Mordpläne, Krawalle und ein wenig Zuversicht

13. Jänner 2012, 06:15
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Die Lage der Roma-Minderheit hat sich nach den pogromartigen Ausschreitungen vom vergangenen Jahr entspannt

Eine NGO kämpft gegen Vorurteile in der Bevölkerung an und hat die Unterstützung der Regierung.

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Sofia/Istanbul - Ljubomir Kadrawik alias Der Gelockte und die Goranow-Brüder führten nichts Gutes im Schilde, so sieht es die bulgarische Polizei. Sie hat das Roma-Trio unter dringendem Mordverdacht festgenommen. Die drei "Roma-Barone", wie sie in bulgarischen Medien betitelt werden, sollen den Mord an einem Staatsanwalt vom obersten Berufungsgericht in Sofia und zwei Roma-Politikern in Auftrag gegeben haben.

Es sind genau diese Art von Geschichten, die das Geschäft von Teodora Krumowa schwermachen. Die Chefin der Roma-NGO Amalipe sieht sich durch die Machenschaften von Kriminellen in der Roma-Gemeinschaft gehindert, bei Politikern und in der Öffentlichkeit in Bulgarien mehr Anerkennung für die Probleme der Zehn-Prozent-Minderheit zu bekommen.

"Roma sind kriminell, stinken und haben viele Kinder", hörte Krumowa, als sie unlängst in einer Schulklasse von 16-Jährigen zu Besuch war. "Könnt ihr den Geruch von Roma beschreiben?", wollte sie wissen. "Habt ihr gemerkt, wie sich die Luft im Klassenzimmer geändert hat, seit ich hier bin?" Dann seien die Jugendlichen mit einem Mal ruhiger geworden und hätten überlegt, erzählt sie. Keiner kannte einen Roma.

Wut gegen "Zar Kiro"

Es waren vor allem Jugendliche, die sich im vergangenen September an den landesweiten pogromähnlichen Ausschreitungen gegen Roma beteiligt hätten. Mehr als 300 Personen nahm die Polizei damals fest. Der Tod eines ethnischen "weißen" Bulgaren, der von einem Auto überfahren worden war, hatte Krawalle und Brandschatzungen ausgelöst.

Die Wut richtete sich gegen "Zar Kiro", einen einflussreichen, mutmaßlich kriminellen Roma-Boss, dessen Sicherheitsleute den jungen Bulgaren überfahren hatten. Kiril Rashkow, wie er mit bürgerlichen Namen heißt, soll auch an dem Mordkomplott des "Gelockten" und der Gebrüder Goranow beteiligt sein. Er ist seit den Pogromen in Haft.

"Es hatte sich in der bulgarischen Bevölkerung so viel angestaut gegen die Roma. Es kam heraus, und dann war es auch vorbei", sagt Teodora Krumowa heute. Sie ist vorsichtig optimistisch: Bei den Präsidenten- und Kommunalwahlen nach den Pogromen erlitten die Rechtsextremen eine Niederlage. Die Regierung, insbesondere die stellvertretende Bildungs- und Jugendministerin Milena Damianowa, will einführen, was es in Bulgarien bisher nicht gab: "interkulturelle Erziehung". (Markus Bernath, DER STANDARD, Printausgabe, 13.1.2012)

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    Nach den Krawallen: Ein Dorfbewohner der Roma-Minderheit steht mit seinen Kindern vor seinem Haus in Katunitsa, 160 Kilometer südlich von Sofia. Dort hatten die Ausschreitungen begonnen.

  • NGO-Chefin Krumowa will Minderheiten-Unterricht.
    foto: markus bernath

    NGO-Chefin Krumowa will Minderheiten-Unterricht.

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