Regis Jauffrets "Claustria" über den Amstettener Inzestfall startet mit positiven Kritiken
Wien - Für rege Diskussionen sorgt seit einiger Zeit der am Donnerstag in Frankreich bei den Editions du seuil erscheinende neue Roman des Autors Regis
Jauffret. Unter dem Titel "Claustria" nimmt sich der 56-Jährige des sprichwörtlich gewordenen Amstettener Inzestfalls an, recherchierte dafür auch vor Ort in Österreich und
war etwa beim Prozess anwesend. "Mich hat fasziniert, dass Menschen
auf die Welt kommen und leben konnten, ohne jemals die Realität der
Welt gesehen zu haben - und doch alles über sie wussten, weil sie sie
im Fernsehen gesehen hatten", wurde Jauffret am Donnerstag im
Ö1-"Morgenjournal" zitiert.
Auf 550 Seiten
entfaltet Jauffret seine Version der Ereignisse, erzählt aus der
Sicht der Kinder und angesiedelt im Jahr 2055. Im Mittelpunkt steht
die Tochter Angelika. Jauffret hat bis auf Josef F. alle Namen
verändert. "Man kann sich vorstellen, gefoltert zu werden. Aber 24 Jahre
lebend unter der Erde ist undenkbar", hält der Schriftsteller
gegenüber "Ö1" fest. Die Recherchen für den Roman gestalteten sich
dabei als überaus fordernd: "Manchmal habe ich es bereut, mich da
hineingekniet zu haben."
Die Vielzahl an Veröffentlichungen zu dem
Fall seien problematisch für Jauffret gewesen, konnte er doch "das
Lesen nicht länger als eine Stunde lang aushalten". Zum Ort des
Geschehens meint der Autor, von dem bis dato nur das Werk "Streng"
auf Deutsch erschienen ist: "Ich habe den Eindruck, Österreich nimmt
sich nicht sonderlich ernst und ist ein ziemlich nihilistisches
Land."
Positive Kritiken in Frankreich
Für das französische Feuilleton scheint
indes klar: "Claustria" ist ein Roman großen Stils. So bezeichnet etwa Marianne Payot im "L'Express" die "abscheuliche
Geschichte" als eine Herausforderung für den Autor, die er in einen
"unglaublichen Erfolg" ummünzen konnte. "Bestürzt durch die
Ungeheuerlichkeit der Vorfälle, angezogen vom zurückhaltenden Ton und
dem fieberhaften Stil des Erzählers, wird der Leser mitgerissen, wie
berauscht von dieser wahnsinnigen Geschichte."
Für Philippe
Lacon von "Liberation" liefert der Franzose nicht weniger als "die
Wahrheit über die Gesellschaft" und beleuchtet und entwickelt "im
Dunkel der Fiktion das Schlimmste in allen Richtungen".
Und auch
Linda Le von "Le Monde" zeigt sich angetan von "Claustria", das sie
als "danteskes Drama" bezeichnet. Jauffret "bewerkstelligt diese
literarische Arbeit, ohne jene Selbstgefälligkeit an den Tag zu
legen, die sich am Unaussprechlichen des Erzählten ergötzt. So
beschreibt er den Sachverhalt mit der Präzision eines Ermittlers, der
ergründet, was sich hinter die Oberfläche verbirgt." (APA)