Schweiz - Deutschland

Wulff, Hildebrand und die Pressefreiheit

Kommentar der anderen | 12. Jänner 2012, 19:42

Vergleichende Betrachtungen zur "Glaubwürdigkeit" angesichts der medial orchestrierten Politskandale um den ehemaligen Chef der Schweizer Notenbank und den immer noch amtierenden deutschen Bundespräsidenten - Von Rudolf Walther

Das Geheul der Berufsschweizer war allgemein und sehr laut, als deutsche Behörden anfingen, CDs zu kaufen, auf denen die Daten von kriminellen Steuerbetrügern dokumentiert waren. "Hehlerei" und "Kumpanei mit Kriminellen" waren noch die sanftesten Ausdrücke, mit denen man deutsche Behörden und Politiker bedachte. Voran ritt Christoph Blocher - Schlossbesitzer, Milliardär und Vizepräsident der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP). Das Geheul der Eliten wuchs sich zum Volkszorn aus, als der damalige Finanzminister Peer Steinbrück im März 2009 ironisch mit einem Ausritt der Kavallerie zu den "Indianern" im Alpenland "drohte" .

Und jetzt das. Der Angestellte einer Schweizer Privatbank erhielt Einblick in die Konten von Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand und seiner Frau Kashya, einer amerikanischen Ex-Bankerin und Galeristin. Der Bankangestellte hegte den Verdacht auf Insidergeschäfte, fotografierte den Kontoauszug und konsultierte einen Schul- und Parteifreund, den jetzigen Anwalt und SVP-Abgeordneten Hermann Lei mit der Bitte um Rechtsauskunft. An eine mediale Auswertung seines Datendiebstahls dachte der Bankangestellte nicht, denn er war sich der strafrechtlichen Konsequenzen bewusst. Der Parteifreund und Anwalt scherte sich nicht darum und dachte nur an die Partei, die eben zwei Wahlniederlagen erlitten hatte. Er übergab die "Beweise" dem Parteihäuptling Blocher, der damit zur Bundespräsidentin lief, um den Nationalbankpräsidenten anzuschwärzen. Blocher tat also genau das, was er den deutschen Behörden stets vorwarf: Verwendung illegal erworbener Beweise.

Die Bundesratspräsidentin blieb cool, ließ Blochers Dokumente von Fachleuten prüfen und kam zum Ergebnis, Beweise für illegale Insidergeschäfte des Notenbankpräsidenten seien das nicht. Nun sprang die SVP-Prätorianergarde der Weltwoche Blocher bei: Sie nannte den Nationalbankpräsidenten einen "Gauner und Lügner" und löste damit einen Sturm aus, der Hildebrand unter Erklärungsdruck setzte. Er schwieg lange, trat dann spät vor die Presse und veröffentlichte Mails, die belegen sollten, dass seine Frau ohne sein Wissen, aber über sein Konto, 500.000 Dollar kaufte und mit 75.000 Franken Gewinn wieder verkaufte, als der Präsidentengatte den Mindestkurs des Franken auf 1.20 festsetzte, wodurch auch der Dollar stieg und die Kasse bei Hildebrands klingelte. Hildebrand bekam kalte Füße und spendete das Geld einer Hilfsorganisation. Zu seiner Rechtfertigung konnte er nur vorbringen, er lüge nicht. Ein Verdacht bleibt jedoch, wenn man bedenkt, dass auch Frau Hildebrand vom Bankfach etwas versteht und anzunehmen ist, dass die beiden beim Frühstück nicht nur über die Konsistenz der Eier sprachen.

Hildebrand spürte wohl, dass er mit seiner späten Rechtfertigung den Verdacht nicht wegwischen konnte. Er trat am Montag zurück, um die "Glaubwürdigkeit der Notenbank zu schützen". Diese Einsicht ehrt den Mann.

Der Unterschied zwischen Hildebrand und Bundespräsident Wulff ist subtil, aber wichtig: Wulff hat ebenfalls kein Gesetz gebrochen, aber bei der Erklärung seines Verhaltens so viele Eseleien begangen, dass er mit seiner Salamitaktik ebenso zur unglaubwürdigen Witzfigur geworden ist wie der ertappte Betrüger zu Guttenberg. Und hier liegt die Differenz zu den Vorgängen in der Schweiz: Wulffs größte Eselei war, dass er sich gemein machte mit den Finken des schmierigen Boulevard, aber so naiv war zu glauben, er werde diese wieder los, wenn sie ihn ärgerten. Er beschimpfte sie telefonisch, wie man Freunde beschimpft, wenn sie einen ärgern. Und, einmal in Rage geraten, drohte er ihnen mit "Krieg" - gegen die Pressefreiheit?! Aber die Bild-Leute waren nicht Wulffs Freunde, sondern nur gierige Infohändler, Wulffs Kriegsdrohung leeres Geschwätz. Der Präsident stolperte ihnen ins Netz und zappelt seither darin, und Diekmann & Co erfreuen sich insgeheim an der erpressten Solidarität der Qualitätszeitungen mit ihrem Kampf für Pressefreiheit.

Hildebrand dagegen hat - falls er nicht lügt - "nur" den moralischen Fehler begangen, seine Frau Geschäfte machen zu lassen, die man ihm nicht durchgehen lassen kann. Mithilfe eines subalternen Bankangestellten inszenierte Blocher dann mit seiner SVP-Clique und der Weltwoche eine Intrige, um den Notenbankpräsidenten zu Fall zu bringen. Der nämlich ist den SVP-Berufsschweizern ein Gräuel, weil er die Bigotterie im Namen der helvetischen Trinität von "Bankgeheimnis" , "Neutralität" und "Anti-Europa" als Sackgasse erkannt hat und das Land öffnen wollte - gegen die Barrikaden-Politik der SVP...

Apropos Blocher: Der kam, anders als Hildebrand, durch ein Insidergeschäft zu seinem Milliardenvermögen - er verkaufte 1983 als Geschäftsführer des Besitzers über einen Strohmann für 20 Millionen Franken eine Fabrik an sich selbst, deren Wert Experten auf 80 Millionen beziffern. Der Mann sitzt im Glashaus und wirft wild mit Steinen um sich. (Rudolf Walther, DER STANDARD, Printausgabe, 13.1.2012)

Autor

Rudolf Walther, Historiker und Publizist, lebt in Frankfurt, zuletzt erschien von ihm der Essay-Band "Aufgreifen, begreifen, angreifen"  (Verlag M &V, 2011).

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21 Postings
Andreas W
00
13.1.2012, 17:05
Naja, das mit dem Gesetzesbruch ist wohl nicht so klar!

Denn einem Minister ist jegliche Geschenkannahme per Gesetz untersagt - ein Kredit, der ihm deutlich weniger kostet als jedem anderen bei gleicher Bonitaet ist ein klarer Vermoegensvorteil, sohin entweder ein Geschenk oder eine Gegenleistung, dann waer's sogar genauso verbotene Bestechung im Amt.

Aber Wulff wir sowieso erst wieder glaubwuerdig sein, wenn er offen zugibt und erklaert, dass er grundsaetzlich bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Haende aufgehalten hat und auch immer wieder tun wird, weil er ja ach so viele reiche Freunde hat.

suboptimal
 
02
14.1.2012, 00:51
Wenn er grundsaetzlich bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Haende aufgehalten hat,

dann tät dieser Raffzahn ganz sicher keinen Kredit für sein popeliges Klinkerhäuschen brauchen. Das widerspricht sich ja.
Irgendwo haben sie in ihrer Wahrnehmung einen Denkfehler drinnen.
*lach*

lingam
00
13.1.2012, 16:53
ein brillanter kommentar

consul
00
13.1.2012, 14:48

Bildzeitung, Krone, Heute, etc brauchen keine Pressefreiheit sondern eine Presseleine mit der man sie erwürgen sollte. soviel Unwahrheiten und Halbwahrheiten, die dort verbreitet werden und zur Verhetzung des Volkes führen - nur um Auflagen zu pushen - rechtfertigen keine freie Presse. Für jeder Lüge gehören die zur Rechenschaft gezogen..

SOUND GUIDE
00
13.1.2012, 14:33
Ich wäre froh, hätten wir in Österreich auch nur solche Sorgen mit unseren Politikern

regen bringt segen
00
13.1.2012, 12:15
gesetzesbruch?

[...]"Wulff hat ebenfalls kein Gesetz gebrochen"[...]

das konnte bislang noch nicht eindeutig geklaert werden.

Fux220385
00
13.1.2012, 11:41

Na da hät der Hildebrand wohl besser die anderen mitkassieren lassen sollen, dann wäre er noch Präsident der Nationalbank :D

Seine Freunde von so einem Geschäft auszuschließen geht doch einfach gar nicht.

charley franchini
00
13.1.2012, 09:42

hoffentlich hat roger koeppel seinen safari-urlaub in blochers schloss transparent und zum marktwert abgegolten.

1116er
01
13.1.2012, 08:37
ein unterschied wurde ebenfalls nicht dezidiert herausgearbeitet:

in deutschland gibt es keinerlei parteipolitisches hickhack wegen wulff. die opposition ist nobel und äussert sich so gut wie nicht. zumindest lässt sie die großen geschütze zu hause.

nicht so in der ach so tollen und ach so demokratischen schweiz: ein schmierfinkenland ist das im vergleich zu deutschland!

wer einem blocher derart viele stimmen gibt, hat einen nationalen klescher oder ist eine moralische sau!

duplo66
00
13.1.2012, 10:56

Wenn ein Land den Begriff "Schmierfinkland" ganz besonders verdient, dann ganz bestimmt Österreich. Die Politiker und Bürger dieses Landes sollten sich endlich einmal aufraffen, den ganzen Korruptionssumpf trocken zu legen.

Leider scheint man eher daran interessiert, über andere herzuziehen, vor der eigenen Türe zu kehren ist zu anstrengend. Die Quittung dafür sind lahme Politiker, völlig verfehlte Finanz- und Bildungspolitik, dazu ein extrem hoher Schuldenberg trotz einer der höchsten Steuerquoten der so genannt "modernen Welt". Schöne Zustände.

Da lobe ich mir meine Heimat, auch wenn vieles leider "stinkt". Aber wenigstens scheinen einige Reinigungsprozesse noch zu wirken. Auch Blocher kann noch tief fallen.

Petronius Arbiter
02
13.1.2012, 07:34
Tante Angela,

wohl aus Angst vor einem Rotkäppchen im Palais Bellevue, ist hier offenbar einem Schaf im Wulffspelz aufgesessen - wie peinlich!

Petronius Arbiter
00
13.1.2012, 06:41
Tante Angela,

vor lauter Angst ein Rotkäppchen könnte ins Schloss Bellevue einziehen, ist da wohl einem Schaf im Wulffspelz aufgesessen...

Tilman S
03
15.1.2012, 00:55
Glückwunsch

Ihr Posting hats in die Online-Ausgabe des "Focus" geschafft ;D
http://www.focus.de/politik/d... 02492.html

suboptimal
 
02
15.1.2012, 12:30
ein Standard-Posting im FOCUS toppt wirklich alles ….

FOCUS: „Tante Angela, wohl aus Angst vor einem Rotkäppchen im Palais Bellevue, ist hier offenbar einem Schaf im Wulffspelz aufgesessen – wie peinlich“, schreibt etwa ein KOMMENTATOR des „Standard“.

ha ha ha

suboptimal
 
04
13.1.2012, 01:43
Ich hab mir die wichtigen Fragen der "WELT" an Wulff / seinen RA reingezogen. Mein persönlicher Favorit und absoluter Rang 1 ist:

22.12.: Falls Sie aus Zeitgründen nicht alle Fragen sofort beantworten können, so bitten wir doch Beantwortung dieser Frage umgehend, spätestens bis 17 Uhr. Nachdem diese innerhalb der gesetzten Frist nicht beantwortet wurde, stellt die Redaktion noch am Abend eine weitere Anfrage:
http://forwardme.de/6411df.go

Rang 2:
Was weiß der Bundespräsident über die Herkunft des Geldes? Kann er sich sicher sein, dass es sich um ordentlich versteuertes Geld handelt?

Rang 3: Wie hoch ist das Anwaltshonorar, das Sie dem Bundespräsidenten für Ihre Leistungen ... in Rechnung stellen werden? Ist Schuldner der Verpflichtung der Bundespräsident oder Dritte? Und wenn Dritte: Wer sind diese Personen?

Das richtet sich alles selbst.
:-)

der schwitzbär der schwitzt sehr
34
13.1.2012, 01:34
schon ein Unterschied

Der Haushalt Hildebrand hat der Schweizer NB 75.000 Franken gekostet

Wulff hat niemandem was weggenommen

Er hat nach seiner Scheidung nicht rausposaunt "Ja, ich musste mir was pumpen"

Daß er als langjähriger Ministerpräsident die 500.000
- für das keineswegs tolle Haus
- in der keineswegs tollen Gegend
=>
nicht auf der hohen Kante hatte, ehrt ihn als ehrlichen Menschen

Andere hatten kein Problem, das Geld für den Bauernhof in Kitz aus dem Ärmel zu schütteln

Wulff hat gesagt, was er sagen mußte, und der Rest geht niemanden was an.

Kottan's Erben
 
12
13.1.2012, 01:10
Die Ärmsten, die ja nur Fehler gemacht haben

Der arme Bundespräsident, der ins Netz der Bild-Zeitung stolpert?
Nein, der Herr war sich im Machtrausch nicht bewußt, dass es Grenzen gibt. So, wie er den Diekmann und den Höpfner zusammen gepfiffen hat, so wird schon vorher manchen in die Knie gezwungen haben. Der Herr Ministerpräsident oder Bundespräsident.
Solche Typen (und anders kann es nicht ausgedrückt werden) und ein derartiges Handeln passen nicht in eine Demokratie.
Ebensowenig wie ein Notenbankpräsident, dessen Frau die Deals für ihn abwickelt.
Wenn dieser meint, dass er für seine Dienste zu wenig Geld erhält, sollte er mal arbeiten und die Verantwortung für das tragen, was er anrichtet.
So, wie ein kleiner Dachdecker, Maurer, Klempner oder Landwirt.

Albert Wittwer
41
12.1.2012, 21:05
da klaffen doch wohl Welten

sich Anfüttern lassen ist in zivilisierten Staaten ein Delikt. Daß eine Investmentbankerin erkennt, daß der Frankenkurs zur Rettung der Schweizer Wirtschaft durch Interventionen beeinflusst werden wird, eine völlig andere. Letzteres ist eine branchenübliche Spekulation, die jedem Fremdvergleich standhält, ersteres nicht. Wer kriegt schon einen Gratiskredit, wenn er nicht Amtsträger ist?

Perynt
01
12.1.2012, 20:15
Ich weiss jetzt nicht

was ich dazu schreiben soll....

mikromalist
 
11
12.1.2012, 20:11
Ich verstehe diese intellektuellen

Verschlingungen nicht. Wenn der kleine Dieb in grosser Position durch einen grossen Dieb zu Fall kommt, trägt der kleine Dieb in grosser Position dann weniger Schuld?
Der schreckliche Blocher und die unsägliche Bild. Sind sie nicht Probleme, welches orthogonal dazu zu untersuchen sind? Politisch, zivilrechtlich, strafrechtlich, ...
Zeugt es von der Integrität eines Praesidenten, wenn er der Gossenpresse, welcher er sich häufig bediente, den persönlichen Krieg androht?

Ist es nicht genau diese die-sind-ja-noch-aerger Abwiegeungen nicht genau das Substrat, auf welchem systemische Korruption wächst?

Was wird einmal mit Fay und der Gossenpresse in AT?

Der Ruhestifter
 
02
12.1.2012, 23:21
Ja, erinnert an 'snoopy schreibt ein buch'!

Irgendwo gehört ein pirat und eine borgia rein, und am schluss wird das ganze zu einer geschichte über die sioux verknotet.

Tatsächlich haben wulff und blocher inhaltlich nichts miteinander zu tun. Und auch ihre weitere karriere dürfte unterschiedlich sein: an wulff wird man sich in einem jahr nur noch als einen schmierigen typen erinnern, der sein amt der tatsache zu verdanken hatte, dass die blutige angela alle intellektuell ernst zu nehmenden konkurrenten aus dem weg geräumt und sich mit lemuren umgeben hat. Blocher wird uns, fürchte ich, noch länger erhalten bleiben.

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