Zu früh gefreut

Kommentar |

Die EZB ist nicht aus dem Schneider

Als europäischer Wirtschaftspolitiker kann man das Prinzip Hoffnung dieser Tage gar nicht hoch genug halten. Nun wurden gleich zwei Schuldenstaaten an einem Tag an den Kapitalmärkten mit Geld statt Watschen überschüttet. Das riecht geradezu nach erfolgreicher Krisenbekämpfung. Speziell Spanien erfreute sich trotz niedrigerer Zinsen einer großen Nachfrage von Investoren.

Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank, nutzte die gute Investorenlaune: Er verkündete nach der donnerstäglichen Zinssitzung mit stolzgeschwellter Brust, dass die jüngste Maßnahme der EZB (489 Milliarden Euro Kredit an Europas Banken über drei Jahre) effektiv sei. Die Kreditklemme sei damit wohl verhindert.

Der Italiener an der Spitze der Zentralbank ist etwas früh dran. Europas Politiker dürfen erst durchatmen, wenn Italien über den Schuldenberg ist. Der wirkliche Test sind dabei milliardenschwere Finanzierungslücken in den kommenden Monaten. Wenn das Land mit strukturellen Maßnahmen Investoren überzeugen kann, auch langfristig Geld zu leihen, wird die Entspannung folgen. Doch diese Aufgabe wird angesichts der drohenden Rezession nicht einfacher.

Die EZB ist nicht aus dem Schneider. Wenn das technokratische Experiment der ökonomischen Wiederbelebung Italiens nicht gelingt, muss Draghi Ernst machen. Dann bleibt nur noch die direkte Staatsfinanzierung - oder das Aus für die Eurozone in ihrer jetzigen Form. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.1.2012)

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