Das KHM plant für 2012 eine neue Gesprächsreihe mit Zeitgenossen - Jeff Koons, die US-amerikanische Pop-Art-Ikone, stand als Erster Rede und Antwort
Wien - "Das Neolithikum wäre großartig", antwortet Jeff Koons mit einem
verschmitzten Lächeln auf die Frage, in welcher Zeitepoche er gerne als Künstler
leben würd
Der New Yorker Pop-Artist, der durch seine quietschbunten
Edelstahl-Skulpturen weltweite Bekanntheit erlangte, war Dienstagabend zu Gast
in der Kuppelhalle des Kunsthistorischen Museums - der Erste in einer Reihe: Im
kommenden Jahr werden jeden Monat internationale Kunstschaffende und
Ausstellungsmacher eingeladen, um über ihr Verhältnis zu historischen Museen zu
debattieren. Außerdem startet das KHM im September eine Ausstellungsreihe
aktueller Kunst. Den Auftakt macht der US-amerikanische Maler Ed Ruscha.
Verantwortlich für dieses Zeitgenossen-Programm im Kunsthistorischen ist der
aus Großbritannien stammende Kurator Jasper Sharp. Der 36-jährige
Kunsthistoriker aus Großbritannien wurde übrigens Ende vergangenen Jahres von
Bundesministerin Claudia Schmied zum österreichischen Kommissär der
Venedig-Biennale 2013 ernannt.
Am Dienstag interviewte er Jeff Koons zu neuer Kunst und alten Meistern. Und
der antwortete fast zu brav auf Sharps Fragen. Die Malerei alter Meister, so
Koons, habe ihn immer schon fasziniert und inspiriert. KHM-Generaldirektorin
Sabine Haag nahm dies zum Anlass, das historische Gebäude kurzfristig in
"Koons-Historisches" Museum umzutaufen.
Koons, 1955 in Pennsylvania geboren, beschäftigte sich schon als Achtjähriger
mit Kunst, als er für das Möbelgeschäft seines Vaters Gemälde von alten Meistern
kopierte. Später studierte er Kunst in Maryland und Chicago . Als ihn sein
Professor mit Bildern Edouard Manets konfrontierte, war sein Entschluss klar,
selbst Künstler zu werden. Koons erzählte viel von seinen Kindern, für die er
sich als Kunstvermittler einsetzt: Mit kleinen Geldgeschenken versucht er ihnen
Museumsbesuche schmackhaft zu machen: Jedes Mal gibt's fünf Dollar dafür.
Softporno-Ästhetik
Die 1980er-Jahre markierten seinen Aufstieg in den Olymp der zeitgenössischen
Kunst. Dabei wusste Koons, der Dienstagabend in seinem schwarzen Anzug wie ein
Businessman wirkte, immer auch zu provozieren. Etwa mit der Made in
Heaven-Serie Ende der 1980er-Jahre, die ihn in schlüpfrige
Softporno-Ästhetik mit seiner damaligen Frau, der Porno-Darstellerin Cicciolina,
zeigen.
Seine tonnenschweren, auf Hochglanz polierten Edelstahlplastiken oder
schwülstigen Porzellanfiguren erzielen auf Auktionen nicht selten zweistellige
Millionenpreise. Mittlerweile stellt er seine Werke nur noch selten selbst her:
Ein Heer von 120 Mitarbeitern in seinem New Yorker Studio produziert für ihn im
Schnitt acht Bilder pro Jahr. Der Meister entwirft am PC und überwacht den
Prozess der Herstellung. Jasper Sharp klärte die Zuhörer über Koons
Teamarbeit-Prozess genauer auf: Das erste Team sucht die richtigen Farben aus,
das zweite mischt sie, und das letzte Team malt das Bild unter Koons' Aufsicht.
Provokateur und Sammler
Kritiker tadeln seine opulenten Werke als Kitsch und Trivialkultur. Er selbst
allerdings nennt Pablo Picasso und Roy Lichtenstein als seine Vorbilder, ebenso
Marcel Duchamps. Und er outet sich im KHM als begeisterter Sammler alter
Meister. Zu seiner Kollektion gehören Werke von Jean-Honoré Fragonard und
Nicolas Poussin. "Einen Teil der Sammlung habe ich als Leihgabe dem Metropolitan
Museum überlassen, weil ich die kostbaren Bilder in meinem Haus in New York
nicht alle sicher aufbewahren kann."
Diese überbordende Sammelleidenschaft spiegelt auch seine neue Serie
Antiquities wider, über die er in Wien Auskunft gab. Sie bezieht
sich, wie der Name schon sagt, auf die Antike, aus deren Epoche er auch einige
Stücke sein Eigen nennt.
Besonders angetan hat es dem New Yorker Künstler übrigens eine mollige
Österreicherin: die Venus von Willendorf. Hingerissen von ihren riesigen Brüsten
und aufgeblähten "Botox-Backen" (Koons) entwarf er - ähnlich seinem Balloon
Dog - auch eine Balloon Venus aus pinkem Edelstahl.
Auf Sharps Frage, wie er denn mit den hohen Preisen seiner Werke umgehe,
antwortet Koons schlicht: "Alles wird ohnehin zu Staub." Nichts ist für die
Ewigkeit gemacht, auch nicht die Kunst. (Michael Ortner, DER STANDARD - Printausgabe, 12. Jänner 2012)