Feuchtgebiete in den Alpen

Interview12. Jänner 2012, 06:27
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Ein ehemaliger Skilehrer und heutiger Lektor hat einen Roman über die tiefen Seiten des winterlichen Abschleppgewerbes geschrieben

Er habe nicht mit der Szene abrechnen, sondern einen "schmunzelnden Rückblick" auf seine mehr als zehnjährige Skilehrerkarriere in den winterlichen Party-Metropolen Österreichs werfen wollen, sagt Alexander Sever über seinen Roman "Schneeverhältnisse". Der Lehrende im Bereich Sporttechnik hat keine Autobiografie verfasst, dennoch soll der Inhalt auf Fakten basieren, die von mehreren Personen tatsächlich so erlebt worden sind. Herausgekommen ist ein Buch über die Kurz-Kontaktbörse Skiurlaub. Im Interview spricht das selbst titulierte Alphatier über sein Frauenbild, seine jetzige Beziehung und davon, dass er keinen Moment missen möchte.

derStandard.at: In Ihrem Roman über das Skilehrer-Dasein lassen Sie kein Klischee aus. Ist es wirklich so, dass es nur ums Abschleppen geht?

Sever: Ich wollte bewusst einen Einblick in jenen Skilehrerzirkus geben, wie er auch von Gebieten wie Ischgl, Arlberg oder Saalbach beworben wird. Dort geht es eben vor allem um Après-Ski und Party. Leute, die dort hinfahren, erwarten das auch. Aber das gilt natürlich nicht für alle Skilehrer - wer Kinder unterrichtet, ist am Abend meistens fertig und versucht dann nicht, die Mutter eines Kindes aufzureißen.

derStandard.at: Sie beschreiben sehr genau die Rituale und geben quasi Tipps, wie man jede Frau ins Bett kriegt. Welches Frauenbild haben Sie?

Sever: Ich habe sicher kein Macho-Bild im Kopf, dass eine Frau hinter dem Herd stehen muss. Ich schätze es, wenn gute Freundinnen von mir glücklich und zufrieden sind. Da ist mir dann egal, ob sie das als Karrierefrau oder als Mutter mit Familie oder beides gleichzeitig sind. Nur wollen viele Frauen, die auf Skiurlaub fahren, eben aus ihrem Alltag ausbrechen, weil sie von Männern oder der Gesellschaft in gewisse Rollen gedrängt werden. Oder sie wollen einfach nur mit Freundinnen Spaß haben und sich einmal so richtig ausleben.

derStandard.at: Dennoch klingt der Ton im Buch sehr oft so: Da kommt der Skilehrer mit dem scharfen Schießgewehr und legt die willigen Hasen flach.

Sever: Aber Hasen können sich ja vor Jägern nicht wehren. Bei einem Skikurs entscheidet man sich ja bewusst für diese Woche Urlaub vom Alltag. Das beruht auf Gegenseitigkeit, weil das Interesse auf beiden Seiten besteht. Ich persönlich hatte auch nie einen Counter laufen, die wievielte das nun ist, sondern wollte schon auch immer eine persönliche Beziehung zu der Frau aufbauen.

derStandard.at: In einem Kapitel schreiben Sie, dass die Skilehrer in einen "Jackpot" einzahlen und jener das Geld bekommt, der Sex mit der hässlichsten Frau hat. Das ist ja an Oberflächlichkeit kaum zu überbieten.

Sever: Wir waren damals 23, 24 Jahre alt, lässige Typen, es war schlechtes Wetter und fad, weil es schlechte Pistenverhältnisse gab - und dann waren auch keine so hübschen Mädels vor Ort. Einer von uns hatte den Film "Dogfight" gesehen und ist auf diese Idee gekommen. Allerdings hat derjenige, der das Geld gewonnen hat, auch seinen Fetisch für etwas beleibtere Frauen erfüllen können. Übrigens haben wir das Geld dann hergenommen und gemeinsam beim Après-Ski verbraucht.

derStandard.at: Wie viel vom Inhalt des Buches ist autobiografisch?

Sever: Es sind alle Geschichten tatsächlich in dieser Form erlebt worden. Aber die Liebesromanze etwa stammt nicht - wie im Buch - von einer Person, sondern ist aus dem Leben von unterschiedlichen Personen zusammengestückelt worden.

derStandard.at: Haben Sie "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche gelesen und wollten Sie auf ähnliche Weise provozieren?

Sever: Ich habe es gelesen, wollte aber keine derart pornografische Abhandlung liefern, in der alle Details ganz genau beschrieben werden. Mein Roman ist viel eher eine Freizeitlektüre für den Sonntagnachmittag und kein provozierender Aufreger. Außerdem wurde in den Medien bisher nur auf den einen Teil, das "Aufreißen", eingegangen. Dabei schreibe ich zu Beginn ja über die sportliche Komponente und am Ende über den Ausstieg aus dem Ganzen.

derStandard.at: Die Medienwirksamkeit des Buches war groß - die deutsche "Bild"-Zeitung hat daraus "Die 10 besten Aufreiß-Tipps vom Ski-Lehrer" gemacht, "Heute" schreibt: "Die geheimen Sex-Tricks der Skilehrer". Ist Ihnen dieses Image peinlich, weil Sie vielleicht mit dem Protagonisten Ihres Romans verwechselt werden?

Sever: Interessant ist, dass ich nie mit jemandem von "Heute" gesprochen habe. Wenn mich jemand auf der Straße anspricht und darüber plaudern will, mache ich das gerne. Aber wenn mir wer Vorwürfe deswegen macht, ist es mir die Energie nicht wert zu erklären, dass das früher halt einmal so war.

derStandard.at: War die Motivation für das Buch auch eine Abrechnung mit der "Szene" bzw. eine Aufarbeitung des Erlebten?

Sever: In erster Linie war es ein schmunzelnder Rückblick, der im Zeitraffer die Jahre von 1994 bis 2005 beschreibt. Ich bin kein Kind von Traurigkeit und stehe dazu. Ich muss mit der Szene nicht abrechnen, da ich dankbar bin, dass ich das alles erleben durfte. Es war eine Gaudi und ich würde das wieder so machen, auch wenn ich mit dieser Zeit abgeschlossen habe. Ich habe aber damals schon unterschiedliche Rollen gelebt, weil ich nicht damit umgehen konnte, dass ich es nicht allen recht machen kann. Wenn ich kritisiert worden bin, habe ich es einfach dieser Rolle zugeschrieben. Nur, irgendwann habe ich mich gefragt: Wie kommst du aus diesem Rollenspiel wieder heraus?

derStandard.at: Wie ist der Ausstieg geglückt?

Sever: Das ist fast wie von einer Droge loskommen, weil man in einem ganz eigenen Mikrokosmos lebt, wo es sehr viel um Anerkennung und Bestätigung der Männlichkeit geht. Mein Trigger-Effekt für den Ausstieg waren ein schwerer Skiunfall und intensive Gespräche mit einer Freundin.

derStandard.at: Ein harter Entzug?

Sever: Das war nicht so schwierig, weil man irgendwann erkennt, welcher Typ man ist. Es soll ja nicht heißen, dass keine Partys mehr gefeiert werden. Wenn man ein Alphatier ist, dann bleibt man das auch danach - das ist nicht nur negativ besetzt. Ich habe während der Skilehrertätigkeit sowohl fachliche als auch soziale Kompetenz gelernt, etwa wie man Gruppen führt, mit ihnen agiert und Motivationsarbeit leistet. Das brauche ich heute als Lehrender genauso.

derStandard.at:  Leben Sie jetzt in einer festen Beziehung und haben Kinder?

Sever: Ich möchte nicht zu viel aus meinem Privatleben verraten, aber ich habe keine Familie und auch keine Kinder. Ich bin in einer Beziehung mit einer Frau, die wie auch ich beruflich sehr eingespannt ist, aber wohne nicht mit ihr zusammen. Wir haben ein Agreement, dass wir uns gegenseitig schätzen und dementsprechend miteinander umgehen. (Martin Obermayr, derStandard.at, 12.1.2012)

Alexander Sever (38) wurde in Tamsweg geboren und ist in Kärnten aufgewachsen. Seit 1993 lebt er in Wien, wo er Sportwissenschaften und Informatik studierte. Von 1994 bis 2005 arbeitete er als Skilehrer. Seit 2005 ist er hauptberuflich als Lektor im Bereich Sporttechnik und -design tätig.

"Schneeverhältnisse", Verlag edition a, 192 Seiten, 19,95 Euro

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Artikel in "Heute"

Artikel in der "Bild"-Zeitung

  • Der Kärntner Alexander Sever war zwischen 1994 und 2005 als Skilehrer tätig und plaudert in seinem Buch "Schneeverhältnisse" nun aus dem Nähkästchen.
    foto: appelt

    Der Kärntner Alexander Sever war zwischen 1994 und 2005 als Skilehrer tätig und plaudert in seinem Buch "Schneeverhältnisse" nun aus dem Nähkästchen.

  • Sever erklärt, er habe zwar "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche gelesen, wollte aber "keine derart pornografische Abhandlung liefern, in der alle Details ganz genau beschrieben werden. Mein Roman ist viel eher eine Freizeitlektüre für den Sonntagnachmittag."
    foto: privat

    Sever erklärt, er habe zwar "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche gelesen, wollte aber "keine derart pornografische Abhandlung liefern, in der alle Details ganz genau beschrieben werden. Mein Roman ist viel eher eine Freizeitlektüre für den Sonntagnachmittag."

  • Auf knapp 200 Seiten wird eine Geschichte erzählt, die zwar nicht gänzlich autobiografisch ist, deren Inhalt aber auf Tatsachen beruht, die von unterschiedlichen Personen in dieser Form erlebt wurden.
    foto: appelt

    Auf knapp 200 Seiten wird eine Geschichte erzählt, die zwar nicht gänzlich autobiografisch ist, deren Inhalt aber auf Tatsachen beruht, die von unterschiedlichen Personen in dieser Form erlebt wurden.

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