Tunesischer Schüler

"Die Revolution hat mich überrascht"

Interview | 11. Jänner 2012, 14:36
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    foto: ap/dridi

    "Ich kann mich an keine einzige Arabischstunde erinnern, in der mein Lehrer nicht über Politik gesprochen hat."

Relativ plötzlich kam die erwünschte politische Wende für Aaron Belakhoua, Schüler in Tunesien - Im Interview sprach erÜber Repression, Protest und den Alltag nach der Revolution

Vor etwas mehr als einem Jahr begann in Tunesien ein Aufstand der Bevölkerung, der die nationale Jasminrevolution auslöste und auf Ägypten, Libyen und Syrien übersprang. Mit dem 17. Dezember 2010, der Selbstverbrennung eines 26-jährigen hoffnungslosen Tunesiers, der sich trotz Schulabschlusses mit dem Verkauf von Gemüse über Wasser halten musste, brach für den arabischen Raum eine neue Zeit an. Man spricht vom Arabischen Frühling. Um die besondere Bedeutung der Revolution für die Jugend, die in Tunesien einen Großteil der Bevölkerung ausmacht, weiß der 17-jährige Aaron Belakhoua aus Bizerta.

SCHÜLERSTANDARD: Wann hast du zum ersten Mal bemerkt, dass sich Tunesien verändert? Wie hat sich die Revolution angekündigt?

Belakhoua: Eigentlich hat mich die Revolution eher überrascht. Na ja, das ging allen so. Natürlich war es aber absehbar, dass es dazu kommen würde. Die Menschen haben mehr und mehr Witze über das Regime gemacht, wurden immer desillusionierter und begannen sich mithilfe von Websites wie Facebook effizient zu organisieren.

SCHÜLERSTANDARD: Warst du oder dein persönliches Umfeld in die Geschehnisse involviert?

Belakhoua: Ich war an einer Demonstration an meiner Schule beteiligt. Sie hat als Sitzstreik begonnen, aber der Direktor, ein Kader der RCD (die damals autoritär regierende Einheitspartei des ehemaligen Präsidenten Zine el-Abidine Ben Ali, Anm.), bat die Aufsichtsschüler, die Menge zu zerstreuen. Das war nicht sehr schlau. Der Sitzstreik wurde zum Aufstand und letztlich zur organisierten Masse. Diese wurde größer, Schüler benachbarter Schulen schlossen sich uns an, und die Polizei wurde gerufen. Sie sind in Kleinbussen und auf Pferden gekommen und haben willkürlich Demonstranten verhaftet und gedemütigt. Ich war inmitten einer Menschenmasse, die sich in Richtung Rathaus bewegte. Auf einmal habe ich gespürt, wie mich jemand aus der Menge gezogen hat, es war ein Polizist in Zivil. Mittlerweile hatten die Polizisten begonnen, Gummigeschoße auf die Demonstranten abzufeuern.

SCHÜLERSTANDARD: Wie denkst du heute über diese Zeit?

Belakhoua: Ich bin wirklich froh, dass die sich Dinge so entwickelt haben. Das Regime von Ben Ali ist immer repressiver geworden, und Korruption wurde zur einzigen Möglichkeit zurechtzukommen. Man konnte nicht einmal von der Verfügbarkeit der grundlegendsten Bedarfsgüter wie sauberes Wasser und Elektrizität ausgehen, hatte man nicht genug Geld zum Bestechen oder in irgendeiner Art und Weise mit dem Regime zu tun.

SCHÜLERSTANDARD: Wie hat die neue politische Situation dein tägliches Leben verändert?

Belakhoua: Ich dachte immer, ich wäre durch meine amerikanische Staatsbürgerschaft außerhalb der Reichweite des Regimes. Auch hätte ich nicht gedacht, dass sich die Menschen um mich herum so viele Gedanken machen. Aber ein paar Tage nach Ben Alis Flucht wurden die Dinge klarer. Den Tunesiern liegt viel daran, Demokratie und Gerechtigkeit aufzubauen, und ich bin von diesem Revolutionsgeist beeindruckt. Der Staat prägte den Menschen ein sehr strenges, aber trotzdem fortschrittliches Bild des Islams ein. Man kam gar nicht dazu, selbst unabhängige Gedanken zu entwickeln. Das brachte schlimme psychologische Folgen mit sich - zumindest für mich persönlich. Nach der Revolution habe ich bemerkt, dass ich viel aufgeschlossener gegenüber der Religion wurde. Die Unterdrückung selbst bezog sich aber nicht nur auf die Religion. Die Nachrichten etwa, waren so uniform, dass man praktisch vorhersagen konnte, was in der morgigen Zeitung stehen würde.

SCHÜLERSTANDARD: War die Revolution in der Schule Thema?

Belakhoua: Ich kann mich an keine einzige Arabischstunde erinnern, in der mein Lehrer nicht über Politik gesprochen hat. Er hat tatsächlich mehr über Politik als über Literatur oder irgendetwas anderes geredet. Eine einzige Frage kann eine lange politische Debatte im Unterricht entfachen, und die Lehrer sind involviert.

SCHÜLERSTANDARD: Du bist vor zehn Jahren aus den USA nach Tunesien gezogen. Was bedeutet es für dich, hier zu leben?

Belakhoua: Ich sehe Tunesien nicht wirklich als meine Heimat. Die Beziehung entsteht in erster Linie durch meine hier lebende Familie. Aber ich habe genug Zeit hier verbracht, um auf gewisse Art Teil des Landes geworden zu sein.

SCHÜLERSTANDARD: Worauf hoffst du in der Zukunft für Tunesien?

Belakhoua: Ich hoffe auf vieles, aber es summiert sich zu einer Sache: mehr Wohlstand. Ich würde gerne sehen, dass Tunesien die Mittel hat, eine echte Kunstgemeinschaft oder auch einen bestimmten Architekturstil zu unterstützen. Das wäre erfrischend. (Bath-Sahaw Baranow, DER STANDARD, Printausgabe, 11.1.2012)

AARON BELAKHOUA ist 17 Jahre alt und wurde in St. Louis in den USA geboren. Der amerikanische Staatsbürger übersiedelte vor zehn Jahren mit seiner Familie nach Tunesien, wo er in Bizerta ein Lycée besucht.

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