Wir leben in hochpolitischen Zeiten!

Presseschau17. Jänner 2012, 09:16
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Europas Feuilleton diskutiert über den "Faktor Religion" bei den US-Vorwahlen, über ein spannendes Demokratieprojekt in Belgien und hat die Dynamik der Weltrisikogesellschaft im Fokus

In seiner neuen Ausgabe von Mittelweg 36 - der Zeitschrift des Hamburger Institutes für Sozialforschung beantwortet der Soziologe Ulrich Beck im Gespräch mit Nikola Tietze und Ulrich Bielefeld Fragen zu Globalisierung und Re-Nationalisierung am Beispiel des Unglücks von Fukushima und der Finanzkrise. Beck ist Professor für Soziologie an den Universität München und der London School of Economics. Als einer der bekanntesten deutschen Soziologen prägte er mit seinen Publikationen die Begriffe Risikogesellschaft und Weltrisikogesellschaft.

Finanzkrise und Fukushima

Auf die Frage nach der Bedeutung von globalen Krisen wie beispielsweise Fukushima und die Finanzkrise antwortet Beck: "Die Dynamik und die Relevanz der beiden Ereignisse, Finanzkrise und Fukushima, würde ich im Rahmen meines Konzepts der Risikogesellschaft beziehungsweise Weltrisikogesellschaft kommentieren. Die Risikogesellschaft ist eine Könnte-Gesellschaft. Der Risikobegriff bezieht sich auf das Könnte, die Antizipation von Katastrophen in der Gegenwart." Und weiter argumentiert Beck, dass "diese bis in die Kapillaren des Alltags hineinwirkende Antizipation des Globalrisikos, eine der großen Mobilisierungsformen des 21.Jahrhunderts ist. Denn derartige Bedrohungen werden überall lokal als kosmopolitische Ereignisse wahrgenommen, die einen existenziellen Kurzschluss zwischen dem eigenen Leben und dem Leben aller herstellen. Solche Ereignisse kollidieren mit dem begrifflichen und institutionellen Rahmen, in dem wir bislang Gesellschaft und Politik denken."

Von der globalen Finanzkrise zu den "Pleitegriechen"

Trotz globaler Bedrohungsszenarien gibt es eine starke Tendenz der Renationalisierung der Phänomene. Beispielsweise im Unterschied zu vielen voran gegangenen Finanzkrisen zeichnet sich die "immer wieder auflodernde 'globale' Finanzkrise dadurch aus, dass sie in Formen eines Bumerangeffektes das zentrale Land des Kapitalismus, die USA, getroffen hat. Damit wurde sie als globales Risiko wahrgenommen - zumindest in ihrer Anfangsphase. Als Weltenretter sprangen die Staaten den Banken zur Seite und steckten sich selbst mit dem Pleitevirus an, und so ist die globale Finanzkrise dann wieder Nationen - nicht Europa! - zugewiesen worden. Heute ist der südeuropäische Schlendrian schuld und nicht die globale Finanzkrise. Die Krise wird also weitgehend im nationalen Horizont erfasst, obwohl sie insbesondere in Europa eine Doppeldeutigkeit aufdeckt: Es geht zum Beispiel in Griechenland, Portugal, Spanien und ebenfalls in Italien immer auch um deutsche, französische, britische, amerikanische Banken oder Kreditinstitute, doch tut man so, als ginge es nur um die jeweiligen Nationalstaaten und ihre partikularen Probleme - 'Pleitegriechen'".

Renationalisierung und Europäisierung

Dennoch "nimmt Europa gewissermaßen widerwillig Gestalt in der Krise an. Kommen wir noch einmal auf den Anfang unserer Diskussion, die Folgen der Risiken für Europa und ihrer Inszenierung, zurück, können wir daran den aufgeworfenen kosmopolitischen Imperativ für Europa wie auch für die Bundesrepublik beobachten. Dieser kosmopolitische Imperativ lautet "Kooperieren oder scheitern". Entweder man arbeitet zusammen und überwindet insofern Konkurrenzen, oder man erleidet Schiffbruch. Folgende Prozesse laufen gewisser maßen gegenläufig parallel: Mal scheint alles Richtung Renationalisierung zu laufen, und in der Folge werden Kompetenzen von Europa auf die nationale Ebene zurückgezogen; dann wiederum läuft alles in Richtung Europäisierung, und zwar aufgrund der Beobachtung, dass wir uns durch Renationalisierung selbst gefährden. Die Politik Merkels war bislang ein solcher Schaukelstuhl. Zunächst stellt die Bundeskanzlerin das nationale Interesse der Bundesrepublik mit Blick auf lokale Wahlen in den Vordergrund, schiebt dann aber europäische Lösungen nach. In der Tat sind hier zwei Prozesse, Renationalisierung und Europäisierung beziehungsweise Kosmopolitisierung, ineinander verwoben, allerdings mit offenem Ausgang. Aber immerhin: Wir leben in hochpolitischen Zeiten!" (derStandard.at, 17.1.2012)

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