Die hohen Zuckerpreise erfreuen nicht die Konsumenten, aber Konzerne wie Agrana - Deren Chef spricht über die Marktregulierungen
Standard: Zucker hat sich massiv verteuert. Und das nach einer EU-Zuckermarktreform, die sechs Milliarden Euro gekostet hat. Wie passt das zusammen?
Marihart: Die Reform wurde gemacht, weil die Welthandelsorganisation WTO den Re-Export von AKP-Zucker (Zucker aus den Ländern Afrikas, der Karibik und des Pazifiks, Anm.) verboten hat. Gleichzeitig sollte die EU für Zuckerimporte der LDC (Least Developed Countries, Anm.) geöffnet werden. Was die EU-Kommission allerdings nicht voraussehen konnte, war, dass der Weltmarktpreis für Zucker so in die Höhe geht.
Standard: Warum der Anstieg?
Marihart: Die Weltmarktpreise für Zucker haben sich, wie beim Getreide auch, verdoppelt. Es gibt eine weltweit gestiegene Nachfrage bei den Schwellenländern: nach Getreide, weil der Fleischkonsum mit steigendem Wohlstand steigt. Und nach Zucker, der, vor allem in Brasilien, in die Bioethanolproduktion geht. Hinzu kamen noch Witterungsextreme, die sich auf Ernten auswirkten.
Standard: Das heißt, seitdem man mit Zucker Geld machen kann, produziert die EU nicht mehr genug. Gibt es in der EU Engpässe?
Marihart: Nicht mehr. Kurzfristig ist es dazu gekommen, weil man auf eine solche Situation nicht eingestellt war. Schließlich produziert die EU seit der Reform nur mehr 85 Prozent des Eigenbedarfs; der Rest muss am Weltmarkt zugekauft werden. Nun ist das Preisniveau in der EU zwar niedriger als am Weltmarkt - aber die Annahme, dass Entwicklungsländer zu billigen Preisen in die EU importieren würden und nicht auf den Weltmarkt ausweichen, wo sie höhere Preise erzielen können, war natürlich unrealistsch. Die Entwicklungsländer sind auf andere Märkte ausgewichen, die oft näher liegen und gleiches Preisniveau wie die EU garantieren.
Standard: Aber könnte man das System nicht wieder hochfahren?
Marihart: Das geht nicht. Kommissionsvorgabe bei der Zuckermarktreform war, dass entsprechend viele Zuckerfabriken komplett abgebaut, "dismantled" werden. Von den ehemals 150 Zuckerfabriken in der EU sind nur hundert übrig geblieben.
Standard: Zumindest profitieren Zuckerverarbeiter wie die Agrana von der Situation.
Marihart: Ja, das ist richtig. Mit dem höheren Preisniveau haben Rübenbauern und wir vernünftige Margen. Wir sind jetzt auf einem Niveau, wo man beim Zucker wieder reinvestieren kann.
Standard: Nun ist das System in Europa aber noch immer reglementiert. Die Quoten, die genau vorgeben, wie viele Zuckerrüben angebaut werden dürfen, sollen bis 2015 ganz auslaufen. Vernünftig?
Marihart: Meiner Meinung nach nicht. Die EU würde sich mit einem Auslaufen des Quotensystems völlig dem Weltmarkt aussetzen. Da geht es dann nicht mehr um den hohen Preis; das kann dann wirklich zu einer Frage der Verfügbarkeit werden.
Standard: Ist der pflanzliche Süßstoff Stevia, der nun in der EU zugelassen wurde, eine Konkurrenz?
Marihart: Ich denke nicht. Stevia wird eher eine Konkurrenz für künstliche Süßstoffe, nicht für den Zucker. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 13.1.2012)
JOHANN MARIHART (61) ist Vorstandsvorsitzender des zu Raiffeisen gehörenden Zucker-, Frucht- und Stärkekonzerns Agrana. Der Niederösterreicher ist Chef des Europäischen Zuckerverbandes.