Zahnfund in Bulgarien zeigt, dass vor sieben Millionen Jahren noch Menschenaffen in Europa lebten
Tübingen - Vor sieben Millionen Jahren - lange vor dem Australopithecus - hatten die fernen Vorfahren des Menschen Afrika noch nicht verlassen. Dafür lebten zu diesem überraschend späten Zeitpunkt noch weitläufigere Verwandte in Europa, wie die Universität Tübingen berichtet - nämlich Menschenaffen. Das belegt ein Vor-Backenzahn eines Hominiden (dieser Ausdruck umfasst sowohl Menschen als auch Menschenaffen), den Wissenschafter nahe der bulgarischen Stadt Chirpan gefunden haben.
Die Letzten der Ersten
Unter Leitung von Nikolai Spassov vom Nationalmuseum für Naturgeschichte
in Sofia war der Backenzahn bei Grabungen in Flussablagerungen nahe
Chirpan entdeckt worden. Dass er von einem Hominiden stammt, lässt sich
unter anderem an seiner dicken Zahnschmelz-Schicht erkennen. Der Zahn
ist stark abgenutzt und gehörte vermutlich zu einem älteren Individuum.
Mit der Datierung auf sieben Millionen Jahre sind die Forscher damit auf
den jüngsten Menschenaffen auf dem europäischen Festland gestoßen, ihre
Ergebnisse veröffentlichten sie kürzlich im "Journal of Human Evolution".
Auf einer Insel, die zur damaligen Zeit das heutige Sardinien, Korsika und die Toskana umfasste, hielt sich mit dem Oropithecus ein Menschenaffe vergleichbar lange wie die nun entdeckte Art. Als jüngster Menschenaffe auf dem europäischen Festland hingegen galt bisher der 9,2 Millionen Jahre alte
Ouranopithecus macedoniensis aus Griechenland. Nach der gängigen These
starben die Menschenaffen auf dem europäischen Kontinent vor etwa neun
Millionen Jahren aus: Damals veränderten sich in Europa die Ökosysteme,
savannenartige Landschaften mit saisonalem Klima entstanden.
Menschenaffen als typische Fruchtfresser konnten, so glaubte man, durch
ein saisonales Defizit an Früchten nicht überleben. Doch offenbar konnten sie sich für einige weitere Millionen Jahre erfolgreich an die neuen Gegebenheiten anpassen.
Neue Herausforderungen
Tatsächlich fand
das Team in der Fundschicht des Zahnes auch Fossilien einer typischen
Savannen-Fauna, darunter mehrere Elefantenarten, Giraffen, Antilopen,
Nashörner und Säbelzahn-Katzen. Der Fund des Backenzahns legt deshalb
nahe, dass die Menschenaffen Europas sehr wohl in der Lage waren, sich
an das wechselnde Klima einer Savanne anzupassen. Darauf deutet auch die
rasterelektronenmikroskopische Untersuchung der Kaufacetten des Zahnes
hin. Diese belegen, dass der bulgarische Menschenaffe härtere und verschleißintensivere Nahrung wie Gräser, Samen und Nüsse
zu sich nahm. Darin ähnelt seine Ernährungsweise jener der afrikanischen
Vor-Menschen vor ca. vier Millionen Jahren, Australopithecinen
wie der berühmten "Lucy".
Im Juni 2011 hatten Paläontologen des Senckenberg Center for Human Evolution and
Paleoecology an der Universität Tübingen Überreste des ältesten Menschenaffen Europas präsentiert: Einen 17 Millionen Jahre alten
Backenzahn, der
im schwäbischen Alpenvorland ausgegraben worden war. Ursprünglich waren
Menschenaffen also unter einem tropisch-subtropischen
Feuchtklima von Afrika nach Eurasien ausgewandert. Zusammen belegen die beiden Zahnfunde somit eine mindestens zehn Millionen Jahre
währende Besiedlung Europas durch die erste Hominiden-Welle und deren evolutionäre Anpassung an sich drastisch verändernde Umweltbedingungen. Aus späterer Zeit sind bislang keine Funde bekannt - erst vor 1,8 bis 1,2 Millionen Jahren kehrten mit Nachfahren afrikanischer Auswanderer aus der Gattung Homo Verwandte nach Europa zurück. (red)