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Es konnte nur in Tunesien beginnen

Analyse | Gudrun Harrer, 11. Jänner 2012, 19:59
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    foto: ap/dridi

    Ben Ali und Leila Trabelsi: eine zerfallende Mafiafamilie mit einem schwer angeschlagenen Patriarchen, ohne jeden ideologischen Ehrgeiz, der bald um sein Leben lief.

Angesichts des Sieges der Islamisten bedauern manche Militärs ihre Zurückhaltung

Eine ganze Zeitungsseite zu Tunesien? Das kleine Land zwischen Libyen und Algerien war jahrelang für Außenpolitikjournalisten ein weißer Fleck auf der Landkarte, eine politische Wüste, aus der nur selten Lebenszeichen kamen. Schlagartig änderte sich das vor einem Jahr - und heute ist es klarer als damals, dass der Arabische Frühling nur dort beginnen konnte: eine zerfallende Mafiafamilie mit einem schwer angeschlagenen Patriarchen, ohne jeden ideologischen Ehrgeiz, der bald um sein Leben lief.

Sein Abgang erzeugte auch keine gröberen Verwerfungen in der Region - aber sie war ein Zeichen an der Wand für die Ägypter. Ohne diesen Verlauf der Revolution in Tunesien wäre Hosni Mubarak niemals so relativ rasch gewichen. Es war plötzlich politisch unmöglich, Panzer gegen Demonstranten auffahren zu lassen. Nicht so in Libyen und in Syrien, aber dort war, anders als in Ägypten, auch kein Ruf mehr zu verlieren.

Anders als in Ägypten spielte das Militär in Tunesien die Rolle einer Hebamme, die sich nach der Geburt weitgehend zurückzog. Man sollte sich keine Illusionen darüber machen, dass das heute, angesichts des Wahlerfolgs der Islamisten, manch ein General bereuen mag. Aber auch in Ägypten kann der Höchste Militärrat, der alle Zusagen, die Macht schnell an Zivilisten abgeben zu wollen, gebrochen hat, die Islamisierung der Politik nicht aufhalten. Die Politik zieht dem nach, was gesellschaftliche Realität ist.

Die Islamisten waren und sind für die Menschen die einzige glaubwürdige Gruppe. Liberal, links, westlich, säkular? Im besten Fall unbekannt, im schlechteren belastet. Ben Ali, Mubarak, aber auch Gaddafi oder Ali Abdullah Saleh im Jemen galten als Männer des Westens.

Die Freiheit sollte den Menschen in der arabischen Welt neue politische Möglichkeiten außerhalb der Religion erschließen: Langfristig sind die Prognosen dafür intakt. Aber der Weg dahin wird noch steinig. Der erste Jahrestag in Tunesien ist nicht einfach, denn der wahre Auslöser für die Revolution, Armut und Ungerechtigkeit, wurde nicht beseitigt. Die behauptete "Sicherheit" , die autoritäre Regime bieten - Ruhe durch Terror - ist dahin. Manche Menschen, die den Umsturzbewegungen neutral gegenüberstanden, beginnen die Wende zu bedauern. In Ägypten haben die Gruppen, die die Revolution getragen haben, massiv an Rückhalt in der Bevölkerung verloren.

Die tunesischen Islamisten wissen, was sie tun, wenn sie die Regierungsverantwortung mit den anderen Kräften teilen: Denn Wunderrezept haben sie keines. Dennoch wird es Tunesien aufgrund seiner Parameter leichter schaffen als alle anderen. Eine Gefahr besteht in einem Rechtsruck Ägyptens: Wenn die tunesischen Islamisten sehen, dass dort eine islamische Agenda durchgesetzt wird, könnten sie auch für Tunesien diesen Ehrgeiz entwickeln. Denn auch in diesem Punkt sind wir klüger als vor einem Jahr, als die Behauptung Konjunktur hatte, die Islamisten hätten in Tunesien keine Chance. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 12.1.2012)

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19 Postings
Warentester
05
12.1.2012, 23:44

"Denn auch in diesem Punkt sind wir klüger als vor einem Jahr, als die Behauptung Konjunktur hatte, die Islamisten hätten in Tunesien keine Chance."

Auch bei Journalisten, "Experten" und Naivlingen. In jeden halbwegs brauchbaren Forum konnten man dann unter den Pfefferkuchland-Artikeln der prof. Journalisten Einschätzungen lesen, die zehnmal realistischer waren. Aber schön, das das jetzt auch schon "nach oben" durchgedrungen ist. Hat ja nur fast 1 Jahr gedauert...

mistvieh666
 
01
15.1.2012, 18:31

der schmarrn, den unsere medien da verbreitet haben ist wie wenn man die fruchtbarkeit groenlands anpreist und das dortige milde klima. und genauso wie das, genauso evident war fuer JEDEN, DER IRGENDWANN MAL DORT WAR was in tuenesien, liyben, aegypten genau passiert.
ja, und wenn man vom arabsichen facebook fruehling schreiben kann, dann kann man jeden scheiss schreiben. ja. was ist dann unsere freie presse eigentlich wert?
das ist das schlimme, nicht das wir eingenhaendig einen neuen feind aufgebaut haben, wahrscheinlich ist es eh besser, sicher aber billiger, aegypten zum feind als zum freund zu haben. um tunesien und liyben ist halt schade, haetten reiche handelspartner werden koennen.

Sternchen100
01
23.1.2012, 14:00
Nicht zu vergessen, dass die USA nicht nur mit den Saudis packelt,

ihre ideologischen Missionierungen (wie ihre Terroristen) duldet und dem Land Rüstungsgüter um 40 Mrd. (!!!) Dollar verkauft hat. Ich befürchte, dass da heimlich ein Tauschgeschäft läuft: du bekommst ganz Nordafrika, dafür bekommen wir Erdöl und Schulden gestrichen. Als Zugabe erledigen wir Iran, Syrien und Lybien, also alle die den Saudi-Sunniten-Wahabiten im Weg standen oder den palästin. Terror finanziert haben, dafür garantieren die Islamisten die "Sicherheit Israels".

Was ich zum Lachen finde, wenn die die Macht haben und das Militär, ist weder Europa noch Israel irgendwo mehr sicher, Europa liegt ja nur vis-a-vis. Ziel der USA: mehr Erdöl, Profit, Linke ausschalten, die lästige Wirtschafts- u. Dollar-Konkurrenz namens EU schwächen.

Möbius
 
01
12.1.2012, 12:42
Emmanuel Todd schrieb schon vor 10 Jahren, dass es nur in Tunesien "passieren" könnte.

Emmanuel Todd: "Après l’empire" (2002)

seine Gründe sind anders und zumindest spannend

lingam
12
12.1.2012, 11:30
ich gebe zu

es ist schon einpaar jahre her, dass ich in lybien war, aber die behauptung, dass gaddafi als mann des westens galt, scheint mir doch etwas kuehn, frau harrer

Frobin Jojo
00
12.1.2012, 12:45

Die anderen ja, aber bei Gaddafi kann ich das auch nur schwer nachvollziehen ... der Westen mag ziemlich viele Diktaturen völlig undifferenziert unterstützen und tolerieren (vor allem Saudi-Arabien!!!) ... aber nicht jeder Diktator ist deshalb powered by the West.

Herbert Chaos
00
22.1.2012, 16:18

Der Westen hat sich mit ihm am Ende arrangiert. Bush hat ihn vor die Wahl gestellt "für mich oder gegen mich" und Gadafi hat sich entschieden. Saddam bspw. hat sich anders entschieden, hat aber auch sicher nicht so ein gutes Angebot bekommen wie Gadafi. Bei Saddam hies es schleich dich oder wir holen dich. Gadafi wurde aber alles verziehen.

2010sdafrika
21
12.1.2012, 10:43
Islamisten auf dem Vormarsch!?!

Im gesamten arabischen Raum Nordafrikas hat sich mit dem Arabischen Frühling ein Vakuum ergeben, welches islamistische Gruppierungen für sich nutzen konnten. Die Entwicklungen Tunesiens können besonders prekär werden: http://wp.me/pNjq9-3k0.

Harry Meier
 
10
13.1.2012, 17:39
Anfang des Jahrtausends haben die Ösis auch gemeint, mit dem

.. radikalen Haider einen rechten Wunderwuzzi zu wählen der alle Probleme beheben wird. Nach ein paar Ministerrücktritten zwengs Inkompetenz und völlig ausufernder Korrruption und Medienkontrolle war man wieder etwas g'scheiter. Auch die Islamisten werden sich nicht ewig halten, weil auch der Islam für die modernen Probleme dieser Zeit keine Antworten hat.

Chien de Pique
00
15.1.2012, 19:50
Mit den Mehrheiten können sie das System allerdings großteils so gestalten wie es ihnen gefällt und die künftigen Spielregeln teils selbermachen (in Tunesien sind sie zum Glück nicht ganz so stark geworden). Oder sie lassen sich per Plebiszit Carte

Blanche geben, solange sie auf dem Höhepunkt ihrer Popularität sind.
Der Denkfehler ist es leider, hier die Mechanismen einer konsolidierten Demokratie vorauszusetzen, wie (trotz allem) Österreich vor ein paar Jahren. Realistischer ist wohl der Vergleich mit Österreich kurz nach dem I. Weltkrieg - und zumindest in Ägypten gibt es sowieso keine echte Demokratisierung, sondern ein Arrangement mit dem Militärregime. Zumindest der salafitische Teil der Religiösen lehnt Demokratie an sich ab, bei den "Moderaten" (für europ. Verhältnisse auch militant ultrarechts) gibt es zumindest Ränder, die mit dem Gottesstaat sympathisieren. Und wenn die Moderaten enttäuschen, stehen ja die Salafisten als Alternative bereit.
Ewig ist natürlich gar nichts.

der schwitzbär der schwitzt sehr
11
12.1.2012, 10:15
weißer Fleck auf der Landkarte ?

laut Internationalem Währungsfonds war Tunesien eine "Erfolgsgeschichte"

die Wirtschaft wuchs .. nur halt bissl ungleich verteilt

eh so wie auch bei uns

armin delmenhorst
 
23
12.1.2012, 10:06
Die Ergebnisse sind

für die westliche Zivilisation enttäuschend. Aber der Hype von damals war ja auch nur das Produkt westlicher Medien. Wie überall, trifft sich die "gleiche Schicht". Vor die Kameras wurden gut ausgebildete junge Menschen aus der oberen Mittelschicht gezerrt. Natürlich waren diese auch aufgrund ihrer Ressourcen gegenüber einen Kameltreiber aus der Vorstadt vorne, wenn es um die Außendarstellung ging.

Im Prinzip ist es aber ihre Sache, wenn sie die Religiösen wollen, sollen sie sie haben. Die EU sollte aber jetzt, wo sie die schlimmen Diktatoren weg sind, auch die "Flüchtlinge" der letzten 20 Jahre nachhause schicken. Aber unsere Träumer wollen jetzt bei den offenen Grenzen die Wirtschaftsimmigranten aufnehmen. "Brauchen wir", etc.

adaschauher
11
12.1.2012, 07:28
es begann in tunesien...

...dann brachte facebook in ägypten die islamisten an die macht und in syrien ist jetzt schluss.

Martin Müller10
 
212
11.1.2012, 22:20
Die Muslimbrüder und andere "moderate" Islamparteien

und deren Führer sind Halbmond-HCStraches. Es sind Rechtspopulisten mit einem starken Bezug auf Religion. Da in Europa die Religion nicht mehr von wesentlicher gesellschaftlicher Bedeutung ist, können die Rechtspopulisten hier weniger auf Religion zurückgreifen, wenn es die FPÖ auch immer wieder versucht. Ein guter Vergleich für die Muslimbrüder ist die Tea-Party in den USA der religiös-rechte Rand der Republikaner.

Javert
00

beleidigen sie die muslimbrüder nicht, die sind WESENTLICH sozialer als die TP

in zumindest diesem fall ist der verweis auf die braunen falsch - im religiösen verquicken mit dem staat tut sich die ÖVP deutlich stärker hervor (siehe gottesbezug in der gemeinschaftsverfassung)

Mediator113
00
24.1.2012, 13:48

Wenn Sie Muslimbrüder und Tea-party vergleichen, dann ist Ihr Informationsstand äußerst unzureichend.

Sternchen100
00
23.1.2012, 14:07

Die USA unterstützen ohnehin jeden, Hauptsache er ist nicht sozial und links eingestellt. Rechtsgerichtete Islamparteien sind somit ganz ihr Geschmack, natürlich dürfen die wie in Afganistan ungehindert Opium und Rauschgift anbauen und in den Westen verhöckern (statt Getreide anzubauen), die USA sieht dabei einfach weg, gegen Heroin und Kokain haben diese US-Eliten ja nichts. Genausowenig wie gegen Hedgefonds. Und alle beten dann inbrünstig zu Gott.

armin delmenhorst
 
01
12.1.2012, 10:30
Etwas ungenaue Betrachtung

In A waren und sind es die Dollfuss-Jünger, die auf die Religion zugriffen bzw. das noch immer tun und nicht die Deutschtnationalen. Figuren wie Stadler sind hier ne absolute Ausnahme, die nur mit der Person Haider erklärbar sind. Deshalb war es für mich auch befremdend, wie man im TV HC mit einem Kreuz herumfuchteln sah. Ansich ein Fall für eine Nachschulung.

Ein (positives) Kriterium dieser Fraktion war es immer, streng antiklerikal zu sein. Anscheinend sind ideologisch wenig Gefestigte versucht, bei passender Gelegenheit populistisch einen solchen Affenzirkus zu veranstalten.

Die Wiedergeburt des Melchior Dronte
12
12.1.2012, 09:40

die Schriften des Begründers der Muslimbrüder sind sehr harte Kost. Dagegen ist die Tea Party ein Lercherlschas. (V.a. wenn man die Proponenten ansieht, wie hieß noch mal diese Soccer Mom?)

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