Total normal - von Michael Simoner

9. Juni 2003, 21:39
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Ein Pfingstwunder: Im österreichischen Vorhof der Verkehrshölle, der Südautobahn zu Vösendorf, hat es sich begeben, dass trotz Baustelle samt Straßensperre und Umleitung der Verkehr nicht dauerhaft zusammengebrochen ist. War es Läuterung? Hat die automobile Schar endlich begriffen, welcher der richtige Weg ist? Nein, wohl eher waren es Furcht vor der Vorhersagung und die Gunst der Stunde.

Erstens: Das Ereignis war rechtzeitig und vorbildlich angekündigt. Nach dem Motto: Wer trotzdem fährt, ist der größte Volltrottel. Zweitens: Der Zeitpunkt für den notwendigen Brückenabriss war klug gewählt. Ab- und Rückreiseaufkommen eines verlängerten Wochenendes sind zwar nicht zu unterschätzen, aber gegen den normalen Arbeits- und Pendlerverkehr auf der Süd ein Lercherl. Drittens: Die wahren Helden sind die Bauarbeiter. Sie haben die verkehrsbehindernden Arbeiten so schnell abgeschlossen, dass motorischen Raunzern das Schimpfen im Hals stecken bleiben musste.

Es ist mittlerweile eine Binsenweisheit, dass angekündigte Staus nicht stattfinden oder sich zumindest auf ein erträgliches Maß reduzieren. Auch am jüngsten Streiktag war das frühmorgendliche Verkehrschaos ausgeblieben, weil sich viele an die Spielregeln gehalten hatten - also früher weggefahren waren oder Fahrgemeinschaften gebildet hatten. Dem Traum von der heilen Verkehrswelt folgte aber ein böses Erwachen. Kaum wollten alle von den anstrengenden Stehungen heimfahren, streikte die Durchlässigkeit der Infrastruktur wieder.

Nicht anders geschah es gestern auf der A2. Die Sperre bei Vösendorf war aufgehoben - und es staute wieder. Das scheint nur auf den ersten Blick paradox, denn vor dem Normalzustand hat ja niemand gewarnt. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.6.2003)

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