Wie uns der Kapitalismus um die Früchte seines Erfolgs bringt - Von Hans Holzinger
Glaubt man Wirtschaftsprognosen, so wird 2012 ein weiteres Krisenjahr. Die Finanzkrise hat sich zur Verschuldungskrise gewandelt, der Begriff der "Schuldenbremse" hat jenem des "Rettungsschirms" den publizistischen Rang abgelaufen. Öffentliches Sparen ist angesagt. Kein Politiker, keine Politikerin hätte derzeit eine Chance, wenn er oder sie anderes verlauten ließe. Manche ergänzen, dass auch die Vermögenden stärker zur Finanzierung des Gemeinwohls herangezogen werden sollten. Doch angesichts der bekannten Zahlen über den enormen Reichtum der Wenigen klingt ihr Fordern verwunderlich verhalten. Die konservative Presse gibt die Devise aus: "Keine neuen Steuern, ohne zu sagen, wen die neuen Steuern treffen würden." Argumentiert wird mit dem Wirtschaftsstandort. Da sind sich wieder alle einig. Mehr Wirtschaftswachstum wird gefordert - und mehr Konsum, auch wenn sich dies mit Sparen wohl spießt. Umso mehr ist eine gerechtere Verteilung des Erwirtschafteten ein Gebot der Stunde. Und doch erscheint mir die alte gewerkschaftliche Forderung "Höhere Kaufkraft durch höhere Löhne" allein nicht mehr zu reichen. "Frisst der Kapitalismus wirklich seine Kunden?", indem er sie um die Kaufkraft bringt, wie der Wirtschaftskommentator Ronald Barazon pointiert formuliert hat.
Neue knappe Güter Zeit und Aufmerksamkeit
Auch wenn die Produktivitätsfortschritte in den letzten Jahrzehnten immer weniger an die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen weitergegeben wurden, trifft die (altkeynesianische) Schlussfolgerung, dass durch eine Andersverteilung des Erwirtschafteten der private Konsum angekurbelt werden sollte, nicht mehr den Kern der Herausforderung. Ein weiteres Drehen an der Konsumspirale könnte womöglich einer drohenden Rezession entgegenwirken, sie wäre jedoch ökologisch problematisch und würde auch - glaubt man Ergebnissen der Zufriedenheitsforschung - nicht mehr die Lebensqualität erhöhen. Abgesehen von jener Gruppe der (Zu)Gering-Verdienenden, die in der Tat das Recht auf höhere Einkommen haben, sind nicht mehr Geld und Güter knapp. Die neuen Knappheiten lauten Zeit und Aufmerksamkeit. Mehr Konsumgüter machen da nicht mehr zufriedener, vielmehr geht es um mehr frei verfügbare, nicht vom Wirtschaftsgeschehen okkupierte Zeit.
Menschen sind nicht primär Konsumenten, sondern soziale Wesen
Eine bessere Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit, Familie und sozialem Engagement in einer "Mitmach-Gesellschaft", die beweglichere und tendenziell kürzere Arbeitszeiten erfordert, sowie öffentliche Leistungen hoher Qualität im Bereich Bildung, Gesundheit und sozialer Absicherung wären demnach zukunftsweisendere Fortschrittsziele als noch mehr Privatkonsum. Wirtschaftswachstum an sich wäre nicht mehr das Zukunftsmantra, vielmehr ginge es um die Frage, was wachsen soll (Lebensqualität) und was schrumpfen kann (etwa ein überdimensionierter und - wie wir gesehen haben - häufig unproduktiver Finanzsektor). Der Fortschritt braucht eine neue Richtung. Nötig hierfür wäre freilich eine Aufwertung des Staates und des Öffentlichen, nicht seine permanente Abwertung und Aushungerung. Menschen sind nicht primär Konsumenten, sondern soziale Wesen. Der Kapitalismus gegenwärtiger Ausprägung frisst demnach nicht so sehr seine Kunden, sondern er bringt uns um die Früchte seines Erfolgs - den Mehrwert hoher Produktivität für die Freiheit jenseits des Ökonomischen, also jenseits der Sphäre des Produzierens und Konsumierens, verwenden zu können. (Hans Holzinger, derStandard.at, 16.1.2012)
Autor
Mag. Hans Holzinger ist Mitarbeiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg, Mitherausgeber der Zeitschrift "Pro Zukunft", Lehrbeauftragter an der Universität Klagenfurt, Autor der Studien "Wirtschaften jenseits von Wachstum" und "Zur Zukunft der Arbeit"