Stevia, der große Bluff

Gabriela Poller-Hartig
16. Jänner 2012, 06:15
  • Stevioglycoside haben bis auf die Süßkraft 
wenig mit ihrem pflanzlichen Ursprung zu tun.
    foto: sigrid rossmann/www.pixelio.de

    Stevioglycoside haben bis auf die Süßkraft wenig mit ihrem pflanzlichen Ursprung zu tun.

Das Süßkraut Stevia kommt nur chemisch extrahiert als E 960 in Nahrungsmittel - Dennoch verbreiten Hersteller den Mythos vom "natürlichen" Süßstoff

Die guten Eigenschaften des Süßungsmittels Stevia klingen verheißungsvoll: Die Süßkraft soll 300- bis 400-mal stärker sein als die weißen Zuckers, es verursacht weder Karies noch zusätzliche Kilo auf der Waage, und es ist pflanzlichen Ursprungs. Zuckerliebhabern scheint der seit 2. Dezember 2011 von der EU zugelassene Nahrungszusatz auf biologischem Weg Figur und Zähne zu retten.

Der Erwartung, dass die Extrakte der Stevia-rebaudiana-Blätter gesünder als herkömmliche natürliche und chemische Süßstoffe sind, erteilt die Ernährungswissenschaftlerin Marlies Gruber allerdings einen Dämpfer. "Es ist wie bei allen Lebensmitteln: Die Menge entscheidet über gesund und ungesund", sagt Gruber. "Ein Vorteil, den Stevia gegenüber Zucker aber besitzt: Es beeinflusst den Blutzuckerspiegel nicht." 

Für diese Eigenschaft des Süßkrauts sind die Glykoside Steviosid und Rebausiosid verantwortlich. Das Molekül, das diese beiden organischen Verbindungen enthält, ist sehr stabil und durchwandert den menschlichen Verdauungstrakt unverändert. Da die Substanz erst gar nicht verstoffwechselt wird, ist sie praktisch kalorienfrei und beeinflusst den Blutzuckerspiegel nicht. Der Konsum hat somit keinen Einfluss auf den Insulinhaushalt. Süßen tun Steviablätter trotzdem, und zwar zehn- bis 30-mal stärker als weißer Zucker, reines Steviosid sogar 300-mal mehr.

Wenig übrig vom pflanzlichen Ursprung

Der deutsche Publizist und Ernährungsfachmann Sven-David Müller bezeichnet den Hype um Stevia gar als großen Bluff der Nahrungsmittelindustrie. Sein Hauptkritikpunkt: In der EU-Verordnung 1131/2011 werden Steviolglycoside zugelassen, die mit chemischen Verfahren aus den Blättern der Stevia-Pflanze extrahiert werden und bis auf die Süßkraft wenig von ihrem pflanzlichen Ursprung behalten. "Es ist bedauerlich, dass der Verbraucher jetzt mit der Zulassung von Steviolglycosiden anstatt Stevia-Blättern regelrecht hinters Licht geführt wird", schreibt Müller auf seiner Website. Der Lebensmittelzusatzstoff E 960, als der Stevioglycoside auf Verpackungen gekennzeichnet werden müssen, sei nicht mehr bio oder natürlicher als zum Beispiel Saccharin, das ebenso wie Stevia die Kalorienarmut zu seinen verkaufsfördernden Eigenschaften zählt. "Steviolglycoside aus den Laboren der Chemieindustrie bringen keinerlei Vorteile gegenüber bereits lange zugelassenen Süßstoffen", resümiert Müller.

Obwohl die Blätter der Stevia-Pflanze in den Küchen Südamerikas und Asiens schon seit Jahrhunderten verkocht werden, bleibt in der EU der unbehandelte Einsatz der Pflanze in Nahrungsmitteln illegal. "Da spielen Sicherheitsbedenken eine Rolle", sagt Gruber. Sie ist wissenschaftliche Leiterin des Forums Ernährung heute. "Die getrockneten Blätter sind schwer zu identifizieren. Der Zusatzstoff E 960 hat aber nicht mehr viel mit dem Nimbus der Stevia-Pflanze zu tun." Auch Müller rät puristischen Anhängern der natürlichen Süße zum Kauf der Pflanze. 

"Für mich ist E 960 nicht mehr als ein weiteres Süßungsmittel, das sicher Anhänger durch das Versprechen des 'Naturprodukts' haben wird", meint Marlies Gruber. "Meiner Einschätzung nach wird es sich wegen des bitteren Nachgeschmacks aber nicht so ganz etablieren."

Neues Wellnessgetränk Stevita

Auf die natürliche Karte setzen die ersten heimischen Getränkehersteller, die Stevioglycoside verwenden, in ihrem Marketing. "Für uns stand die Innovation im Vordergrund: Stevia erlaubt uns, auf gesunde Art zu süßen. Der pflanzliche Ursprung ist ein Vorteil", sagt Radlberger-Geschäftsführer Christian Weisz. Der niederösterreichische Limonadenproduzent hat bereits Mitte Dezember mit "Stevita" ein neues Wellnessgetränk auf den Markt gebracht. Bei Stevita ist der Name Programm: Radlberger verwendet bei dem Getränk nur E 960 zur Süßung und setzt keine weiteren Zuckerableger zu. Die fünf Kilokalorien, die 100 Milliliter des Getränks enthalten, kommen von den beigemischten Fruchtsäften, die den Eigengeschmack von Stevia übertünchen. "Die Vollsüßung durch Stevia ist eine Revolution bei den Wellnessgetränken, auf die wir stolz sind", sagt Weisz. Mit dem jungen Getränk Stevita stecke Radlberger noch voll im Distributionsaufbau, die Nachfrage nach den ersten Wochen sei aber extrem groß. "Auch von unseren Handelspartnern bekommen wir sehr positiven Response", zeigt sich Weisz zufrieden.

Dem Verbraucher wird Stevia in heimischen Supermärkten also hauptsächlich in Gestalt von E 960 unter den Inhaltsstoffen von Konserven, Limonaden, Säften, Marmeladen, Fertiggerichten, aromatisierten Milchprodukten, Speiseeis, Backwaren und behandelten Fischprodukten begegnen. Auch als Tafelsüße ähnlich Saccharin ist Stevioglycosid zugelassen. (derStandard.at, 13.1.2012)

Hintergrund

Die Pflanze Stevia rebaudiana ist als Strauch in Brasilien und Paraguay beheimatet. Die Einheimischen nennen sie "Honigblatt" und verwenden sie zum Kochen und Süßen. Stevia rebaudiana gehört zur Familie der Korbblütler und ist eine mehrjährige staudenartige Pflanze. In freier Natur wird Stevia etwa 60 Zentimeter groß, kultivierte Sorten erreichen eine Höhe von 90 Zentimetern.
Vor der EU-weiten Zulassung von Stevioglycosid als Lebensmittelzusatz per 2. Dezember wurde Stevia bereits in der Naturkosmetik als Badezusatz und als Inhaltsstoff für Zahn- und Hautcremes verwendet.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat festgestellt, dass das Süßungsmittel weder krebserregend noch genotoxisch ist und auch nicht mit Störungen der Fruchtbarkeit in Verbindung gebracht werden kann. Allerdings hat die Behörde für Steviolglycoside eine annehmbare tägliche Aufnahme (Acceptable Daily Intake, ADI) von vier Milligramm pro Kilo Körpergewicht pro Tag festgelegt. Die ADI könnte sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern, die zum Beispiel große Mengen an aromatisierten Getränken konsumieren, überschritten werden. 

Wohl um diese Warnung der EFSA zu berücksichtigen, hat die EU-Kommission in der Verordnung 1131/2011 Höchstmengen festgelegt. So sind in Milchprodukten und Fruchtnektaren 100 Milligramm pro Liter erlaubt.

Amtsblatt der EU-Kommission zur Verordnung

forum.ernährung heute 

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Über die Frage der Natürlichkeit kann ich nur schmunzeln, da...

...auch Zucker raffiniert hergestellt wird und ich keinen Unterschied zu Stevia-Glycosid E960 sehen kann. Die chemische Bezeichnung von Zucker lautet übrigens: "1-a-D-Glucopyranosyl-2-ß-D-fructofuranosid, CAS Registry Number: 57-50-1". Klingt auch nicht sehr lecker, oder?

Der Geschmack ist das Problem

Seit den 70er Jahren wird versucht Stevia auf dem europäischen Markt zu platzieren. Zur Zeit mit dem Argument es sei so gesund und natürlichen Ursprungs. In Japan hat es sich gehalten, in Europa war es - wegen des Verdachts krebserregend zu sein - großteils verboten, aber auch dort wo es erlaubt war, war es nicht erfolgreich am Markt.
Warum? Ich glaube am besten findet man das durch einen Selbsttest heraus. Stevia schmeckt süß aber "anders" als Zucker, es hat einen leichten aber hartnäckigen bitter-trockenen Geschmack im Abgang. Da alle Süßungsmittel unter nicht bewiesenem bzw. widerlegtem Krebserregungsverdacht stehen, ist es wohl reine Geschmackssache welchen man wählt. Am Besten ist es wohl, man verzichtet überhaupt auf Süßungsmittel...

geh blödsinn in europa hat das zuckerrübenkartell das sagen und so wie in den USA dei papierindustrie Hanf mit allen mittel und idioten argumenten soagr weltweit verbannte weil man mit hanf veil weniger verdeint so is mit den Zuckerrübenkartell alles verhindert worden und scheinargumente wie krebs erzählt worden ! jetzt is alles anders den dei Zuckerrüben kan man zu biosprit verarbeiten und das gibts noch viel merh GELD zu holen als mit zucker zum süßen ........ fazit alles betrug überrinsg wegen zigaretten http://tinyurl.com/d67t6pw

Stevia in Japan

In Japan wird Stevia schon seit Jahren verwendet. Cola, Kaugummi, Zuckerl usw. Es liegt also nur daran, dass sich unsere Politiker kaufen lassen und dieses Produkt nicht verwendet oder nur schleppend verwendet werden darf.
Man stelle sich vor was das für ein Ausfall der Zuckerindustrie bedeuten würde....Es geht also wie immer nur ums Geld. Gesundheitsdschäden= Kollateralschaden.

Es gibt bereits Stevia Schokolade und sie ist lecker!

Weil Schokolade oft zum Großteil aus Zucker besteht, hat man mit Steviaschoko mehr Schoko in der Schoko.

Vielleicht sind wir die letzte Generation, die ständig zum Zahnarzt laufen muss...

Steviaschoko gibts zB. hier: http://shop.steviaschoko.at

LG

Warum ist die so teuer? E 960 ist ja viel billiger als Zucker.
Weil es so "gesund" ist, oder was?

Ein weiteres Argument:

Wenn aus zB. aus 50% Zuckerinhalt, 1% Stevia wird, dann muss der Rest mit etwas aufgefüllt werden. Viele verwenden für diesen Rest Kakao. Kakao ist teurer als Zucker, daher steigt auch der Preis.

Sie könnten den Preis und das Gewicht direkt mit hochwertiger 99% Schokolade vergleichen. Dann werden Sie feststellen, dass viele Steviaschokoladen sogar billiger sind.

Schönen Gruß!

Ich mag Milchschschokolade mit hohem Kakaoanteil um die 50% , das wurde aber leider verbockt: Die Milchschoko hat nur 35%, stattdessen wurden Ballaststoffe in die Schokolade gesteckt...schade.

Schokoladenwahl

Dann brauchen Sie die 55% Schokolade, die bei Cavalier "Zartbitter" heißt. ;-) Die Hersteller benennen Mischungen mit 30-40% Kakaoanteil üblicherweise als Vollmilchschokoladen.
Link zur Schoko: http://shop.steviaschoko.at/de/schoko... tafel.html

Als Füllstoff wird bei Stevia-Schokoladen zumeist Erythritol verwendet. Das ist ein natürlich gewonnener Zuckeralkohol, der nahezu Null Kalorien hat. Mehr dazu finden Sie auch hier: http://www.stesweet.com/de/erythritol.html

Beste Grüße!

Ok, danke für den Hinweis, denn normalerweise enthalten "Zartbitterschokoladen" keinen Milchanteil sondern sind eher dunkle Schokoladen, oft mit für ihre Kategorie eher niedrigem Kakaoanteil (Es gibt ja auch 80-99%-ige Dunkelschokos).
Dunkle Milchschokoladen dagegen bekommt man seltener, immerhin haben es welche von Zotter und Rausch bereits in die Supermärkte geschafft. Also, wenn mir die Stevia -Schokolade unterkommt, werde ich sie gerne mal probieren.

Da die Produktionszahlen noch sehr gering sind,...

...sind die Produktionskosten höher. Alles eine Frage der Zeit.

süßstoff gibts eh schon *schulterzuck*

für diese idiotische überschrift sollten die stevia-produzenten den standard klagen! das ist eine falsche und irreführende feststellung. oder haben sie nur auf das fragezeichen vergessen?

Sicherheitsbedenken?

... bleibt in der EU der unbehandelte Einsatz der Pflanze in Nahrungsmitteln illegal. "Da spielen Sicherheitsbedenken eine Rolle", sagt Gruber. Sie ist wissenschaftliche Leiterin des Forums Ernährung heute. "Die getrockneten Blätter sind schwer zu identifizieren. ...

Das ist sicher kein Argument. Fürchtet man, dass man Steviablätter mit Ungraut streckt?

Dazu gibt es Etiketten!!!

PS: Dann müsste man auch BIO verbieten, weil man - wie man gesehen hat - Tonnen von Paradeisern (Tomaten) als Bio verkaufen konnte.

Soviel ich weiß, sind es einfach paar Richtlinien die für sich durchaus Sinn machen, aber hier dumm zusammen laufen.

1) Es darf als Lebensmittel verwendet werden, was schon immer hier gegessen wurde, oder für neues müssen aufwendige Tests durchgeführt werden.

2) Pflanzen wie sie in der Natur vorkommen, können verständlicherweise nicht patentiert werden.

-> Niemand zahlt die Tests um Stevia zuzulassen, weil damit keine Patentrechte zu sichern sind und die Investition kein Sinn macht.

Doch gesund...

Lieber Standard, könntet Ihr bitte nachfragen, wieso es deutliche Hinweise in Studien gibt, dass Stevia gerade für Diabetiker sehr gesund sein könnte, und dennnoch Frau Gruber das einfach abtut? Auf welche Studien bezieht sie sich? Ich beziehe mich auf die in der Wikipedia zitierten Studien: http://en.wikipedia.org/wiki/Stev... and_safety

absichtlich irreführende und falsche überschrift ?

Extraktion (von lateinisch extrahere ‚herausziehen‘) ist ein physikalisches Stofftrennverfahren, bei dem mit Hilfe eines Extraktionsmittels (in diesem Falle ein Lösungsmittel, gegebenenfalls erwärmt) eine Komponente aus einem festen oder flüssigen Stoffgemisch, dem sogenannten Extraktionsgut, gelöst wird: Das Lösungsmittel zieht den in ihm besser löslichen Stoff aus dem Gemisch.

tolles Kraut

dieses Stevia, kann man im Garten anbauen und unkompliziert verwenden, ich habe es schon für viele Süßspeisen verwendet, aber es gibt auch Honig, Ahornsirup und viele andere Alternativen zum raffinierten Zucker, jeder hat so seine Vorteile und Nachteile bzw. Eigengeschmack. Einfach hin und wieder abwechseln ist sicher am gesündesten.

Mittlerweile hab ich's auch probiert

es wird wohl bei dem einen Mal bleiben ... Hoffentlich

Dass es wiedermal einen Haufen Gegner gibt wundert mich nicht in der Neidgesellschaft in der wir leben - ist ja mit den Elektroautos auch nix anderes...

Das liegt wohl hauptsächlich an der Urheberrechtslage.

Der Coca Cola Konzern besitzt nemlich alle (nicht nur die relevanten, wirklich alle) Patente für die Extraktion von E960 aus der Stevia.

Und aus der Ecke kommt der maßgebliche Druck, "Stevia als Pflanze" in der EU --NICHT-- (!!!) zuzulassen.
Da könnt ja jeder Dahergelaufene seinen Zuckerersatzstoff im Balkonkisterl ziehen, wo käme ma denn da hin?

Is vergleichbar wie bei Dronabinol vs. Hanf.

Xylit ist eine gute Alternative

Xylit schmeckt nicht bitter wie Stevia, und wenn man das Naturprodukt (Birkenzucker) kauft, hat es sogar gesundheitsfördernde Wirkung.
Einfach mal nach Xylit googeln.

Aber Achtung - als Folge Xylit-haltigen Ernährung wurde Oxalstein-Bildung in der Niere beschrieben.

Hängt da nicht voll der Coka-Cola Konzern drin?

Meines Wissens hält dieser alle relevanten Patente zur Gewinnung des E960 aus der Steviapflanze.
Radlberger

SG Standard: Versuchen Sie mal ein Interview in diese Richtung:
Sie werden erstaunt sein an wieviele Wände sie laufen bzw. Off-Records Angagen bekommen.

hä?

BTW das war nicht soo schwer zu googeln
http://en.wikipedia.org/wiki/Stev... ialization

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