"Prestigeprojekt" Gesamtschule?

Gastkommentar | 13. Jänner 2012, 08:29

Neben der Lehrerausbildung "neu" wird ein weiteres Projekt von Ministerin Schmied gerne zur Diskussion gestellt: die Gesamtschule

Bernd Schilcher ist für "gleiche Aufstiegschancen für alle"

Wir brauchen eine gemeinsame Schule für Kinder aus allen sozialen Schichten und Kulturen mit den verschiedensten Begabungen bis zum 14. Lebensjahr, um gleiche Aufstiegschancen für alle zu bieten, miteinander leben und arbeiten zu lernen und gegenseitige Hilfe und Unterstützung zu üben. Ein erstes Argument für die gemeinsame Schule liefert die Erfahrung: Es gibt die Trennung in Gymnasien und andere Schulen mit dem zehnten Lebensjahr nur noch in Deutschland und Österreich. Alle anderen Länder tun das längst nicht mehr. Sie können wohl schwerlich alle danebenliegen. Dazu kommt, dass die Auswahl fürs Gymnasium nicht nach Begabung, sondern fast ausschließlich nach Herkunft erfolgt. Eine jüngste Studie aus 2011 zeigt, dass Kinder von Akademikern in Österreich eine Chance von 49 Prozent haben, gleichfalls einen solchen Abschluss zu erreichen; besitzen die Väter hingegen nur einen Pflichtschulabschluss, rasselt die Chance ihrer Kinder auf drei Prozent herunter! Daher nimmt Österreich einen Spitzenplatz in Sachen sozialer Diskriminierung in der Bildung ein.

Ebenso wichtig ist, dass man nur in Schulen, die Schüler mit unterschiedlichen Begabungen sowie sozialen und kulturellen Herkünften zusammenbringen, lernt, miteinander zu leben und zu arbeiten. So wie das später in der Gesellschaft und am Arbeitsplatz unbedingt notwendig ist. Wo das unterbleibt, ist der soziale Zusammenhalt in Gefahr.

Allerdings funktioniert eine gemeinsame Schule nur, wenn die Begabungen jedes einzelnen Kindes so früh wie möglich festgestellt und nachdrücklich gefördert werden. Ebenso wie es eine durchgehende Förderung bei einzelnen Schwächen der Kinder geben muss (Individualisierung des Unterrichts durch ein Zwei- Lehrer-System).

Jim Lefebre hält die Gesamtschule für ein Prestigeprojekt

Wenn wir von Erfahrung sprechen, dann müssen wir beachten, dass es im internationalen Vergleich mehr negative als positive Erfahrungen gibt. Dass einige Länder daneben liegen sieht man am Beispiel von Deutschland: Im Norden, wo die Gesamtschule bereits umgesetzt ist, sind die Ergebnisse der PISA-Studie schlechter als in Bayern und Baden-Württemberg, wo es ein differenziertes Schulsystem gibt. Aber auch zu glauben, dass finnische System sei der Weisheit letzter Schluss, ist eine naive Leugnung der Fakten. Norwegen hat ebenfalls die Gesamtschule und schneidet bei den PISA-Tests vergleichsweise schlecht ab. Die Niederlande haben ebenso wie Österreich ein dreigliedriges System (Volksschule, Hauptschule und Gymnasium) und erzielen bei PISA bessere Ergebnisse.

Statt sündteurem Aufwand für das Schmied-Prestigeprojekt Gesamtschule, welches Aufgrund von Lehrermangel und unpassender Schulgebäude nicht umgesetzt werden kann, fordere ich mehr Verantwortung an der Schule. Lehrer dürfen nicht zum Spielball des Ministeriums werden und Lehrpläne nach Strich und Faden befolgen. Die Schulgemeinschaft muss gestärkt werden! Schüler, Eltern und Lehrer sollen auf Basis der Bildungsziele den Unterrichtsinhalt selbst bestimmen. Denn wer Verantwortung hat ist auch motiviert im Bildungswesen etwas zu bewegen. (derStandard.at, 13.1.2012)

Autoren

Dr. Bernd Schilcher ist Ordinarius für Bürgerliches Recht an der Universität Graz.

Jim Lefebre ist Bundesobmann der Schülerunion.

Info

Der Management Club ist eine Plattform für alle politisch interessierten Führungskräfte der heimischen Wirtschaft.

Auf www.reformenohnetabu.at stellt er eine Diskussionsplattform für politisch interessierte Menschen zur Verfügung. Reformideen von Experten können bewertet und kommentiert werden. Darüber hinaus besteht aber auch die Möglichkeit eigene Thesen für Österreich zu veröffentlichen und sie zur Diskussion zu stellen.

derStandard.at veröffentlicht die brisantesten Thesen in dem Schwerpunkt "Reformen ohne Tabus".

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 71
1 2
Carla Sociale
00
15.1.2012, 18:47
Bereits in der 1.Klasse Volksschule werden die begabteren Kinder von den langsam begreifenden Schülern eingebremst.

Das Gesamtschulmodell sollte für die Volksschule überdacht werden und nicht auf die auf die Altersstufe 10-14 ausgedehnt werden.

Erz-Schelm
11
15.1.2012, 16:49
Nur so eine Frage...

Warum kann Herr Schilcher zum wiederholten Mal seine Ideen hier breittreten, ohne auch nur im Ansatz etwas Neues zu bringen? Die Öffentlichkeit kenn seine Meinung, durch Wiederholung wird sie weder besser noch schlechter.
Mit differenzierter Bildungsdiskussion hat das alles nichts zu tun. Das ist lediglich politische Agitation.

Helmut71
00
15.1.2012, 11:39
die Organisationsform ist sekundär

da kann Schmied noch so auf ihr jetzt schon gescheitertes Projekt NMS pochen und da kann die ÖVP noch so auf ihre Modell der sozialen Selektion beharren.

Wichtiger wären folgende Punkte:
- Ausreichende Finanzmittel, das Geld sollte auch dort ankommen wo es gebraucht wird
- Lehrerausbildung, Aufwertung des Berufes
- Bessere Ausstattung der Schulen
- Parteipolitik & Ideologie raus aus der Schule

Solange Bildung & Schule zum Spielball wild gewordener Parteifunktionäre macht, ist jegliche Debatte selbst ernannter "Bildungsexperten" weniger wert als heiße Luft.

avision
01
15.1.2012, 11:15
Pyramidenspiel und das Lernen von den besten ...

Wir Leben in einer Leistungsgesellschaft,
die uns vormacht, die Klassengesellschaft sei überwunden, jedoch die Besitzstandswahrer, der Geldadel, die Feudalherrschaft hat nach wie vor die Fäden in der Hand. So lange das Pyramidenspiel mit unserm Geldsystem läuft, werden wir diese Eliten ertragen müssen.

Hurra, wir dürfen Zahlen – Ulrike Herrmann
http://www.youtube.com/watch?v=XdZjlK_fPsA

Thesen gegen die Ausplünderung der Gesellschaft
"Kapitalismus braucht keine Demokratie"

http://www.sueddeutsche.de/kultur/th... -1.1255949
Demokratie wäre, wenn ...

avision
00
15.1.2012, 13:08
Das Ende der Konkurrenz

Dipl.-Psych. Robert Betz

– Das Ende der Konkurrenz

http://www.youtube.com/watch?v=H... re=related

chaote2
 
01
15.1.2012, 09:55
förderung

Das Problem ist nicht Gesammtschule ja oder nein sondern die fehlende Förderng der sozialschwachen Schichte. Da sich ein Hackler sicher keine teuren Nachhilfestunden leisten kann wirds immer zum Vorteil der Etablierten sein auch wenn deren Kinder blöder sind. Ein Nico eine Laura ein Kurz oder Lang haben eben durch ihr Elternhaus den Vorteil sofort gefördert zu sein ohne wirklich was zu können außer Tochter oder Sohn zu sein.

gefürstete grafschaft tirol
00
15.1.2012, 09:52
Gesamtschule ist ein widerlicher Einheitsbrei. Diesen Blödsinn brauchen wir in Österreich sicher nicht.

Die ÖVP muss sich da quer stellen.

Hubert Ungeist
 
00
15.1.2012, 08:58
Mir fehen die wirklichen Argumente..

Z.b. wird im Artikel als Argument gesagt, dass es in vielen anderen Ländern eine Gesamtschule gibt, und als Gegenargument egen unserem System das Akademikerkinder eher eine "Chance" haben Akademiker zu haben.

Also haben in den Ländern mit Gesamtschule wirklich, Nichtkademikerkinder tatsächlich auch diesselbe Chance Akademiker zu werden? Ja oder Nein. DAS wäre das Argument für Gesamtschule.

Ad "Chance" die haben Nichtakademikerkinder ja sehr wohl. Und eine Auswahl nach sozialer Herkunft gibts in österr. Gymnasien nicht, das ist eine dreiste Lüge. Kein einziges Gymnasium fragt nach Sozialstatus der Eltern.

nina yankow
11
15.1.2012, 02:24

In den Niederlanden erfolgt die Differenzierung erst mit 12, und danach ist die Differenzierung auch nicht "wie in Österreich".
Ob Schule "funktionert" oder nicht, hängt nicht vom Schulsystem ab, sondern zu einem sehr großen Teil von der Lehrerbildung, -auswahl und -evaluation.

steckenpferd3000
00
14.1.2012, 20:07
Ungenauigkeit

Der Begriff "Gesamtschule" besagt eigentlich, dass der gesamte Altersjahrgang in einem Schultyp unterrichtet wird.

Es gibt daher auf der Sekundarstufe I in Ö keine Gesamtschule. In den nächsten Jahren wird es auf dieser Stufe weiterhin 4 Schultypen geben (AHS-U, Schulversuch "NMS", Regelschule "NMS", Sonderschule).

Im Artikel wird so getan als wäre mit dem Begriff "Gesamtschule" ein pädagogisches Konzept verbunden. "Die" Gesamtschule gibt es nicht.

Daher auch die große Variabilität im internationalen Vergleich. Gesamtschule in Norwegen ist nicht gleich Gesamtschule in Finnland.

Das Beispiel der Niederlande ist auch schlecht gewählt. Da wird der gesamte Altersjahrgang bis zum 12. Lebensjahr in einem Schultyp unterrichtet.

steckenpferd3000
11
14.1.2012, 20:20
Finnland

Ich finde, dass das finnische Schulsystem durchaus beispielgebend ist.

Umso mehr würde mich interessieren, welche Fakten ich leugne?

Hier der Trailer einer Doku über das finnische Schulsystem:
http://www.youtube.com/watch?v=bcC2l8zioIw

Interview mit dem Produzenten:
http://www.educationnation.com/index.cfm... 0C296BA163

propagandaresistent
02
14.1.2012, 14:01

Es mag stimmen, dass eine Gesamtschule alleine das Problem der Herkunft nicht löst. Wenn Eltern nicht wollen, dass ihr Kind die Matura macht, läßt sich das Gegenteil durch die GS auch nicht erzwingen. Was aber der Staat nicht tun darf, aber durch die Trennung der Kinder mit 10 dzt. tut, ist, diesen Herkunftseffekt zu verstärken. Denn solche Eltern geben ihre Kinder auf jeden Fall in die Hauptschule. Und die sind leider in der Regel schlechter als eine AHS, auch wenn es in der 1. Leistungsgruppe auf dem Papier nicht so sein sollte. Wenn das Kind dann nach der HS doch etwa in ein ORG gehen will, hat es dann in Fächern wie Englisch und Mathe wesentlich mehr Probleme als ein Kind aus einer AHS.

chaote2
 
00
15.1.2012, 17:18
Fall in die Hauptschule. Und die sind leider in der Regel schlechter als eine AHS,

Ja aber nur in Wien und anderen großen Städten . An Land sind die Hauptschulen oft besser als Wiener Ahs.

Thomas_Mueller
 
00
16.1.2012, 01:53

Was können sich die Wiener Kinder dann drum kaufen, dass es am Land angeblich besser ist?

Und angenommen die HS am Land ist de facto wirklich so gut wie eine AHS, dann sehe ich dort wiederum den Sinn der Trennung nicht.

chaote2
 
00
16.1.2012, 10:40
, dass es am Land angeblich besser ist?

nicht angeblich - es ist in den meisten Fällen besser. kann das beurteilen da ich viel Verwandte mit Kinder am Land habe.
Ein kleiner Unerschied zwisch HS und AHS ist aber sicher gegeben, nur so kraß wie in Wien ists nicht.

franzauer
12
14.1.2012, 10:14
gebetsmühle

Schilcher geh nach Tibet und dreh dort an der Gebetsmühle "Gesamtschule", bis die Mühle wegen Reibungswärme abbrennt

komajo
06
14.1.2012, 06:17
Weiß

der Schilcher, dass es in Korea und Japan nach der Grundschule ganz rigorose Aufnahmsprüfungen für die Juniorhighschool gibt? Dort wird ganz fein gesiebt, aber das braucht ein "Bildungsexperte" ja nicht zu wissen.

flotter denker
00
14.1.2012, 05:36
Die Probleme entstehen bei uns, weil

a) man die Hauptschule in Staedten zu einer Restschule hat verkommen lassen (viel zu Vield im Gym)
b) die Leistung der Lehrer nicht ordentlich kontrolliert wird.

chaote2
 
00
15.1.2012, 17:22
b) die Leistung der Lehrer nicht ordentlich kontrolliert wird.

nicht die Kontrolle sondern die eingesparten Förderstunden sind das Problem.Wenn ein Kind einmal hängt zieht sich das durch das ganze Schuljahr da die Motivation beim Teufel ist

nina yankow
00
15.1.2012, 02:35

Punkt a) macht kaum etwas aus. Tirol und Vorarlberg haben geglaubt, bei ihnen gäbe es weniger Risikoschüler - ist aber nicht so. Und in beiden Ländern ist der Schüleranteil, der an Gymnasien aufgenommen wird, deutlich geringer als zB in Wien.
Der zweite Punkt ist extrem wichtig, wobei "Kontrolle" vielleicht das falsche Wort ist.
Was sich bei uns auch massiv auswirkt, ist das Fehlen sofort einsetzender Förderung. Wenn zB bei manchen Schülern arge Lücken in Mathe sichtbar werden, die Schüler aber gerade noch gut "durchkommen", gibt es keinerlei Förderung. Im Folgejahr leidet dann mangels Binnendifferenzierung meist die ganze Klasse darunter, weil die Lücken über die Ferien natürlich nicht weniger, die Anforderungen aber höher werden.

hin und wieder ein tunichtgut
07
13.1.2012, 23:22
ist es in den letzten jahrzehnten

wirklich so viel schlimmer geworden mit der chancengleichheit?
mir ist nicht begreiflich, warum kinder aus niedrigeren schichten nicht auch bildung erlangen können sollen. es ist praktisch überall möglich, ein (oberstufen-) gymnasium nach der hauptschule zu besuchen, danach auch zu studieren, wenn jemand seinen kopf durchsetzt und sich derartiges fix vornimmt.
in meiner umgebung kenne ich etliche leute, die ähnlich alt wie ich sind und es zu bildung gebracht haben.
so gesehen verstehe ich die ständige forderung nach gesamtschule gar nicht.
schon gar nicht, wenn ich an die zustände in den usa und gb denke, nur von dort habe ich etwas erfahrung.

Skalde
06
14.1.2012, 08:59
Ich kenne

in meinem persönlichen Umfeld einige Eltern, die keine Matura haben, und habe aus deren Munde oftmals Aussagen gehört, die diese statistischen Werte erklären: "I hab ka Matura, mei Kind braucht a kane. Des macht a Lehr und arbeitet, i zahl sicher net bis zur Matura. Und studieren braucht's auf keinen Fall."

Das hat nichts mit Chancengleichheit durch das System zu tun - sondern mit familiären Vor- und Nachteilen. Eine Gesamtschule aller 10 bis 14jährigen löst dieses Problem (das wirklich eines ist!) aber nicht.

chaote2
 
00
15.1.2012, 17:27
Des macht a Lehr und arbeitet,

und was ist so schlecht an einer Lehre? wollen sie ihrAuto in Zukunft selber reparieren ?
Wir brauchen auch Facharbeiter und Supermarktkassierinnen. Ah so ie holen wir in Zukunft aus Anatholien.
Klar das wir gut ausgebildetes Personal brauchen aber auh für einfachere Berufe. Raumpffeger mit Matura und Bachlor muß sicher nicht sein.

Skalde
00
18.1.2012, 07:03
Absolut nichts!

Ich finde die Entscheidung, heute eine Lehre anzufangen, gerade in Anbetracht des gewaltigen Mangels an guten Facharbeitern wesentlich sinnvoller als noch vor Jahren!

Mir ging es nur darum, dass es nicht am Bildungssystem liegt, dass (Gott sei Dank!) nicht jeder studiert, sondern an ganz anderen Dingen. Und wie Sie richtig sagen: Wir sollten endlich aufhören, nur auf die (sinnlose) Akademikerquote zu sehen.

hin und wieder ein tunichtgut
00
14.1.2012, 21:47
richtig,

diese eltern gibt es auch.
dazu 1. eine lehre ist in vielen fällen eine gute idee.
2. in meiner umgebung stellt sich gerade ein mädel aus nichtakademischer familie auf die beine und strebt höhere bildung an, obwohl von der mutter nicht gerade befürwortet. find ich toll.

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