäuschend.

Der Humor bewegt sich eher in der inzwischen eher ermatteten Tradition englischen literarischen Scherzwesens, wie sie von Vater und Sohn Amis vertreten wird - von der sarkastischen Schärfe, die aus Phillip Roth's besseren Büchern spricht, findet sich da kaum ein Hauch. Und die Figuren fand ich keineswegs "authentisch", sondern sehr stark typisiert.

wizenstain
01
14.1.2012, 21:25

endlich einmal ein tipp,
danke!

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