Gegen falsche Einfühlung

10. September 2003, 20:19
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Literaturwissenschafterin Ruth Klüger über den unterschiedlichen Umgang mit der Vergangenheit in den USA und in Europa

Die Vermittlung der großen jüdischen Katastrophe an die jüngeren Generationen wird mit der Zeit erstaunlicherweise immer umstrittener. Meine Qualifikation da mitzureden, beruht auf jahrzehntelanger Lehrtätigkeit an amerikanischen Universitäten.

Ich habe seit den späten 70er Jahren in unregelmäßiger Folge immer wieder Lehrveranstaltungen in "Holocaust Literature" angeboten und zwar sowohl auf der "undergraduate" Ebene - also für Studenten, die an ihrem Bachelor arbeiteten und zwischen 17 und 21 Jahre alt waren - wie auch in fortgeschritteneren "graduate" Seminaren. Dabei handelte es sich immer um Komparatistik, nicht Germanistik. D. h. von den literarischen Werken, die in Frage kamen, einschließlich Memoiren oder das Tagebuch der Anne Frank, sind nur wenige auf Deutsch geschrieben, obwohl das Thema ja von der Herkunft ein deutsches ist.

(...) Die Studierenden, die als Wahlfach solche Kurse in Amerika belegten, waren zum Großteil, aber keinewegs ausschließlich, Juden. Verwöhnte gescheite jüdische Kinder, denen es immer gut gegangen war, deren Eltern das Geld hatten, sie an renommierte Universitäten, wie Princeton, zu schicken, die sich auf ordentliche Karrieren und glückliche Ehen freuten - privilegierte junge Menschen, bei denen sich im Kopf die Kluft aufgetan hatte, dass man ihresgleichen vor nicht allzu langer Zeit massenweise vom Erdboden verschwinden ließ und dass ihre eigenen Großeltern unter den Opfern waren. Der Holocaust ist der internationale Alpdruck jüdischer Kinder, das völlig unverständliche Böse schlechthin, das es aber nicht auf alle Menschen, sondern auf sie im Besonderen abgesehen hatte.

Unvermeidlich die Frage; wie hätte ich damals reagiert? Unvermeidlich auch, dass einer oder der andere behauptet: Ich hätte gekämpft, ich wäre nicht wie ein Schaf zur Schlachtbank gegangen. Dann der Aufstand im Warschauer Ghetto: große Erleichterung, auch das hat's gegeben.

Nichtjüdische Studenten haben oft die Massenvernichtung anderer Völkergruppen, andere Spielarten des Genozid, ins Gespräch gebracht, was dann zu Vergleichen führte und der heftig diskutierten Frage, ob die Shoah so einzigartig sei, dass man sie nicht vergleichen könne oder dürfe. Diese Diskussion war mir immer sehr recht, nur dass ich gegen den Begriff des Dürfens und Nicht-Dürfens mit einem Hinweis auf Meinungsfreiheit eingriff.

Nachdem ich mein Buch geschrieben hatte, habe ich nicht mehr Holocaust-Kurse angeboten. Das sollten jüngere übernehmen. Doch als ich in Göttingen mehrere Sommer nacheinander eine halbe Gastprofessur innehatte, wurde ich gebeten, auch jüdische Themen zu behandeln, und in diesen Kontexten kam der Holocaust unweigerlich zur Sprache. Da war dann wieder die Frage auf dem Tisch: Wie hätte ich damals gehandelt? Aber die Zugehörigkeit war zur Tätergesellschaft, daher die Frage, wäre ich Täter geworden?

Ein schwerwiegender Unterschied, den man auch von der Überlegung her beleuchten kann, dass die Amerikaner ihre Soldaten des zweiten Weltkriegs als die "greatest generation" verehren, die Männer (und ein paar Frauen), die den guten Krieg geführt haben. Die deutsche und österreichische Jugend hingegen schämt sich ihrer SS-Väter und Großväter, neuerdings auch ihrer Wehrmachtsväter und -großväter. Das führt zu einer begrüßenswerten Skepsis gegenüber dem Nationalismus, während in Amerika ein fahnenschwingender Patriotismus keinen Anstoß, eher Beifall auslöst.

Doch in den Täterländern, wenn man sich dort der Vergangenheit nicht schämen will (und wer tut das schon gern?), so muss man das NS-Regime entweder rechtfertigen oder doch es verharmlosen, z.B. durch Leugnung des Holocaust. Oder durch die Forderung, endlich einen Strich unter diese Rechnung zu machen, die das internationale Judentum einem immer noch vorlegt.

Damit sind wir am Anfang meiner Bemerkungen angelangt, nämlich die Frage, wie umstritten heute dieses traurige Erbgut des 20. Jahrhunderts ist. Dass nur die Juden es am Leben erhalten, ist natürlich Quatsch: das Interesse an den zwölf Jahren des Dritten Reiches könnte nicht größer und weiter verbreitet sein. Immer neue Fernsehprogramme, Berichterstattungen, Spielfilme, Romane erscheinen und werden auch rezipiert. Die Enormität, das Ungewöhnliche dieser Gewaltherrschaft und ihrer Ideologie war ja derartig, dass es das Davor und das Nachher in einen langweiligen Schatten stellt.

Wer fände es nicht aufregender, daher amüsanter, eine Hitlerbiographie als eine Adenauerbiographie zu lesen? Der Hinweis, dass der letztere ein besserer Mensch als der erstere war und daher mehr Aufmerksamkeit verdient, wird keinen Leser rühren. Dieses Interesse ist auch keineswegs am Abflauen. (...)

Im deutschsprachigen Raum sind zwei merkwürdige gegensätzliche Tendenzen erkennbar. Die eine ist der vieldiskutierte neue Antisemitismus, vor allem der Vorwurf, die Juden versuchen den Deutschen Ehre und Geld abzuzwacken, auf Grund einer Vergangenheit, die vielleicht gar nicht so schlimm war.

Wie gesagt, diese Tendenz wird verständlicher, wenn man bedenkt, dass die ehemaligen Wehrmachtssoldaten, deren alliierte Zeitgenossen in ihren Ländern als Helden gefeiert werden, sich als Verbrecher verstecken sollen und ihre Söhne nicht mit den Taten der Väter prahlen dürfen, wie meine Söhne es in der Schule taten, weil ihr Vater so tapfer in der Normandie und in der "Battle of the Bulge" gekämpft und Holland befreit hatte.

Literarisch zeitigt das Ressentiment dann solche Blüten wie Fassbinders altes Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod", das von einem mörderischen überlebenden Juden handelt, bis his zu einem zeitnäheren verhüllt antisemitischen Roman von Martin Walser, der von einem bösen dumm-schlauen jüdischen Kritiker handelt und bis zu den Verteidigern dieses Stücks und dieses Romans unter Literaturwissenschaftlern und Kritikern.

Umgekehrt ist der Versuch, sich das jüdische Erbe anzueignen. Der Fall Wilkomirski ist Ihnen vielleicht bekannt, der nichtjüdische Schweizer, der sich eine jüdische Kindheit zusammengelesen und dann zusammengeschrieben hat und in aller Herren Länder als ein besonders krasses Opfer der Nazis mit einem besonders anrührenden Bericht gefeiert wurde, bis sich herausstellte, dass alles ein Schwindel war.

Ein weiterer Fall, der gerade jetzt durch die Feuilletons geht, ist der des renommierten verstorbenen Schriftstellers Wolfgang Koeppen, der sich den Bericht eines Übelerbenden aneignete, mit geringfügigen Änderungen versah und als sein eigenes Buch herausgab, übrigens im selben Verlag in dem Wilkomirskis "Fragmente" erschien. Koeppens Buch heißt "Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch. Roman". Littners originale Aufzeichnungen, die jetzt auch bei einem anderen Verlag erschienen sind, heißen "Mein Weg durch die Nacht".

Das Vorgehen wird auf Grund von Koeppens Genie verteidigt. Ich frage mich erstaunt: was geht hier vor in der Rezeption der Schoah, dass plötzlich alle möglichen Leute vor nichts zurückschrecken, um sich als Juden ausgeben zu können? Das ist doch wohl der Einfühlung zu viel, oder? (red)

Ein anderer Blick auf die Bildungsgeschichte der zweiten Generation der Holocaust- Überlebenden: Die in Wien geborene, nach Theresienstadt und Auschwitz deportierte Literatur- Wissenschafterin Ruth Klüger über den unterschiedlichen Umgang mit der Vergangenheit in den USA und in Europa. Auszüge aus ihrem Symposionsbeitrag.

Ruth Klüger, geboren 1931 in Wien, lebt in Irvine/Kalifornien, dzt. Gastprofessorin an der Universität Wien.

Der vollständige Text wird in der nächsten Nummer der feministischen Zeitschrift "AUF" gedruckt.
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