Österreich als Sitcom

Kolumne | Günter Traxler, 12. Jänner 2012, 18:53

"Die Pelinkas": Den Rohentwurf des Drehbuchs legten die Akteure zuletzt in den Printmedien vor

So viele gute Ideen, wie man einem zahlenden Publikum gehobene Unterhaltung mit pädagogischem Tiefgang bieten könnte, schwirren im ORF nicht herum, als dass die Programmmacher das Beste unbeachtet links liegen lassen sollten, noch dazu, wenn es ihnen frei Haus geliefert wird. "Two & a Half Men", die "Simpsons" - alles nichts gegen eine Sitcom, deren Stoff sich allmählich von selber anhäuft und bei der man sich sogar den Chor eingeblendeter Hintergrundlacher sparen könnte, weil von Herzen kommende Heiterkeit garantiert ist: "Die Pelinkas".

Den Rohentwurf des Drehbuchs legten die Akteure - ohne zur Sippenhaftung gezwungen zu sein - zuletzt in den Printmedien vor, und es wäre schade, das Visionäre des Stoffes nicht ins Televisionäre zu erweitern. Da wäre einmal der strebsame junge Mann, der von sich schwärmt: "Ich erfülle meine Aufgaben gut und effizient", was ihn wohltuend von weniger schlüpfrigen Gleichaltrigen unterscheidet und den echten Österreicher schon immer ausgezeichnet hat. Er sucht Erfüllung ohnehin nur in der Leitung eines Büros, doch dunkle Wolken ballen sich über diesem ohnehin bescheidenen Ehrgeiz zusammen.

Da kommt ein missgünstiger Onkel ins Spiel, der die Karriere des Neffen mit scheelen Augen verfolgt und rät: "Er sollte im Ausland studieren und sich dem Wiener Milieu entziehen." Doch sein teuflischer Plan geht nicht auf. Genug studiert, den Neffen quält Tatendurst, den auch der zwischen Entsetzen und Bewunderung schwankende Vater nicht zu löschen vermag. Er will ihn von der Büroleitung abbringen - vielleicht nur aus Angst, weil er selber in Büronähe engagiert ist? -, schreibt sogar, wie einer Wochenschrift nicht entgeht, Leserbriefe, doch alles vergebens. Ein Schicksalsdrama, wie es dramatischer nicht sein könnte, bahnt sich an. Der Vater "sitzt erschöpft im News-Tower, blickt über Wien und erkennt, wie brutal die heimische Medienszene ist" - und jetzt, volle Tragik - "die er ja auch selbst repräsentiert". Sophokles, blicke hernieder!

So erschöpft der Vater vom nachweislichen Abraten ist, er ist auch stolz auf seinen Sohn, denn der "lebt, denkt und arbeitet seit acht Jahren eigenständig", was nicht jeder Vater in - auch persönlichen - Anmerkungen als News unters Volk streuen kann. Er hat seinem Sohn von der effizienten Büroleitung zunächst abgeraten, doch nun sieht er seinen Fehler ein. Der junge Mann würde doch nicht so dumm sein, das auch nur zu probieren. Er "glaubt auch, dass sich noch alle wundern werden über seinen Sohn". Er werde sich von den Genossen abnabeln, ab nun das Büro nur noch gut, aber ohne besagte Effizienz leiten. "Die Politik, das habe der Filius erkannt, produziere nur Verhärtung." Sollte er dennoch darauf bestehen, seine Aufgabe gut und effizient zu erfüllen, würde er väterliche Autorität endlich doch zu spüren bekommen. "Wenn er es ernsthaft wagt, hau ich ihm persönlich eine Watschen runter." Jetzt aber bitte keine "humorlosen Reaktionen"!

Wie es weitergeht, wenn der Filius es zuerst nur scherzhaft, dann aber doch einmal effizient verhärtet wagt, könnte der Stoff einer langen erfolgreichen Serie sein. (DER STANDARD; Printausgabe, 13.1.2012)

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Kommentar posten
14 Postings
Felix Schoitl
00
21.1.2012, 15:57
Ach, wie war das doch nett bei den Leitners!

too small to bail
12
13.1.2012, 13:39

der stoff ist doch viel zu schade, das ist großes kino!

arbeitstitel: wer hat angst vor armin wolf?

hauptrollen:

(natürlich) nicholas ofczarek und claudia kottal (als laura)
boris becker als peter p.
michael douglas als anton p.

und otto waalkes als "se preim minista"

soundtrack: nik p.

bei der regie schwank ich zwischen james cameron und reinhard schwabenitzky (dann muss aber auch die elfi eschke eine rolle bekommen.)

readymate
00
13.1.2012, 13:27
Für den Misik

bräucht ma auch noch ein Platzerl in dem Stück!

http://derstandard.at/132548585... ilschaften

.

Jake Gittes
00
13.1.2012, 09:14

Herrlich!

Wieviel Demokratie ist es bitte?
06
13.1.2012, 08:49
Das PR-Desaster

der Pelinkas (alle angeblich Politik - und Medienprofis) ist von einem Lugner'schen nicht zu unterscheiden.

Falls zwei der drei je so etwas wie Reputation halbwegs erfolgreich simulieren konnten, ist die jetzt natürlich für immer im Eimer.

Der Nachwuchs kam noch nichtmal dazu, jemals eine zu simulieren.

An deren Stelle, würde ich mich höchstens noch mit einer Plywood-Box, über'n Gesichtsverlust gestülpt, aus dem Haus trauen - wenn überhaupt noch.

http://s2.desktopia.net/wp-conten... 75x460.jpg

Wo woar mei Leistung?
05
13.1.2012, 08:25
Der Pelinka-Clan hat sich selbst desavouiert

Dass sie sich als moralische Instanz des Landes inszenieren - was ja ihre Masche war -, geht nun nicht mehr.

Man hat erkannt: Sie sind eine zutiefst österreichische Familie. Um keinen Deut besser, wahrscheinlich aber auch nicht schlechter. Sie geben momentan eben eine äußerst unglückliche, zum Teil skurille Figur ab.

Londo Mollari
 
03
13.1.2012, 07:27
brilliante idee! "der freundeskreis" als sitcom

mit laura rudas als wunderliche nachbarin, häupl als gemütlicher onkel mit weisen ratschlägen und flachmann, pelinka jun. als womanizer und faymann als schusseliger nerd - ahhhhhh... eine wunderbare vorstellung.

HVA
13
13.1.2012, 05:27
Österreich als Sitcom

warum Sitcom!

alt bewährte ORF-Eigenproduktion -
Die liebe Familie

- Papa & Sohn Pelinka
- der liebe Onkel Michi
- dazu eine nette Freundin Laura
- als guter Hausgeist die Dorli
- die liebe Tante Renate

systemfehler1
00
12.1.2012, 21:48
Aber bitte in Dolby-Surround und

3-D. Das lenkt von der eigentlichen Seichtheit der Komödie ab.

mikromalist
 
13
12.1.2012, 21:24
Fantastisch. Ich verbeuge mich sonst nicht.

Aber diesmal lasse ich meinen alten Rücken knacken und knarzen?

Arbeiter
00
12.1.2012, 21:20
Die gemeinsame Linie von Onkel und Vater und deren Rolle in den Medien,

das wär schon ernstlich was zum Analysieren. Ob der Bua bzw. Neffe inhaltlich irgendwas meint oder will, ist noch eine Frage.

Aung San Suu Tschi
 
06
12.1.2012, 20:23
Traxler: Österreich als Sitcom, Jauffret: Das ziemlich nihilistische Österreich nimmt sich nicht ernst

Ein Tag, eine Zeitung, zwei Ansichten. Die wie sehr oft alles verblödelnde Innenansicht eines guten Journalisten & die kartesianisch strenge Außenansicht eines Literaten.

Durch die EU-Mitgliedschaft sind wir gezwungen, europäische Meinungen über uns zumindest zu hören, wenn wir sie auch - wieder - nicht ernst nehmen können.

"Pelinkas Glück und Ende mitten im Achten" ist sicher witzig. Aber es ist auch tragisch, weil es zeigt, wie sehr wir als quasi-inzestuöse nationale Familie in einem geistigen Keller leben.

Jeder ist mit fast jedem in Politik-Wirtschaft-Kultur verwandt, profitiert ein bissl davon, hält daher bald den Mund & verschlampt dabei eines: Die persönliche Entwicklung zum Menschen mit Rückgrat.

So bleibt alles beim Alten.

Aung San Suu Tschi
 
02
12.1.2012, 20:52

Der Roman von Régis Jauffret heißt Claustria, d.i. eine Mischung aus "claustration" (= Einschließung) und Austria.

http://www.lexpress.fr/culture/l... 69565.html

In dieser Buchbesprechung werden Details (z.B. das Betäuben der Kinder) erwähnt, die in der öst. Presse nie erwähnt wurden.

Gerhard Grabner
014
12.1.2012, 19:49
Auf Traxler ist verlass!

Endlich eine angemessene Würdigung der ganzen Kausa! Danke! :-)

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