Ärzte fürchten Rationierung bei Untersuchungen

11. Jänner 2012, 18:47

Evidenzbasierte Behandlungspfade sollen Einsparungen ermöglichen

Wien - Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger hat eine neue Möglichkeit gefunden, im Gesundheitssystem einzusparen - vermutet zumindest die Ärztekammer: Evidence-based Medicine (EBM) soll das Zauberwort heißen, mit dem laut den Ärzten Gesundheitsleistungen rationiert (und damit das Budget geschont werden) könnten. Anhand von Studien sollen neue Leitlinien für Behandlungen erarbeitet werden. Weicht ein Arzt davon ab, könnte dafür sogar eine Strafe fällig werden. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass das Gesundheitsministerium eine solche Leitlinie als verbindlich erlässt - was bisher noch nicht passiert ist. Im Auftrag der Ärztekammer haben sich der Moraltheologe Günter Virt und Hans Schelkshorn, Professor am Institut für Christliche Philosophie der Uni Wien, mit dem Thema beschäftigt. Aufgrund von EBM gewisse Behandlungen auszuschließen komme einem "Systemwechsel" gleich, meint Virt.

Drohende "Entmündigung"

Schelkshorn sprach von einer "Entmündigung der Ärzte", schließlich könne man nur einen Teil ihrer Handlungen mit wissenschaftlichen Untersuchungen begründen. Wenn ein Gremium über Behandlungsvorgaben entscheide, dann sei das geradezu "ein Magnet für ökonomische Einflussnahmen".

Bei der präoperativen Diagnostik sehen die Ärzte bereits jetzt Rationierungen. Gewisse Untersuchungen wie etwa ein Lungenröntgen, Blutuntersuchungen und ein EKG sollen vor Routineeingriffen nicht mehr durchgeführt werden, empfiehlt eine Leitlinie des Gesundheitsministeriums. "In der präoperativen Diagnostik gibt es teilweise Wildwuchs", räumte Ärztekammer-Vizepräsident Günther Wawrowsky ein. Eine "Begradigung" sei richtig, man solle aber nicht "das Kind mit dem Bad ausschütten". (hei, DER STANDARD, Printausgabe, 12.1.2012)

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 116
1 2 3
ihr verbohrten narren

schaut endlich über die grenze nach deutschland.

dann wünsche ich euch viel vergnügen wenn ihr eine "teurere" krankheit habt.

Leitlinien werden von inkompetenten Behörden erfunden

es klingt hart, ist aber leider so: nicht Leitlinien geachteter Institutionen (Cochrane, AWMF, NIH, etccc.) sind das Problem, sondern von wildgewordenen Ministeriumsbütteln zusammengeschusterte, aggressive Pseudoleitlinien!
Die "Leitlinie" zur Reduktion präoperativer Laboruntersuchungen ist eine LL (sehr) niederer Evidenz, wird aber als EbM vorgelogen!

hoffentlich!! derzeit steht in österreich EBM noch für "eminenzbasierte medizin"...

wenn medizin so einfach wäre, dass man einfach in leitlinien nachlesen kann, was man einem individuellen patienten gibt, dann braucht man keinen arzt. so einfach geht das nicht mit der ebm.

Leitlinien sind prinzipiell etwas Wertvolles, ABER

wenn diese von KOMPETENTEN erstellt werden.
Den Bütteln des Ministeriums empfehle ich; "Evidence-Based Medicine Toolkit", kleines Handbüchlein in englisch, aber vieleicht kann man es für aktionistische Politiker in deutsch und Blockschrift übersetzen.
Ich finde es zutiefst ärgerlich, dass wertvolle Werkzeuge wie Guideline-Development und EbM so ungeniert mißbraucht werden!

ich weiss, was sie meinen,

und wir wollen es auch benennen: es geht um die hysterischen hennen vom öbig. diese leute erfrechen sich, inkompetent und unberufen leitlinien zu verfassen. aber hallo, wo kommen wir da hin? und dieses sinnlose und dilettantische tun muss der steuerzahler finanzieren.

Ein Moraltheologe und ein Prof am Institut für christliche Philosophie wurde von der ÄK beauftragt? Das ist eigentlich der grösste Skandal und dafür bezahlt man Zwangsmitgliedschaft in das nicht schlecht. Widerliches Proporzsystem in Österreich, dm korruptesten Land der EU. Det.

dieser wildwuchs

ist eine sehr wichtige einnahmequelle für viele (wahl-)ärzte. daher kein änderungsbedarf.

Das leidige Abrechnungssystem....

...dem PUNKTESYSTEM für KH-Leistungen wäre zu hinterfragen!!
Für jede KH-Leistung werden Punkte vergeben und nur Punkte bringen Geld.
Daher trachtet JEDES KH möglichst viele Punkte zu lukrieren - das geschieht indem man Untersuchungen und Leistungen bei Patienten vollführt, die absolut nicht nötig wären UND indem man Patienten stationär aufnimmt, die auch ambulant behandelt werden könnten.
Dazu kommt noch öftere Neuaufnahme von kurz vorher entlassenen Patienten, denn jede Aufnahmeuntersuchung bringt wieder Punkte = Geld!!

Von den Ärzten und KH-Betreibern darf man keine Änderung beim Punktesystem erwarten, dazu wären Praktiker der KH-Verwaltungen von den "Volksvertretern" zu konsultieren!

Ob wohl der, der checklisten erstellt, auch nach Stricherllisten behandelt werden wollte...

....oder doch lieber persönlich ?
Medizin ist die auf den jeweiligen Patienten bezogene Anwendung von Wissenschaft und persönlicher Erfahrungen - dies bewährt sich seit Jahrhunderten.
Jede Form von "Standardisierung" der Gesundheitsleistungen sollte ehrlicherweise "Beschränkung " genannt werden - mit individueller Behandlung ist´s vorbei, wenn nicht mehr der Arzt, sondern irgendwer per "Vurschrift" entscheidet, wie behandelt werden soll.
Mit Leitlinien und Standards kann man weltweit die gleichen, hygienisch einwandfreien und gleich schmeckenden Hamburger erzeugen, wenn man das will.

Schade, dass der Unterschied zwischen Fließbandarbeit und individueller Menschenbehandlung für die Budgetverantwortlichen offenbar zu komplex ist.

Und Sie glauben, dass "Erfahrung" etwas anderes ist, als "Standardisierung"?
In Wirklichkeit gehts in erster Linie darum, maskierte aber abwendbare gefährliche Verläufe zu erkennen bzw auszuschließen, und dafür sind Checklisten bessere Werkzeuge.

checklisten sind okay, und leitlinien als standard operating procedures zu betrachten ist zweifellos ein merkmal der modernen medizin. aus diesen jedoch ent-individualisierte behandlungsvorschriften zu zimmern, ist eine völlig dumme idee von medizinisch ungebildeten oder halbgebildeten wichtigmachern und einsparungsfetischisten.

Nach der eigenen persönlichen Erfahrung zu handeln,

ist das Gegenteil von standardisierten Handlungsabläufen, die jeder sofort übernehmen könnte, der die richtige checkliste in der Hand hat.

Zu erkennen "dass etwas nicht stimmt" erinnert lässt mich an intuitives, erfahrungsgebundenes Arbeiten denken, keinesfalls an "checklisten" Die sind nützlich bei immergleichen Abläufen, damit aus der gewohnten Routine heraus nichts vergessen wird.
Immergleiche Abläufe wären etwa Personentransporte von A nach B (Flugzeug, Eisenbahn) da sind checklisten nützlich.
Je komplexer und persönlicher eine Situation ist , desto weniger Nutzen ist durch einfaches Abhaken von stricherllisten zu gewinnen.

Das ist aber fein!

Da bleibt wieder mehr über für 19x Vorstände, 19x Gebäude, 19x Fuhrparks, 19x Verwaltungen, 19x ... der Krankenkassen und nochmal das Ganze für einen Hauptverband.

Und je früher die Leute sterben, umso mehr freuen sich die X* Pensionsversicherungen.

man könnte diese behandlungspfade auch gleich im internet veröffentlichen, dann kann sich jeder selbst behandeln.

beginnend mit den fragen: haben Sie Husten? Haben Sie keinen husten? kann man so pfade bis hin zu den exotischsten krankheiten festlegen, ganz einfach zum durchklicken.... von der rettungsgasse zum behandlungspfad.... wie originell.

Gangbarer Weg

Als Anästhesist muss ich der Aussage zustimmen, dass bei Untersuchungen vor Routineoperationen deutliches Einsparpotential vorhanden ist. Ein 20-jähriger gesunder Patient braucht bei unauffälliger Anamnese keine Voruntersuchungen. Ursache vieler überflüssiger Untersuchungen sind Bequemlichkeit, Tradition und die zunehmende Absicherungsmedizin. Ebenso sind Zweituntersuchungen ("man vertraut halt lieber dem eigenen Labor/CT... im Haus) häufig überflüssig. Auf ganz Österreich bezogen, lassen sich hier pro Jahr wahrscheinlich Millionen einsparen.

das ist richtig, und da soll sich v.a. die anästhesie selber an der nase nehmen. wenn ich wie gestern einem 20jährigen posttraumatisch geistig behinderten für eine zahnextraktion freigeben muss, dann fühle ich mich ebenso veräppelt wie mit den freigaben zu kataraktoperationen in lokaler. die einzige kontraindikation gegen eine cat-op ist eine schwere orthopnoe, weil der chirurg nicht im sitzen operieren kann, und die frage "könnens flach liegen?" zu stellen ist auch einem gestressten augenarzt zumutbar.
abgesehen davon gibts genug abteilungen, wo dann bei aufnahme alles wiederholt wird, insbesondere, wenn sich herausstellt, dass der patient sk ist.

naja, wir wollen mal am Boden bleiben, welche Untersuchungen bekommt ein 20y alter Patient im Schnitt präoperativ?

-Ekg und OP-Blute (Kosten belaufen sich da evtl auf 50€)

Was soll man da noch einsparen? HIV und HepC Sero? Gerinnung? Das EKG?
Welcher unter 60-jährige bekommt schon ein Lungenröntgen vor einer Routine-OP wenn er bis dato unauffällig war?

Dann aber bitte eine Haftpflichtversicherung verbindend für alle Ärzte damit bei eventuellen Komplikationen die durch vorherige Untersuchungen vermieden werden könnten der Patient auch Schadenersatz erhält und nicht im Regen seht.

Und welche Komplikationen könnten durch routinemäßige Untersuchungen vor Operationen bei leistungsfähigen Gesunden vermieden werden?

Warum darf ein 20-jähriger nicht operiert werden? Nur weil kein Labor und EKG vorhanden sind? Wer übernimmt dafür die Verantwortung?

KEINE Deckelung!

halte ich für gut, es gibt kaum ein anderes land in dem die ärzte einfach machen was sie wollen, ohne richtlinien.
das bedeutet lediglich dass nicht mehr etliche untersuchungen mehrfach gemacht werden (z.b. weil die im spital dem privatlabor nicht trauen wollen, oder weil ein arzt sich einfach sicherer fühlt wenn eine bestimmte untersuchung 2 mal täglich gemacht wird, etc.) oder dass unnötige "routineuntersuchungen" weggelassen werden - z. b. auch um das hauseigene labor auszulasten!
jeder der im spital gearbeitet hat, weiß dass das so ist.
EBM heißt dass es ein anerkanntes, überprüftes und bewährtes standardprozedere gibt, das verbindlich ist und einen einheitlichen standard gewährt - auch in dem sinne dass nichts vergessen wird!!

ebm heisst nur, das man sich der methode bedient, welche für das gegenwärtige problem die höchste evidenz hat.

das sind dann aber meist nur grobe empfehlungen, weils zu wenige daten gibt.
deswegen heisst es auch "leitlinien" und "empfehlungen" und nicht richtlinien oder gesetze.

die kassen wollen einfach nur unter dem deckmantel der ebm am patienten sparen.

die zahlen viele therapien, die sich eindeutig als besser erwiesen haben, nicht, da wird ebm völlig ignoriert und evidence vehement verleugnet.

einfach nur weil die neue therapie teurer is.

und denselben soll jetzt auf einmal ebm so viel wert sein??
uuuunglaubwürdig!

inpotenzbasierte aufträge...

die ärztekammer hat einen moraltheologen und einen professor am institut für christliche philiosophie beaufttragt, sich mit dem thema zu beschäftigen!?
warum nicht gleich den kardinal schönborn oder die tante mizzi?

Kaum zu glauben, wie es den Ärzten gelingt,

eigene Interessen als die der Patienten zu verkaufen.

Es ist sehr wohl im Interesse der Patienten, wenn nur notwendige Untersuchungen und Behandlungen durchgeführt werden.

So mancher (Fach-) arzt denkt aber oft eher an die eigene Geldbörse.

Noch sparsamer wäre es für Menschen ab 70 die medizinische Versorgung überhaupt einzustellen. Das würde den Krankenkassen viel Geld ersparen und sich gewiss auch positiv auf die Pensionskosten auswirken. Dieses Geld könnte man dann sinnvoller für die Aufnahme weiterer Kassenangestellter verwenden.

Posting 1 bis 25 von 116
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.