Fortschritts-Visionen

Die Freiheit jenseits des Ökonomischen

Gastkommentar | 16. Jänner 2012, 09:06

Wie uns der Kapitalismus um die Früchte seines Erfolgs bringt - Von Hans Holzinger

Glaubt man Wirtschaftsprognosen, so wird 2012 ein weiteres Krisenjahr. Die Finanzkrise hat sich zur Verschuldungskrise gewandelt, der Begriff der "Schuldenbremse" hat jenem des "Rettungsschirms" den publizistischen Rang abgelaufen. Öffentliches Sparen ist angesagt. Kein Politiker, keine Politikerin hätte derzeit eine Chance, wenn er oder sie anderes verlauten ließe. Manche ergänzen, dass auch die Vermögenden stärker zur Finanzierung des Gemeinwohls herangezogen werden sollten. Doch angesichts der bekannten Zahlen über den enormen Reichtum der Wenigen klingt ihr Fordern verwunderlich verhalten. Die konservative Presse gibt die Devise aus: "Keine neuen Steuern, ohne zu sagen, wen die neuen Steuern treffen würden." Argumentiert wird mit dem Wirtschaftsstandort. Da sind sich wieder alle einig. Mehr Wirtschaftswachstum wird gefordert - und mehr Konsum, auch wenn sich dies mit Sparen wohl spießt. Umso mehr ist eine gerechtere Verteilung des Erwirtschafteten ein Gebot der Stunde. Und doch erscheint mir die alte gewerkschaftliche Forderung "Höhere Kaufkraft durch höhere Löhne" allein nicht mehr zu reichen. "Frisst der Kapitalismus wirklich seine Kunden?", indem er sie um die Kaufkraft bringt, wie der Wirtschaftskommentator Ronald Barazon pointiert formuliert hat.

Neue knappe Güter Zeit und Aufmerksamkeit

Auch wenn die Produktivitätsfortschritte in den letzten Jahrzehnten immer weniger an die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen weitergegeben wurden, trifft die (altkeynesianische) Schlussfolgerung, dass durch eine Andersverteilung des Erwirtschafteten der private Konsum angekurbelt werden sollte, nicht mehr den Kern der Herausforderung. Ein weiteres Drehen an der Konsumspirale könnte womöglich einer drohenden Rezession entgegenwirken, sie wäre jedoch ökologisch problematisch und würde auch - glaubt man Ergebnissen der Zufriedenheitsforschung - nicht mehr die Lebensqualität erhöhen. Abgesehen von jener Gruppe der (Zu)Gering-Verdienenden, die in der Tat das Recht auf höhere Einkommen haben, sind nicht mehr Geld und Güter knapp. Die neuen Knappheiten lauten Zeit und Aufmerksamkeit. Mehr Konsumgüter machen da nicht mehr zufriedener, vielmehr geht es um mehr frei verfügbare, nicht vom Wirtschaftsgeschehen okkupierte Zeit.

Menschen sind nicht primär Konsumenten, sondern soziale Wesen

Eine bessere Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit, Familie und sozialem Engagement in einer "Mitmach-Gesellschaft", die beweglichere und tendenziell kürzere Arbeitszeiten erfordert, sowie öffentliche Leistungen hoher Qualität im Bereich Bildung, Gesundheit und sozialer Absicherung wären demnach zukunftsweisendere Fortschrittsziele als noch mehr Privatkonsum. Wirtschaftswachstum an sich wäre nicht mehr das Zukunftsmantra, vielmehr ginge es um die Frage, was wachsen soll (Lebensqualität) und was schrumpfen kann (etwa ein überdimensionierter und - wie wir gesehen haben - häufig unproduktiver Finanzsektor). Der Fortschritt braucht eine neue Richtung. Nötig hierfür wäre freilich eine Aufwertung des Staates und des Öffentlichen, nicht seine permanente Abwertung und Aushungerung. Menschen sind nicht primär Konsumenten, sondern soziale Wesen. Der Kapitalismus gegenwärtiger Ausprägung frisst demnach nicht so sehr seine Kunden, sondern er bringt uns um die Früchte seines Erfolgs - den Mehrwert hoher Produktivität für die Freiheit jenseits des Ökonomischen, also jenseits der Sphäre des Produzierens und Konsumierens, verwenden zu können. (Hans Holzinger, derStandard.at, 16.1.2012)

Autor

Mag. Hans Holzinger ist Mitarbeiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg, Mitherausgeber der Zeitschrift "Pro Zukunft", Lehrbeauftragter an der Universität Klagenfurt, Autor der Studien "Wirtschaften jenseits von Wachstum" und "Zur Zukunft der Arbeit"

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18 Postings
sanjoaquin
 
00
17.1.2012, 08:38
Plädoyer für staatlich

organisierte Zwangsunterhaltung. Der Staat muss dafür sorgen, dass die Leute sozialer werden, ergo müsste als allererstes der ORF abgeschafft werden. Scherz beiseite, die etwas naive Vorstellung, dass Konsum soziale Aktivitäten verhindert, widerlegt sich durch einen Blick in die 60-er Jahre von selber. Damals mussten die Menschen für ein Dach über dem Kopf viel länger arbeiten als heute und es kam keiner auf die Idee, dass dies sozial abträglich sei. Und eine Welt, in der mir ein Komitee von Gutmenschen vorschreibt, dass ich jetzt für das alpine Sonnwendfest Plätzchen backen muss, die will ich nicht.

Alfred Zopf
00
17.1.2012, 07:46

Natürlich ist der Mensch in erster Linie ein soziales Wesen und der westliche Mensch kompensiert schon seit Jahrzehnten mittels "Luxuskonsum" seine persönlichen Defizite zur inneren Zufriedenheit. Würden die Menschen wirklich nachdenken was sie wirklich brauchen würde aus der daraus folgenden Konsequenz unser gesamtes Wirtschaftssystem zusammenbrechen, weil wir zum Glücklichsein viel weniger brauchen als uns der Wirtschaftskonsum einzusuggerieren versucht. Eine mögliche Zukunft liegt im "Minus-Wachstum", der Club of Rome (1970) lässt grüßen !

Leukozyt
 
04
17.1.2012, 00:08
Endlich ein Kommentar, der die Sache im Kern benennt!

Danke für dieses Stück Schrift, es hilft, wieder die Hoffnung zu erhellen, dass es doch noch mitdenkende Menschen gibt.

Den untenstehenden Beiträgen in diesem Forum, die darauf pochen, dass Menschen ja doch Urlaub in der Karibik, SUVs, und so weiter wollen ergo inhärent generell Egoisten seien, sei entgegengestellt:

Menschen kaufen z.B. SUVs, weil sie glauben, dadurch soziale Anerkennung zu bekommen. Der vermeintliche Egoismus im Menschen ist ein Diener des sozialen Wollens. Dieser Diener wird allerdings zur Zeit als Boss dargestellt - und Leute wie Ihr poster glauben das - was aber nichts daran ändert, dass Egoismus zum Selbstzweck nicht existieren kann. Wem sollte ich denn zeigen, wie super ich bin? Dem lieben Gott?

her wig
30
16.1.2012, 20:29
Wenn es keine individuellen Prioritäten gäbe

sondern alle immer das mitmachen müssten was der jüngste Zeitungskommentar vorgibt, das wäre die einzig wirkliche Freiheit!

Die Stimme des Marktes
70
16.1.2012, 18:44
Also in Europa gibt's wirklich die schrägsten Vögel...

Der Mensch ist primär ein Egoist - also, was die Leute wollen, ist folgendes: Wenig bis gar nix hackeln, wenn überhaupt, dann aber zumindest nicht nach der Pfeife von irgendjemand. Dazu wollen sie natürlich jede Menge konsumieren - der Glaube, dass das die Menschen nicht glücklich macht, ist eine Wunschvorstellung in Herrn Holzingers Wolkenkuckucksheim. Sozial wollen sie schon sein - entweder im Wirts- (Männer) oder Kaffeehaus (Frauen). Bitte kann man uns mit derartigem Schwachsinn nicht verschonen?

rundinho
01
17.1.2012, 07:42

Sie sollten nicht unbedingt von sich auf alle anderen scließen.

Leukozyt
 
01
16.1.2012, 23:58
"Bitte kann man uns mit derartigem Schwachsinn nicht verschonen?"

Sie sprechen mir aus der Seele. Ich hofffe also, dies war Ihr letztes posting.

Friedel Marksteiner
 
16
16.1.2012, 12:31
Die Menschen wollen nicht mehr Staat,

sondern sie wollen, dass der Staat (endlich wieder) dafür sorgt, dass es gerecht zugeht in der Gesellschaft. Da gibt es viele Stellschrauben - Regulierung der wildgewordenen Finanzmärkte, Straffung der öffentlichen Verwaltung, Reform der Erbschafts- und Vermögens(zuwachs-)steuer, generationengerechte Rentenpolitik etc.etc. - bereits eine erkennbare Umsteuerung würde die Menschen zufrieden machen.
Leider hat sich die europäische Politik einer verhängnisvolle Austeritätspolitik verschrieben - ganz im Dienst und im Sinn der 'Märkte' (sprich des Kapitals), mit anderen Worten, sie ist eigentlich keine Politik, sondern Erfüllungsgehilfe.
Wir sollten uns das nicht länger gefallen lassen.

relatio subsistens
210
16.1.2012, 11:53

1.) Wir haben eine exorbitant hohe Abgaben- und Staatsquote. Der Staat mischt sich (in ideologischer Weise) überall ein, nur da nicht, wo es wirklich wichtig ist. Die politischen Eliten sind inkomeptente Kaschperl.

2.) Die Krise des westlichen Kapitalismus hängt auch mit Umverteilungseffekten zu Gunsten bisher ärmerer Regionen der Welt zusammen; vor allem aber m. den kontraproduktiven Effekten unserer Geldsystems. Wir benötigen umlaufgesichertes Geld.

3.) Demokratie u. nachhaltiges Wirtschaften funktionieren nicht, wenn d. Individuen keine starken prosozialen Werthaltungen bzw. Verantwortungsbewusstein haben. Insofern rächt sich jetzt paradoxerweise d. jahrzehntelang propagierte Abwälzung v. Verantwortung an d. Staat (Egoismusfalle)

her wig
00
16.1.2012, 20:25

Wir haben umlaufgesichertes Geld, es wird aber gehasst wenn die Umlaufsicherung in Kraft tritt, weil dabei nämlich das Geld seinen Wert verliert.

pluralis modestatis
42
16.1.2012, 11:50
Freiheit von Ökonomie

Ökonomie - Wissenschaft von Entscheidungen unter Restriktionen (Knappheit von Gütern)

Ist doch ganz einfach !

(Nur) wenn es keine knappen Güter gibt, dann gibt es
kein ökonomisches Problem !

Menschen sind soziale Wesen, dh. sie wollen gar nicht mehr Urlaub, keine größeren Wohnungen, keine Einfamilienhäuser im Grünen, keine modische Kleidungen, keine Luxusrestaurants, keine SUV, keine Rolex, Schmuck......

Weit gefehlt:

SIE WOLLEN DEN STAAT !!

"Nötig hierfür wäre freilich eine Aufwertung des Staates und des Öffentlichen, nicht seine permanente Abwertung und Aushungerung"

Das ist also das Problem. Der zu geringe Staatssektor.

Brillant !

Leukozyt
 
00
17.1.2012, 00:00
Gähn!

pluralis modestatis
01
16.1.2012, 11:34
Kosumgüter - ein Luxus !

KEIN MANGEL AN GÜTERN ?

National

- weshalb verbissene KV-Verhandlungen ?
- weshalb Klientelpolitik ?
- weshalb Standespolitik ?
- weshalb Umverteilungspolitik (beide Richtungen) ?
- weshalb Staatsverschuldung ?
- weshalb LICHT ins DUNKEL ?


International

- weshalb Epidemien ?
- weshalb Mangelerkrankungen ?
- weshalb Elend, Slums ?
- weshalb mangelnde Aus(Bildung)
- weshalb Migration ?

A ndreas Bogeschdorfer
01
16.1.2012, 18:52
Weshalb?

Nicht wegen generellem Gütermangel, sondern wegen mangelnder Verteilung. Es werden z.B. wesentlich mehr Lebensmittel produziert als gebraucht werden, nur werden diese überwiegend (Überfluss, Preisgestaltung,..) vernichtet.

Igor Gassner
05
16.1.2012, 11:25
Der Kapitalismus ist kein System

sondern der Modus Vivendi de reichsten der reichen deshalb muss er die Kunden fressen denn Ziel des kapitalismus ist nicht Volkswirtschaft sondern der reichtum von 5 bis 6 Familien und aus dieser Logik heraus ist er wurscht ob die Kunden gefressen werden.

Jeder Kapitalismus muss deshalb irgend wann in Feudalismus enden er ist mit demokratischen Prinzipien absolut unvereinbar.

E. Pagliacci
03
16.1.2012, 10:31

Mit Propheten unterhält man sich besser drei Jahre später. (c) Sir Peter Ustinov

odrr
03
16.1.2012, 09:54
1.schulden/vermoegens-uhr/Das Beste wäre aber, neben die Schuldenuhr eine Uhr zu stellen, die den Vermögenszuwachs in jeder Sekunde in Deutschland misst.

Unsere Topmanager wissen doch sonst so genau, dass
man die Höhe von Schulden immer bewerten muss vor dem Hintergrund der vorhandenen
Vermögenswerte. Dann würden die staunenden Fernsehzuschauer oder die staunenden Touristen
vor dem Büro des Steuerzahlerbundes in Berlin aber sehen, dass die Vermögensuhr viel
schneller läuft als die Schuldenuhr und würden sich vielleicht fragen, wieso das bei ihnen
persönlich eigentlich nicht der Fall ist."

http://www.flassbeck.de/pdf/2007/... echner.pdf

http://www.radiohamburg.de/Hamburg-a... in-Hamburg

2. gut, wir konsumieren nicht mehr und sagen unseren chefs, dass wir erreichbar sind, wenn wir wollen.

Leukozyt
 
00
17.1.2012, 00:15
cool!

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