Mit Jeff im "Koons-Historischen" Museum

11. Jänner 2012, 17:32
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Das KHM plant für 2012 eine neue Gesprächsreihe mit Zeitgenossen - Jeff Koons, die US-amerikanische Pop-Art-Ikone, stand als Erster Rede und Antwort

Wien - "Das Neolithikum wäre großartig", antwortet Jeff Koons mit einem verschmitzten Lächeln auf die Frage, in welcher Zeitepoche er gerne als Künstler leben würd

Der New Yorker Pop-Artist, der durch seine quietschbunten Edelstahl-Skulpturen weltweite Bekanntheit erlangte, war Dienstagabend zu Gast in der Kuppelhalle des Kunsthistorischen Museums - der Erste in einer Reihe: Im kommenden Jahr werden jeden Monat internationale Kunstschaffende und Ausstellungsmacher eingeladen, um über ihr Verhältnis zu historischen Museen zu debattieren. Außerdem startet das KHM im September eine Ausstellungsreihe aktueller Kunst. Den Auftakt macht der US-amerikanische Maler Ed Ruscha.

Verantwortlich für dieses Zeitgenossen-Programm im Kunsthistorischen ist der aus Großbritannien stammende Kurator Jasper Sharp. Der 36-jährige Kunsthistoriker aus Großbritannien wurde übrigens Ende vergangenen Jahres von Bundesministerin Claudia Schmied zum österreichischen Kommissär der Venedig-Biennale 2013 ernannt.

Am Dienstag interviewte er Jeff Koons zu neuer Kunst und alten Meistern. Und der antwortete fast zu brav auf Sharps Fragen. Die Malerei alter Meister, so Koons, habe ihn immer schon fasziniert und inspiriert. KHM-Generaldirektorin Sabine Haag nahm dies zum Anlass, das historische Gebäude kurzfristig in "Koons-Historisches" Museum umzutaufen.

Koons, 1955 in Pennsylvania geboren, beschäftigte sich schon als Achtjähriger mit Kunst, als er für das Möbelgeschäft seines Vaters Gemälde von alten Meistern kopierte. Später studierte er Kunst in Maryland und Chicago . Als ihn sein Professor mit Bildern Edouard Manets konfrontierte, war sein Entschluss klar, selbst Künstler zu werden. Koons erzählte viel von seinen Kindern, für die er sich als Kunstvermittler einsetzt: Mit kleinen Geldgeschenken versucht er ihnen Museumsbesuche schmackhaft zu machen: Jedes Mal gibt's fünf Dollar dafür.

Softporno-Ästhetik

Die 1980er-Jahre markierten seinen Aufstieg in den Olymp der zeitgenössischen Kunst. Dabei wusste Koons, der Dienstagabend in seinem schwarzen Anzug wie ein Businessman wirkte, immer auch zu provozieren. Etwa mit der Made in Heaven-Serie Ende der 1980er-Jahre, die ihn in schlüpfrige Softporno-Ästhetik mit seiner damaligen Frau, der Porno-Darstellerin Cicciolina, zeigen.

Seine tonnenschweren, auf Hochglanz polierten Edelstahlplastiken oder schwülstigen Porzellanfiguren erzielen auf Auktionen nicht selten zweistellige Millionenpreise. Mittlerweile stellt er seine Werke nur noch selten selbst her: Ein Heer von 120 Mitarbeitern in seinem New Yorker Studio produziert für ihn im Schnitt acht Bilder pro Jahr. Der Meister entwirft am PC und überwacht den Prozess der Herstellung. Jasper Sharp klärte die Zuhörer über Koons Teamarbeit-Prozess genauer auf: Das erste Team sucht die richtigen Farben aus, das zweite mischt sie, und das letzte Team malt das Bild unter Koons' Aufsicht.

Provokateur und Sammler

Kritiker tadeln seine opulenten Werke als Kitsch und Trivialkultur. Er selbst allerdings nennt Pablo Picasso und Roy Lichtenstein als seine Vorbilder, ebenso Marcel Duchamps. Und er outet sich im KHM als begeisterter Sammler alter Meister. Zu seiner Kollektion gehören Werke von Jean-Honoré Fragonard und Nicolas Poussin. "Einen Teil der Sammlung habe ich als Leihgabe dem Metropolitan Museum überlassen, weil ich die kostbaren Bilder in meinem Haus in New York nicht alle sicher aufbewahren kann."

Diese überbordende Sammelleidenschaft spiegelt auch seine neue Serie Antiquities wider, über die er in Wien Auskunft gab. Sie bezieht sich, wie der Name schon sagt, auf die Antike, aus deren Epoche er auch einige Stücke sein Eigen nennt.

Besonders angetan hat es dem New Yorker Künstler übrigens eine mollige Österreicherin: die Venus von Willendorf. Hingerissen von ihren riesigen Brüsten und aufgeblähten "Botox-Backen" (Koons) entwarf er - ähnlich seinem Balloon Dog - auch eine Balloon Venus aus pinkem Edelstahl.

Auf Sharps Frage, wie er denn mit den hohen Preisen seiner Werke umgehe, antwortet Koons schlicht: "Alles wird ohnehin zu Staub." Nichts ist für die Ewigkeit gemacht, auch nicht die Kunst. (Michael Ortner, DER STANDARD - Printausgabe, 12. Jänner 2012)

  • Ein Blick auf die alten Meister: Beim Spaziergang durch die Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums bewies Künstler und Kunstsammler Jeff Koons (56) jungenhafte Neugier.
    foto: standard/robert newald

    Ein Blick auf die alten Meister: Beim Spaziergang durch die Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums bewies Künstler und Kunstsammler Jeff Koons (56) jungenhafte Neugier.

  • "Balloon Dog" für das MCA in Chicago.
    foto: epa/miguel tona

    "Balloon Dog" für das MCA in Chicago.

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