Republik China

Taiwan steht vor einer Richtungswahl

12. Jänner 2012 10:21
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    Wahlkampf in Taiwan: Das Mädchen trägt die Kuomintang und den Namen Präsident Mas auf den Nägeln, ...

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    ...der Mann hat sich die DPP an den Helm gesteckt.

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Die Chinesen auf Formosa haben nationale Identität entwickelt, wollen Peking aber nicht durch eine Unabhängigkeit reizen

Einmal mehr geht es für die kleine Insel um die Frage nach dem Verhältnis zur Volksrepublik.

*****

Taipeh/Wien - Die Hände über dem Rücken verschränkt, misstrauischer Blick - lange beobachtet der ältere Herr uns und unsere Führerin. Dann fasst er sich sich ein Herz und spricht Jerri So an. "Ist das denn wirklich alles echt?", raunt der Tourist aus der Volksrepublik ungläubig. "Ja, natürlich!", gibt Jerri zurück. Was für eine Frage. Und später zu uns: "Die haben noch immer die Propaganda im Kopf, dass wir hier nur Fälschungen ausstellen."

Taipeh. Nationales Palastmuseum. Porzellanabteilung. In der Vitrine steht eine jadefarbene Vase von unschätzbarem Wert. Ein Stück von hunderttausenden Objekten der kaiserlichen Kunstsammlung, die Tschiang Kai-schek 1949 bei seiner Flucht vom Festland auf die Insel Formosa mitgenommen hat - neben der chinesischen Staatskasse und dem Staatsnamen (Republik China).

In dem prachtvollen Gebäude werden 5000 Jahre chinesischer Kultur ausgestellt. Und es kommt neuerdings wieder zusammen, was seit gut 60 Jahren getrennte Wege geht: Taiwaner und Chinesen vom Festland. Drei Millionen Touristen sind seit Mitte 2009 inzwischen ins "demokratische China" gereist. Sie besuchen die Museen, gehen shoppen - und sie zappen, so berichten es zumindest die Taiwaner, mit großer Faszination durch das halbe Dutzend politischer Talkshows, die abends im Fernsehen laufen.

Dabei wird ihnen dieser Tage einiges geboten. Denn Samstag wird gewählt. Präsident Ma Ying-jeou, der nach langer Eiszeit seit 2008 wieder auf Annäherung zwischen Taipeh und Peking setzt, kämpft um seine Wiederwahl. Der Chef der chinesischen Nationalpartei Kuomintang, die seinerzeit samt General Tschiang Kai-schek und hunderttausenden ihrer Anhänger von Maos Kommunisten vertrieben wurde, setzt dabei auf Pragmatismus: auf Handel, finanzielle Verflechtungen, Tourismus - und auf das unausgesprochene Übereinkommen mit Peking, dass Taipeh rechtlich zwar ein Teil Festlandchinas sei, de facto aber unabhängig ist.

Tsai Ing-wen, die Chefin der oppositionellen Demokratischen Fortschrittspartei (DPP), lehnt genau das ab. Sie ist gegen den "1992 Consensus", in dem Peking und Taipeh übereinkamen, dass das "Ein-China-Prinzip" gelten solle, es also nur einen chinesischen Staat geben könne (beide meinen natürlich den jeweils eigenen). Tsai tritt offen für die Unabhängigkeit Taiwans ein.

Für viele Beobachter ist diese Position angesichts der fortgeschrittenen Verflechtungen beider Länder unhaltbar. "Sie werden sehen, Madame Tsai wird ihre Position immer mehr aufweichen, erst recht wenn sie gewählt wird" , sagte etwa der Politologe Lin Chong-Pin von der Tamkang-Universität in Taipeh zum Standard. Arthur Ding (Chengchi-Universität) gibt ihm recht und zitiert zum Beweis Umfragedaten: "Seit 1992 ist die Zahl der Befragten, die sich selbst als Taiwaner bezeichnet, von 18 auf 54 Prozent gestiegen. Das heißt, so etwas wie eine nationale Identität ist entstanden. Dennoch sind 80 Prozent der Taiwaner für die Beibehaltung des Status quo im Verhältnis zu China und weder für Wiedervereinigung noch für volle Unabhängigkeit."

Diese Richtungsentscheidung müssen die Wähler nun - mit allen Konsequenzen etwa für Wirtschaft oder Sicherheitspolitik - erneut treffen. Laut Umfragen dürfte Präsident Ma das Rennen wieder machen. Allerdings bleibt eine Unbekannte: James Soong, ein ehemaliger Kuomintang-Mann, tritt mit einer eigenen Liste an. Er hat seiner Expartei schon im Jahr 2000 das Amt "abgenommen". Damals gewann Chen Shui-bian von der DPP. Acht Jahre Eiszeit mit Peking waren die Folge. (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 12.1.2012)

Kommentar posten
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marianos
12.01.2012 15:46

auf dem Papier gibt es das 'ein china'-prinzip in Taiwan glaube ich schon noch, auch wenn jedem klar ist, dass ROC nie weider am Festland herrschen wird.
Und in Hongkong und Macao gibts ja nur das '1 Land - 2 Systeme'-Prinzip, weil das von den ehemaligen Kolonialmächten auf 50 Jahre(2047,2048?) ausgehandelt wurde. Ich hab auch noch nie Taiwanesen gesehen, die auch nur annähernd so etwas wie eine Wiedervereinigung wünschen.

Jessas Na
12.01.2012 17:58

Ich bin seit 8 jahren regelmässig in taiwan und muss hier widersprechen. ich kenne kaum taiwanesen die nicht für irgendeine form der wiedervereinigung wären... was sie nicht wollen ist in ein repressives kommunistisches china annektiert zu werden.

Julius No
12.01.2012 18:19

Dann bewegen Sie sich wohl - verzeihen Sie den Ausdruck - in etwas eigenwilligen Kreisen, die sicher nicht repräsentativ für ganz Taiwan sind. Zunächst ist die überwiegende Mehrheit der Taiwanesen dafür, den "Status Quo" beizubehalten; diese bringt aus jetziger Sicht klar die größte Autonomie, ohne besondere Repressalien von der VR China mit Ausnahme der Anerkennung durch die internationale Staatengemeinschaft. Eine TVBS Umfrage von 2009 hat außerdem festgestellt, "if status quo is not an option and the ones who were surveyed must choose between "Independence" or "Unification", 68% are in favor of independence while 13% would opt for unification" (http://bit.ly/z0Z9pD)

bianca white
12.01.2012 16:26

1. das Prinzip" Ein Land zwei system "wurde mit niemanden ausgehandelt schon gar nicht mir irgendwelchen Kolonialmächten.

2. Das "Ein China Prinzip"(das auf Taiwan zustimmung findet und das nichts mit der Rückeroberung des Festlandes durch die ROC zu tun hat) gilt ja in erster Linie für die anderen Länder!, also für alle die mit der VRC diplomatische Kontake betreiben-also eh fast die ganze Welt, die! müssen sich daran halten.

Und wenn sie Taiwanesen sehen wollen die einer Wiedervereinigung (unter gewissen umständen ) nicht abgeneigt sind, sollten sie in ein paar nördlichen Gegenden Taiwans sich umhören.

bb47
13.01.2012 12:33

"Und wenn sie Taiwanesen sehen wollen die einer Wiedervereinigung (unter gewissen umständen ) nicht abgeneigt sind, sollten sie in ein paar nördlichen Gegenden Taiwans sich umhören."

Als Ausgleich könnte man sich dann in südlichen Gebieten rund um Kaohsiung umhören, in denen die Leute fanatisch für eine Autonomie sind - notfalls mit Krieg.

CouchDB
12.01.2012 17:59
Widerspruch:

1. Sowohl England (Hongkong gehörte zur englischen Krone und nicht etwa zu GB) wie auch China waren und sind Kolonialmächte.
2. Taiwan war chinesische Kolonie die durch China erst im 17. Jh. okkupiert wurde - auch nie vollständig und über die Küstengebiete hinaus. 1895 "verlor" China die Insel an Japan welches übrigens seit dem 16 Jh. (erfolglos) die Insel erobern suchte.
3. Völkerrechtlich ist die Stituation keineswegs eindeutig. Japan hat erst 1952 auf Taiwan verzichtet und nie offiziell "zurückgegeben".
4. Es mag Taiwanesen geben die keine Vorbehalte gegen eine "Wiedervereinigung" (für andere eher eine Okkupation siehe oben) haben es gibt ja auch einflußreiche Briten die Hitler bewundern, ich nenne jetzt keine Namen...

Martin Müller10
 
12.01.2012 15:41
Ich sehe da keine großen Entscheidungen kommen. Die VR China

und Taiwan sind wirtschaftlich so verflochten, dass da nichts passieren wird. Da wird sicher pragmatisch weitergewurstelt. Und Pragmatismus ist etwas, dass die Chinesen (ob Festland oder Insel) auszeichnet.

Julius No
12.01.2012 15:04
Interessanter Artikel zum Thema

Kürzlich kursierte ein interessanter Artikel in der chinesischsprachigen Blogosphäre, in der ein Chinese (!) die Taiwan-Frage aus Sicht der Taiwanesen (!) zu analysieren versucht. Link hier: http://bit.ly/vMyek7 (Repost of auf einem Blog aus TW). Das Eingangsstatement des Autors ist, dass sich das Selbstverständnis der Taiwanesen seit Beginn der 1990er Jahre drastisch gewandelt hat: der Prozentsatz jener die sich als „Taiwanesen“ sehen stieg von 17.6% auf 54.2%, während die Eigenbezeichnung „Chinese“ von 25.5% auf 4.1% zurückging. „Sowohl Taiwanese als auch Chinese“ blieb relativ konstant bzw. fiel nur leicht von 46.4% auf 39.0%. Den Grund für diese Entwicklung sieht er in erster Linie in historischen Ereignissen, ...

dieter tafel
12.01.2012 15:44

Wobei sich diese "Taiwaneische Identität", die es seit einigen Jahren erst verstärkt gibt, ja in erster Linie auf die Staatsidentität! bezieht, also auf eine politische Dimension.

Auf ethnokulturelle Ebene sieht das dann wiederum ganz anders aus(gibts ja auch Erhebungen).

Man muss diese Umfragen richtig lesen. Sie bedeuten ja nicht, dass sich die Mehrheit der auf Taiwan lebenden nicht zu "China"(sprich, Greater China) zählen.

Julius No
12.01.2012 18:22

Natürlich verbindet die Taiwanesen viel mit dem chinesischen Kulturraum; das bestreitet ja auch keiner. Aber das ist in etwa so, wie die Österreicher viel mit dem deutschen bzw. deutschsprachigen Kulturraum verbindet. Hier wie dort sind die Wiedervereinigungsbestrebungen jedoch trotzalledem mehr als überschaubar.

Julius No
12.01.2012 15:13

Den Grund für diese Entwicklung sieht er in erster Linie in historischen Ereignissen, bei denen den Taiwanesen der eigene Unterschied zu China bewusst wurde bzw. sie von der chinesischen Regierung vor den Kopf gestoßen wurden.

1980er Jahre: Öffnung der VR China für Touristen aus Taiwan. Diese erkennen, dass das „jetzige China“ wenig mit dem China ihrer Vorstellungen/Kindheit zu tun hat und anders als Taiwan ist
1994: Qiandao Lake Incident: taiwanesische Touristengruppe in China ist auf einem Ausflugsschiff unterwegs, das plötzlich verschwindet. Als man das Schiff wiederfindet, sind alle Reisenden tot. Die Regierung in China liefert wenig glaubwürdige Erklärungen und behindert dann auch noch die noch die Angehörigen der Opfer vor Ort.

Julius No
12.01.2012 15:12

1995,1996: im Vorfeld der ersten direkten Präsidentschaftswahlen Taiwans testet die VR China ihre auf Taiwan gerichteten Raketen, um die Wiederwahl Lee Teng-huis zu verhindern. Lee gewinnt die Wahl und das Bild von China, das Taiwan nicht als seinesgleichen anerkennt, verfestigt sich.
1999: beim größten Erdbeben (9/21) der jüngeren Geschichte Taiwans sterben 2000 Menschen und zehntausende werden obdachlos. China behindert die Hilfslieferungen der internationalen Gemeinschaft und fordert, dass diese über Peking abgewickelt werden müssen.

Julius No
12.01.2012 15:12

2003: SARS-Epidemie in Asien; da Taiwan nicht Mitglied der WHO ist, erreichen wichtige Informationen erst mit Verzögerung. Der Antrag, Taiwan unter diesen besonderen Umständen in die WHO aufzunehmen, lehnt ein Vertreter der chinesischen Regierung strikt ab. Auf die Frage eines Reporters, ob er nicht auch an die Gefühle der taiwanesischen Bevölkerung denkt, antwortet er mit: „Wer interessiert sich denn schon für euch?“

Drink Grog
12.01.2012 12:17

Haben die dort gar keine Monarchisten?

der schwitzbär der schwitzt sehr
12.01.2012 15:05

deren letzte Monarchen waren die japanischen Tennos

vielleicht nicht gar so populär :-)

Drink Grog
12.01.2012 17:23

Na und?

der schwitzbär der schwitzt sehr
12.01.2012 20:01

Sie meinen die werden zu Monarchisten, weil ihnen Prinzessin Leila aus Stars Wars so gut gefallen hat ?

Drink Grog
14.01.2012 15:27

Die bräuchten doch bloß irgendeinen, der glaubhaft macht, daß sein linker Haxen genetisch von einem Tangkaiser abstammt, schon könnten sie anfangen. War bei der jetzigen serbischen Königsfamilie doch auch nicht anders. (um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: ich schrieb nirgendwo das Wort “regierend”)

Ich wär' gern eine Banane, manchmal ...
12.01.2012 11:16

Sollte Taiwan tatsächlich (also auch offiziell von beiden Seiten anerkannt) Festlandchina angehören, bedeutet dies das Aus für alles, was die Insel so lebenswert macht. Dann gibts keine Wahlen und keine politischen Talkshows mehr. Autonomie hin oder her.

Ich war selbst eine Zeit lang in Taiwan und die Menschen, welche die KMT wählen wollen, haben in erster Linie Angst, dass die VR China einfach einmal einmarschiert mit ein paar Hunderttausend Soldaten und dann gibts nicht einmal mehr Autonomie. Sollte der Anschluss ihrer Meinung nach auf politischer Ebene geschehen, so erhoffen sich die Menschen eben einen Rest an Selbstbestimmung. Übrigens: ein Großteil der KMT-Wähler sind Einwanderer der VR.

bianca white
12.01.2012 12:00

"ein Großteil der KMT-Wähler sind Einwanderer der VR."

Naja, genauer formuliert: "Viele Einwanderer aus der VR wählen die KMT".

Denn wenn man weiss, dass die KMT bis zu 60% bei den Wahlen teilweise erreicht hat seit 2008 und dies mit der Zahl der "Einwanderer(waren nur knapp 1.5 Millionen Menschen damals als Folge des chineischen Bürgerkrieges) vergleicht weiss man, diese Aussage geht sich mathematisch bei weitem nicht aus.

Julius No
12.01.2012 15:18

Würde ich auch so formulieren: viele der Waishengren wählen die KMT, das ist ein Faktum. Warum sie auch von anderen gewählt werden, hat vielfältige Gründe; zwei der wichtigsten sind:
(1) vor dem Hintergrund eines aufstrebenden Chinas soll auch Taiwan davon profitieren. Die KMT steht für engere wirtschaftliche Verflechtungen mit der VR.
(2) Befürchtung, ein aggressiver Kurs der DPP würde die Beziehungen zwischen Taiwan und China wieder auf Eis legen und politischen Repressionen/weitere Isolation nach sich ziehen. Unter anderem natürlich auch Streichung der direkten Flugverbindungen, Touristengruppen, usw.

Julius No
12.01.2012 15:27

Nachsatz: ob diese Befürchtungen berechtigt sind, ist natürlich eine andere Anfrage. Defakto weiß aber auch die KMT, dass eine Wiedervereinigung mit China alles andere als mehrheitsfähig ist (und auch bleiben wird).

CC79
12.01.2012 13:09

Kommt halt auf die Wahlbeteiligung an.

Aber ich glaube der Originalposter meint, dass ein Großteil der KMT-Wähler Einwanderer aus Festlandchina seit 1949 sind (also mit Tschang-Kai-Schek eingewandert sind), während DPP-Wähler oft aus Familien kommen die schon länger auf Taiwan verweilen.

Meistens erkennbar dadurch dass jene die DPP wählen oft noch Taiwanesisch können und nicht nur Mandarinchinesisch.

bianca white
12.01.2012 13:20

"Aber ich glaube der Originalposter meint, dass ein Großteil der KMT-Wähler Einwanderer aus Festlandchina seit 1949 sind "

Ja genau so habe ich es auch gelesen/verstanden.

Und genau das stimmt eben so nicht. Weder die Whalanalysen noch die Bevölkerungszahlen(soviel "Einwanderungschinesen" gibts ja nicht auf taiwan als dass die KMT mit denen irgendeine wahl gewinnen könnte) bestätigen das.

Ich wär' gern eine Banane, manchmal ...
13.01.2012 13:10

Genauso hab ichs eigentlich nicht gemeint. Taiwan hat ja mehrere Einwanderungsperioden erlebt. Und eben auch mehrere aus Festlandchina. Aber der Nachposter CC79 hat das ganz gut erklärt.

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