Die Angst vor dem Fundamentalismus

Der Arabische Frühling begann im tunesischen Winter - Vor einem Jahr floh Langzeitdiktator Ben Ali vor dem Volksaufstand

Bei freien Wahlen errangen die Islamisten die Macht - und lösen inzwischen neue Befürchtungen aus.

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Lina Ben Mhenni ist zurück. Die junge Bloggerin reist ein Jahr nach der Revolution in Tunesien erneut durchs Landesinnere, wo die Demonstrationen begannen, die am 14. Jänner 2011 zum Sturz des Diktators Zine el-Abidine Ben Ali führten. Sie besucht Sidi Bouzid, wo der fliegende Gemüsehändler Mohamed Bouazizi mit einer Selbstverbrennung am 17. Dezember 2010 das traurige Fanal für den Aufstand setzte, der den Arabischen Frühling einleitete. Sie fährt nach Kasserine, wo 52 meist junge Demonstranten durch die Kugeln der Polizei ihr Leben lassen mussten. Was Ben Mhenni, die unter dem Namen "A Tunisian Girl" vor einem Jahr unterdrückte Nachrichten, Fotos und Videos ins Netz stellte, erlebt, ist mehr als ernüchternd: "Wir besuchten erneut die gleichen Familien, geändert hat sich augenscheinlich nichts."

Im Gegenteil: Die Wirtschaft ist nach der Revolution zusammengebrochen. 153 ausländische Firmen haben das Land verlassen, der Tourismus kam zum Erliegen. Das Landesinnere ist nach wie vor die ärmste Region. Knapp die Hälfte der Menschen im arbeitsfähigen Alter hat keinen Job.

Die islamistische Ennahda, die seit den ersten freien Wahlen Ende Oktober zusammen mit zwei kleinen sozialdemokratischen Parteien regiert, versprach im Wahlkampf 600.000 Arbeitsplätze. "Die Menschen verlangen jetzt das, was ihnen für ihre Stimme versprochen wurde" , weiß Ben Mhenni und berichtet von erneuten Sit-ins und Blockaden der Hauptverkehrsadern.

Wieder Selbstverbrennungen

Sogar zu Selbstverbrennungen kommt es wieder. Als vor einer Woche eine Regierungsdelegation die Phosphatminen rund um Gafsa besuchte, steckte sich ein arbeitsloser 48-jähriger Vater dreier Kinder in Brand. Er erlag am Dienstag seinen Verletzungen. Fünf weitere Selbstverbrennungsversuche wurden aus anderen Städten gemeldet.

Die Spannung nimmt vor den Jahrestagsfeiern am kommenden Samstag zu. Vor allem die Angehörigen der über 200 Todesopfer der Revolutionstage werden ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen. "Vor einem Jahr gingen die Menschen für soziale und wirtschaftliche Reformen und mehr Freiheit auf die Straße, und nicht für eine neue Regierung, die uns erklärt, wie wir gute Muslime sind" , beschwert sich Ben Mhenni und warnt vor einem Abdriften in den Fundamentalismus.

Seit dem Wahlsieg der Ennahda machen gemäßigte und radikale Islamisten mobil. Der Vorsitzende der palästinensischen Hamas, Ismaïl Haniyeh, wurde von einer islamistischen Kundgebung mit dem Ruf "Unsere Pflicht ist es, Juden zu töten!" empfangen. "Die alte Maschinerie funktioniert nach wie vor, nur langsamer" , analysiert die Bürgerrechtlerin und Journalistin Sihem Bensedrine. Wie viele fürchtet sie, dass Ennahda versuchen könnte, sich der Reste der Strukturen des alten Machtapparates zu bedienen, anstatt ihn endgültig abzubauen. Sie hat dabei vor allem die Presselandschaft im Auge, die unter Ben Ali strikt kontrolliert wurde.

Auch die Journalistenverbände sehen diese Gefahr. Sie protestierten vor dem Regierungssitz, als Jebali Führungsstellen in den staatlichen Medien mit engen Vertrauten besetzte. Als, wie in letzter Zeit immer häufiger, die Polizei einschritt und Islamisten zur Unterstützung der Regierung aufzogen, skandierte die Menge wie einst in den Tagen der Revolution: "Gegen die Angst, gegen den Terror, die Macht dem Volke!"
(Reiner Wandler/DER STANDARD, Printausgabe, 12.1.2012)

Chronologie
Am Anfang stand eine Verzweiflungstat

17. Dezember 2010 Mohamed Bouazizi (26), Uni-Absolvent ohne adäquaten Job, zündet sich an. Er hatte versucht, sich als Gemüsehändler durchzuschlagen, wurde daran aber immer wieder von den Behörden gehindert.

19./20. Dezember Erste Unruhen und öffentliche Proteste.

24. Dezember Polizei schießt auf Demonstranten - zwei Tote.

5. Jänner 2011 Bouazizi stirbt.

8.-11. Jänner Zusammenstöße in mehreren Städten, Dutzende Tote. Unruhen erreichen Tunis.

13. Jänner Präsident Zine el-Abidine Ben Ali erlaubt Demonstrationen, Polizei soll nicht mehr schießen. Er will 2014 nicht mehr antreten. Dennoch wieder 13 Tote in Tunis.

14. Jänner Demonstrationen weiten sich zum Volksaufstand aus. Ben Ali ruft Ausnahmezustand aus. Am Abend setzt er sich nach 23 Jahren an der Macht nach Saudi-Arabien ab.

20. Juni Erster Prozess gegen Ben Ali in Abwesenheit - 35 Jahre Haft und Geldstrafe.

23. Oktober Islamistische Ennahda gewinnt Wahlen zur verfassunggebenden Versammlung.

11./12. Dezember Übergangsregierung unter Hamadi Jebali (Ennahda). Versammlung wählt den linksgerichteten Menschenrechtler Moncef Marzouki zum Staatspräsidenten.

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Die En- Nahda ist eine ganz normale konservative partei, wie hier die CDU, eher sogar weiter links. Der Unterschied ist nur, dass die Muslime insgesamt religiöser sind als die Christen hiierzulande.

Ich verstehe die Aufregung nicht.

Die haben eben die Islamisten gewählt. Ja und?

Ich meine wenn die das so wollen, dann bitte. Wieso sollte sich da irgendwer einmischen? Der Westen ist sowieso verlogen, der macht sowohl mit Diktaturen als auch mit islamistischen Demokratien Geschäfte. Von daher ist es ihm egal.

Ob die islamistischen Parteien ...

... einen Beitrag zur Stabilisierung der gesamten Region beitragen werden, wird sich weisen - ich glaub's nicht.
So gesehen verstehe ich die Aufregung schon.

In Griechenland verbrennen sich auch Menschen, aber das interessiert niemanden

http://www.occupiedlondon.org/blog/2012... f-lefkada/

Ich zweifle das zwar nicht an, es muss aber:

(a) verifiziert werden
(b) danach medial verbreitet werden

ich denke nicht, daß in tunesien die gefahr eines gottesstaates besteht. die situation in tunesien schaut sicher besser aus als die in ägypten.

Gleichheit, Freiheit, Islamismus ...

"Vor einigen Monaten machte im Internet ein Film die Runde, der gerade angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen in Ägypten aktueller erscheint denn je. Es handelt sich um eine Reportage, die im größten privaten Fernsehsender Norwegens (TV2) ausgestrahlt wurde, (...). Der Film erzählt die Geschichte der Muslimbrüder, erklärt ihre politischen Ziele und beantwortet einige der eingangs gestellten Fragen – auf höchst unangenehme Art und Weise."
Quelle: http://www.citizentimes.eu/2012/01/1... slamismus/

Eine kurze Zusammenfassung, dizzkutant, was wohl jeder orthodoxe islamvertreter argumentieren würde, wenn er ehrlich ist:

Die Welt ist voll von Bösem, so auch die Menschen, die wiederum nicht in der Lage sind, dieses zu unterscheiden. Daher bekame der Prophet Mohammed direkt vom Engel Gabriel die Göttliche Botschaft, den Koran. Auf Basis dieser Offenbarung lebte der Prophet ein vorbildliches Leben und gründete einen vorbildlichen Staat. Seit 1400 Jahren weiß also die Menschheit, wie sie zu leben hat. Oder wenigstens die gläubigen Muslime. Diese sind daher allen anderen überlegen. Wesentlich ist Familie mit Kindern, der Mann verdient das Geld, die Frau hat Kinder und Haushalt und alle schulden dem Mann Gehorsam für den Unterhalt. Was die 10 Gebote verbieten, ist bei Körperstrafe (schon im Diesseits) auch im Islam verboten usw. - 2 bis 4 Seiten genügen

Vorgeschlagene Seite gelesen. bin mir nicht sicher, ob es sich da nicht um sehr rechtslastiges, islamophobes Produkt handelt.

Das ist mir aber aufgefallen (...) „Die Linke sollte davon absehen, die Muslimbruderschaft zu unterstützen, denn sie zerstört alles, wofür die Linke steht“, erklärt Karima Kamal, eine berühmte ägyptische Journalistin – und eine von sehr wenigen, die sich überhaupt noch traut, über den wachsenden Einfluss der Islamisten offen zu sprechen.(...) Unds diese Aussage befürworte ich. Sollte auch an die Grünen gerichtet sein!

steht zu befürchten

man sollte sich auch ein wenig bei den ideologischen Grundlagen der Moslembrüder informieren

mit den Begriffen "Sayyed Qutb Zeichen" kann man einiges finden; lesen und staunen ..

die eigentliche Revolutionsbewegung in Ägypten ist längst schon dem Militärrat und den Religiösen zum Opfer gefallen

Was ist schlimmer?

Säkulare oder religiöse Diktatur?

kommt auf die härte der diktatur an und nicht darauf, ob sie säkular oder religiös ist.

die religiöse.

weil die sakuläre muss zumindest in irgendeiner form logisch sein - die religiöse per se nicht.

Nein.

Ob man von säkularer oder religiöser Diktatur gefoltert wird ist völlig wurscht.

Diktatur bleibt Diktatur.

Was ist schlimmer?

Skylla oder Charybdis?

Der Teufel hat viele Gesichter.
Zu Erkennen ist er beispielsweise an Antisemitismus und Verblendung.

in welchem Zusammenhang ist das zu verstehen? ich dachte hier geht es um Islamismus?

Angst ist begründet

Im gesamten arabischen Raum Nordafrikas hat sich mit dem Arabischen Frühling ein Vakuum ergeben, welches islamistische Gruppierungen für sich nutzen konnten. Die Entwicklungen Tunesiens können besonders prekär werden: http://wp.me/pNjq9-3k0.

zwischen der ennahda in tunesien und den salafisten in ägypten besteht ein riesenunterschied. man kann nicht alles, was islamisch ist, in einen topf werfen.

Ich bin der Meinung, daß sich der Westen schnell sein überhebliches Gehaben abgewöhnen sollte,

dem Rest der Welt sein "demokratisches" Weltbild aufdrücken zu wollen. Abgesehen davon, daß es auch im sog.aufgeklärten Westen mit den Menschenrechten (siehe Kinder und Frauen) in der Praxis nicht immer zum Besten steht, ist endlich zu akzeptieren, daß jedes Land die Wahlfreiheit hat. Und wenn sich Afrika zusehends zu einem islamisch dominierten Kontinent entwickelt, hat der Westen das zu akzeptieren. Er hat lediglich das Recht, sich gegen eine "feindliche" Übernahme zu wehren, solange die Mehrheitsgesellschaft eine westliche Demokratie wünscht.

ja aber die flüchtlinge die ja in diesen blüteländern der menschheit leben dürfen wir trotzdem nehmen oder wie?

Es gibt Gesetze die den Status von Flüchtlingen regeln.

Verstehe deinen Kommentar nicht.

Sicher. Dazu gibt es ein Flüchtlingsschutzgesetz und den Schutz der UNO für politische Flüchtlinge.

solange diese länder menschen so behandeln dass ihnen nichts überbleibt als die flucht, so lange darf sich der westen sehr wohl aufregen , so wars gemeint. oder wo denken sie fliehen die hin ?

Wann, wenn nicht jetzt, wäre es Zeit die Islamische Ordnung zu erklären?

In Ägypten dürfen wir 70% für die "Islamisten" erwarten. Die Islamische Ordnung gilt überall. Nur ihre Durchsetzung ist noch nicht gleich fortgeschritten. Was sagt also die Islamische Ordnung? Jeden Tag müssten Zeitungen und ORF Sachberichte liefern.

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