Druck

EU droht Ungarn Streichung von Fördermitteln an

Thomas Mayer und András Szigetvari , 11. Jänner 2012, 17:54

Die EU-Kommission fährt zwei schwere Geschütze gegen Ungarn auf: Wegen Verletzung von EU-Recht drohen nun Klagen beim EU-Höchstgericht

Die EU-Kommission fährt zwei schwere Geschütze gegen Ungarn auf: Wegen Verletzung von EU-Recht drohen nun Klagen beim EU-Höchstgericht. Förderungen aus Brüssel könnten wegen exzessiven Budgetdefizits gestrichen werden.

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Brüssel/Wien - Die EU-Kommission hat den Druck auf Ungarn dramatisch erhöht. Mittwochmittag verlas Kommissionssprecherin Pia Ahrenkilde eine Erklärung des Kollegiums, aus der unmissverständlich hervorgeht, dass die EU-Zentralbehörde massive Zweifel daran hat, ob Premierminister Viktor Orbán sich bei der Verabschiedung von Verfassungsgesetzen in jüngster Zeit an geltendes EU-Recht hält. "Die Kommission agiert nicht in Form von Ultimaten", sagte Ahrenkilde. Aber sie bestätigte, dass die Kommission kommenden Dienstag über die Einleitung von Vertragsverletzungsverfahren entscheidet. Eine juristische Analyse sei kurz vor der Fertigstellung.

Orbán hat also noch ein paar Tage Zeit auf Einwände aus Brüssel einzugehen. Ähnliche "Ultimaten" hatte die Kommission vor einem Jahr in Zusammenhang mit den ungarischen Mediengesetzen gestellt - und zuvor im Streit um Roma-Abschiebungen mit Frankreich. Beide Male kam es letztlich nicht zu Klagen, sondern zu Reparaturen.

Als schwerwiegender für Ungarn könnte sich die zweite Drohung aus Brüssel herausstellen, die von Währungskommissar Olli Rehn kam. Er präsentierte den Stand der laufenden Verfahren wegen exzessiver Defizite bei Ungarn, Polen, Belgien, Malta und Zypern. Erstmals wurden dabei die strengeren Regeln der neuen EU-Wirtschaftsregierung angewendet.

Während vier Länder laut Rehn ihre Budgets zufriedenstellend nachgebessert haben, konstatierte er für Ungarn eine "nicht nachhaltige Schuldenpraxis". Im Jahr 2011 habe die Regierung Orbán zwar einen Budgetüberschuss von 3,6 Prozent ausgewiesen. Aber nur als Eintagsfliege, wie Rehn erklärte, indem Gelder aus privaten Pensionsfonds in die Staatskasse umgeleitet wurden. Ohne diese Maßnahme hätte Ungarn ein Defizit von 6,5 Prozent gehabt, sagte Rehn. Ähnliches gelte für 2012, und auch 2013 werde das Land die Maastricht-Kriterien verletzen.

Die Konsequenz: Rehn drohte erstmals in der Geschichte damit, dass Ungarn 2013 Subventionen aus den Kohäsionsfonds gestrichen werden könnten. Es geht um ein Volumen von 1,7 Prozent der ungarischen Wirtschaftsleistung, die als EU-Förderung in strukturschwache Gebiete fließen.

Das Wirtschaftsministerium in Budapest hat darauf reagiert und sich offen für Verhandlungen über weitere Einsparungen gezeigt.

Was die mögliche Vertragsverletzungsklagen betrifft, geht es der Kommission um drei Bereiche:

Q Notenbankgesetz Orbán hat zwei entscheidende Bestimmungen zur Notenbank geändert: In der Verfassung wurde die Möglichkeit geschaffen, die Notenbank und die Finanzaufsichtsbehörde PSZAF zu fusionieren. Sollte das geschehen, wäre Notenbankpräsident András Simor lediglich Vizepräsident der neuen Institution. Zweitens soll das Notenbankdirektorium erweitert werden, was den Einfluss der Regierung erhöhen könnte.

Q Ombudsmann Durch die neue Verfassung wurde das Büro des Ombudsmannes für Datenschutz umgestaltet. Der vorherige Ombudsmann, der regierungskritische András Jóri, verlor seinen Job.

Q Gerichtswesen Umstritten ist vor allem die Zwangspensionierung von Richtern. Ungarn hat das Pensionsantrittsalter der Richter von 70 auf 62 Jahre reduziert. Kritiker meinen, damit sollen unliebsame Richter - vor allem solche, die schon vor der Wende tätig waren - entfernt werden. 2012 könnten 270 Richter ihren Job verlieren.

Derzeit verhandelt der ungarische Minister Tamás Fellegi mit dem Währungsfonds über einen Notkredit. Kommenden Freitag wird er in Brüssel erwartet. Ungarn braucht dringend Finanzhilfe, weil die Investoren dem Land das Vertrauen entziehen. (Thomas Mayer,  András Szigetvari DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.1.2012)

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16 Postings
der schwitzbär der schwitzt sehr
00
12.1.2012, 10:57
aberwitzige Kritikpunkte

über den Abbau der Demokratie hat die EU nix zu bemängeln ?

Die Zentralbank zur Staatsschuldenfinanzierung einspannen tut die EU derzeit selbst, Steinmeier verlangte gestern sogar eine massive Ausweitung

und Richter nicht bis 70 arbeiten zu lassen soll verwerflich sein ?

Schon seltsam, daß der EU die Demokratie nicht am Herzen liegt

für die Ungarn ist es wurscht, die waren 50 Jahre unter Moskau

Tintininafrica
00
12.1.2012, 03:01
Profet

O. Rehn weiss jetzt schon, dass Ungarn in 2013 die Defizitkriterien nicht erfüllen wird.Weiss er auch, wie es mit der EU in den nächsten Monaten weitergeht?

Glaskugeln
00
12.1.2012, 09:58

Heiliger Strohsack! Das schreibt man .Prophet.!

Tildy
32
11.1.2012, 22:50
Und all das nur...

weil die gewählte 2/3 Mehrheit eines kleinen Landes Gesetze beschliesst die die Grossfinanz in Wut versetzen.

Ungarn ist nur ein Vorbote dessen was kommen wird. Das Finanzsystem muss früher oder später krachen weil es auf Lügen aufbaut. Das Ungarn-Problem mag einer der frühen Auslöser dafür sein.

Irgendwann muss sich jemand dagegen stellen. In dem Fall sind es die Ungarn. Morgen ist ein anderes Land dran.

Glaskugeln
21
12.1.2012, 10:07

In Wut versetzen?? Der autoritäre Orban ist dabei, sich sein Volk und deren Finanzen unter den Nagel zu reißen!! Schau auf seine Mediengesetze. Schau was er mit den Pensionen der kleinen Leute gemacht hat. De facto entwertet. Gottseidank gibt es die EU, die den A bremsen kann.

Sandor Kocsis
01
12.1.2012, 09:43

Sie widersprechen sich mit Jani Bácsi täglich: ich dachte, wenn Viktator auf die ungarischen Devisenreserven zugreifen kann, dann überlebt das Land autark mit den unsäglichen Bodenschätzen und Körnern der Kammer des Comecons und der Monarchie, wie dereinst Khmer in Kambodscha.

Siehe da - diese Förderung der böhzen EU waratn auch net soooo schlecht, gelle! Nun, da die EU droht, dass quid pro quo, dann ist die EU böse, wenn sie genau das macht, was O fordert....

Tja das mit dem auf Lügen aufbauen - das hatten wir in H schon zur Genüge....

ichbinsofrei.net
02
11.1.2012, 22:38

Wie viele der Mrden an Förderungen ruft Ungarn überhaupt ab? Die meisten ärmeren EU-Mitglieder können diese Gelder nicht abrufen, da die Abrufung eine Kofinanzierung verlangt, und dieses Geld diesen Ländern aber fehlt. D.h. die Mittel stapeln sich in Brüssel, Jahr für Jahr. Ich wüsste gerne, wie viel von Ungarn die letzten Jahre wirklich abgerufen wurde.

Althase
11
11.1.2012, 22:44

das wüsste ich auch gerne
Ungarn ist wohl das nächste schwarze Schaf nach Griechenland, Spanien und Italien - das sind alle die die mehr Urlaub in der Hängematte verbringen als die braven und fleissigen deutschen

Das mag jetzt tendentiös rüberkommen - aber ich hab die Schlechtmacherei ziemlich dick

Ernst Laub
 
24
11.1.2012, 19:01
"Undemokratie"

Wie (un-) demokratisch Ungarn ist, weiss ich nicht, weil ich Journalisten und Politiker ohnehin nie wirklich traue. Ich weiss bloss, dass auf jeden Fall die von Bürokraten, Lobbies und "Experten" dirigierte EU ein riesiges Demokratie-Defizit aufweist, obwohl mir dies die selben Journalisten und Politiker stets verschweigen. Ich bin froh, dass mein eigenes Land nicht in der EU (und Gott sei Dank auch nicht in der NATO) ist, obwohl es an Druckversuchen dazu nicht fehlt.

Bagolyvár
10
12.1.2012, 10:44
Eine NATO Mitgliedschaft

steht doch für die ungeahnte Freiheit!
Da könnten doch auch österreichische Soldaten, im Einsatz für Menschenrechte und Menschenwürde, ungestraft afghanische Leichen anpinkeln

Sandor Kocsis
10
12.1.2012, 09:44

Können Sie gerne in diesem Medium nachlesen, wenn Sie als Suchwort "Ungarn" u/o "Orbán" u/o "Fidesz" eingeben.

Tildy
01
11.1.2012, 22:52
Also ein Russe :)

Janosch bacsi
01
12.1.2012, 05:48

Eher Schweizer, Liechtensteiner.

Sandor Kocsis
20
12.1.2012, 09:45

Ihr Vorbild. Vergessen sie´s - die haben Berge, sie eine Steppe wie Weißrussland

Und die beiden benötigen die EU Fördergelder tatsächlich nicht, wobei H jetzt auf das Körberlgeld doch nicht soooo schnell verzichten will. Schande.

Althase
00
11.1.2012, 21:48

in welchem Land lebst du?

marcopolo1971
 
32
11.1.2012, 20:03

Wir sind auch froh, dass ihr nicht dabei seid. Ihr seid schon bei zu vielem "dabei" gewesen.

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