Kaffeehausleiden, fortgesetzt

2. Juni 2003, 18:00
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Ich sag nie wieder was. Versprochen. Weil G. mir geschrieben hat. Und ich jetzt auch die andere Seite kenne...

Die, auf der ein Cafetier versucht, seinen zwar traditionsreichen, aber halt nicht mehr zeitadäquaten Laden in Schwung zu bringen. Und zwar schlicht und ergreifend dort, wo jeder Gast, der halbwegs bei Trost ist, erwartet, dass ein Kaffeehaus funktioniert: Möbel, die nicht kollabieren etwa. Eine Kaffeemaschine, die funktioniert, ohne dass der Wirt Wunderheiler und Schamanen braucht. Toiletten, die ... (lassen wir das). Eine Budel, die nicht nur Grind und Gafferband zusammenhalten. Und eine Entlüftung, die auch Nichtraucher überleben lässt.

G. hat es getan. Und geschrieben, dass ich bei meinen Tiraden gegen Wiener Traditionscafetiers, die sich bei allem, was ihnen bei Angebot, Service und Ambiente sparen hilft (weil es Nichtstun, Nichtinvestieren und Nichtsanieren zur Kultur erhebt) auf die Wiener Kaffeehausgeschichte berufen, in vielen Punkten recht hätte - aber stets einen Faktor vergäße: Den Gast. Mit dem habe er, G. seine liebe Not.

Nicht in Wien

G., das nur der Korrektheit halber, hat sein Café nicht in Wien, sondern einer anderen Landeshauptstadt. Sein Lokal gehört dort zu den ersten drei Adressen. Und G. hat es, schreibt er, in einem Zustand übernommen, in dem sogar das Wort „Patina“ gesundheitsgefährdend gerochen hat. Aber eine Behörde, die ein Traditionscafé, das sich in jedem Reiseführer findet, zusperrt, wäre in Österreich undenkbar. Etwa so, wie ein Wiener Bürgermeister, der nicht bloß das Taubenfütterverbot, das Hundescheißewegräumgesetz und das Fiaker-Rossapfelselbereinsammelgebot, sondern auch noch den unbedingten Vorrang für Fußgänger auf Zebrastreifen mit einem „Zero-Tolerance“-Edikt polizeilich durchsetzen lassen möchte.

Trotzdem - also „ohne Not“ -, meint G., habe er sein Lokal sanieren wollen. Und eigentlich hätte ihm der Aufschrei, als er das erstmals kommunizierte, eine Lehre sein sollen, die Hütte lieber einstürzen, als nur ein Sesselbein streichen zu lassen: Den Denkmalschützern konnte er ja noch klar machen, dass das Wort „Bar“ der korrekte Terminus für eine Gasthausbudel ist. Aber den Stammgästen? Vor allem jenen, die er noch nie im Lokal gesehen hatte? Denen war auch durch Pressekonferenzen nicht beizukommen. Und Leserbriefkampagnen bei lokalen Medien, lernte G., führen immer zu irgendwelchen blöden Geschichten. Etwa der, dass seine neue Kaffeemaschine eventuell ein italienisches Fabrikat sein könnte. Dass die Firma, die die alte hergestellt hatte, noch vor der Entdeckung Amerikas eingegangen war, kam dann - wenn überhaupt - im letzten Satz. Die Hölle, die spanische Inquisition oder Robespierres Gerichtshof stelle er sich ungefähr so vor, wie das Beharren von Lokaljournalisten auf sich wiederholenden Falschinformationen in sich wiederholenden Geschichten, erzählte der Gastronom.

Nichts auszusetzen

Mittlerweile, schreibt G. weiter, sei sein Café lange fertig saniert. Kein Architektur-, Kultur- oder Denkmalschützer habe am Resultat etwas auszusetzen. Lebensmittel-, Gastronomie- und Sanitätsbehörden hätten aufgeatmet, weil die Beamten das Lokal nun mit offenen Augen betreten könnten. Davon dass es keine Zeitungen oder kein Wasser zum Kaffee mehr gebe, könne auch keine Rede sein - und darüber, dass seit der Wiedereröffnung kein Sessel zusammengebrochen ist und kein Sofa versucht hat, Menschen zu verschlucken, habe sich auch noch niemand beschwert.

Klagen, seufzt G.s Brief, gebe es trotzdem. Immer dieselbe - und natürlich wiederkehrend: Es sei stillos und bezeichend für den Geist der Sanierung, dass man brutal und herzlos den warmen und authentischen Parkettboden herausgerissen habe. Er habe, so G., es mittlerweile aufgegeben, dem etwas entgegenzusetzen: In seinem Lokal habe es zwar nie einen Parkettboden gegeben - aber wen interessiere das schon?

Epilog

Hab ich versprochen, nicht mehr zu motzen? Geschenkt. Anderswo - in Grein an der Donau - hat sich das einst wirklich die Anreise rechtfertigende „Café Biedermeierstöckl“ am Hauptplatz kürzlich eine neue Karte (und ein paar Designartefakte aus dem Bauhaus für den Gastgarten) gegönnt. Damit niemand, der in dem lieblichen Lokal Platz nimmt, auf die Idee kommt, selbst die Atmosphäre spüren und dann wirken lassen zu wollen, steht in der (natürlich hochglänzend- plastifizierten) Karte auf jeder Seite, dass hier nicht nur ein authentisches Kaffeehaus, sondern auch noch eines der wunderwunderschönsten des Landes ist. Mit Fotos. Die Karte darf - wer 3,20 Euro bezahlt - mitnehmen.

Vielleicht, weil man weiß, dass die Gäste nicht wiederkehren werden: Wer (am Donauradweg) ein Getränk mit Leitungswasser verlängert bestellt, dem wird - steht in der Karte - pro Glas ein „Bedienungsentgelt“ von 20 Cent verrechnet.

Dafür gibt es am Klo weder Handtücher noch Seife. Der Kaffee schmeckt neuerdings grauenhaft. Aber sehr authentisch.

Nachlese
--> Blauklötze
--> Mariahilfer Straße, 7.02 Uhr
--> Roadrunner und Würstelmaus
--> Balkonien

--> Lifeballkarten
--> Kunstraub
--> In der Lagunenstraße
--> Banales Kreuzungsgeschehen
--> Der Mitesser

--> Gratis parken
--> Sternmarsch
--> Wie bei Oma
--> Indien
--> Ein Geschenk

--> Speckgürtel
--> Valentinsdebakel
--> Die Mulde
--> Die Tunnel unter der Stadt
--> Flugrattenpflege

--> Telefonieren für 0 Cent
--> Spaß mit den Nachbarn
--> Drei Zentimeter
--> Noch ein Zimmer
--> Eleanor Rigby

--> Quartierschreberei revisited
--> Weitere Stadtgeschichten ...

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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