Schmerzhafte Erinnerungen eines Gedächtnisforschers

10. September 2003, 20:19
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Der Medizin-Nobelpreisträger Eric Kandel berichtete auf dem Symposion zu den Folgen des Nationalsozialismus für Österreichs Wissenschaft über seine Jugend in Wien

Im Verlauf meiner Arbeit ist mir mehr und mehr bewusst geworden, dass das Studium des Gedächtnisses, dem ich einen Großteil meines Lebens gewidmet habe, zwei Kulturen verbindet: die Kultur der Geisteswissenschaften, die sich traditionell mit der Natur menschlicher Erfahrung beschäftigen und die der Naturwissenschaften, die sich mit der Materie auseinander setzen. Diese Verbindung war mir nicht von Anfang an bewusst, und deshalb ist mein Weg zur Biologie des Gedächtnisses nicht geradlinig gewesen.

Geboren wurde ich in Wien, der Stadt, in der sich meine Eltern im Jahr 1923 kennen lernten und heirateten. Das war kurz nachdem mein Vater sich als Inhaber einer kleinen Spielzeugwarenhandels etabliert hatte. Mein Bruder Ludwig wurde am 14. November 1924 geboren und ich fünf Jahre später. Wir lebten in einer kleinen Wohnung in der Severingasse 8 im 9. Bezirk, einem bürgerlichen Viertel nahe der medizinischen Hochschule, und gar nicht weit von Freuds Wohnung. Wir hatten allerdings zu beiden keinen Kontakt. Meine beiden Eltern arbeiteten im Geschäft und eine Hausangestellte kümmerte sich um den Haushalt.

Meine Schule war nicht weit von unserem Haus. Sie war wie die meisten Grundschulen in Wien sehr traditionell und sehr gut. Und ich folgte dem erprobten Pfad, den mein außerordentlich begabter Bruder Ludwig fünf Jahre vorher gegangen war, in derselben Schule und mit den selben Lehrern. Während aller meiner Jahre in Wien fühlte ich, dass Ludwig eine intellektuelle Virtuosität besaß, die ich nie erreichen würde. Während ich noch lesen und schreiben lernte, meisterte er schon Griechisch und spielte Klavier.

Meine schönsten Kindheitserinnerungen sind die von Familientreffen und Ferien. Jedes Jahr im August fuhren wir nach Mönichkirchen, einem kleinen Bauerndorf im Südosten von Niederösterreich, nicht weit von Wien.

Gerade als wir im Juli 1934 nach Mönichkirchen aufbrechen wollten, erfuhren wir, dass der österreichische Kanzler, Engelbert Dollfuß, der die NSDAP für illegal erklärt hatte, von österreichischen Nazis, die sich als Polizisten verkleidet hatten, ermordet worden war. Dies war der erste politische Sturm, der in mein langsam erwachendes politisches Bewusstsein eindrang.

Nach der Ermordung von Dollfuß und während der frühen Jahre der Regierung seines Nachfolgers, Kurt von Schuschnigg, verschwand die österreichische NSDAP in den Untergrund, gewann aber weiterhin neue Anhänger, besonders unter Lehrern und anderen Beamten. Paradoxerweise wurde dem österreichischen Aufbruch zur Diktatur von Dollfußs eigenen politischen Einstellungen und Aktionen der Weg bereitet. Seine Vorbilder Mussolini und Hitler nachahmend, gab er seiner christlich sozialen Partei den neuen Namen "Vaterland Front" und begann eine Art Hakenkreuz zu tragen. Um sich die Gewalt über die Regierung zu sichern, setzte er Österreichs Verfassung außer Kraft und verbot nicht nur die NSDAP, sondern auch alle anderen oppositionellen Parteien. Auf diese Weise und trotz seines Widerstandes gegen die Bemühungen der österreichischen Nationalsozialisten, mit Deutschland einen Großdeutschen Staat zu formen, öffnete Dollfuß Hitler die Tür zum Einmarsch.

Und genau das tat Hitler dann auch, trotz Kurt von Schuschniggs mutigen Anstrengungen, den Anschluss zu verhindern. Ich erinnere mich sehr gut daran. Hitlers triumphaler Einmarsch in Wien und der großartige Empfang, den er von den Wienern erhielt, machten auf mich einen unauslöschlichen Eindruck. Mein Bruder hatte gerade sein erstes Kurzwellenradio fertiggebastelt. Und am Abend des 13. März hörten wir über unsere Kopfhörer, wie der Berichterstatter die Grenzüberschreitung der deutschen Truppen vom frühen Vortag beschrieb. Hitler folgte am Nachmittag des 13. März. Er überschritt die Grenze bei Braunau am Inn, seiner Heimatstadt und fuhr von dort nach Linz, der Hauptstadt von Oberösterreich, wo er am Marktplatz mit "Heil Hitler"-Rufen als Einheimischer begrüßt wurde. Linz hatte damals 120.000 Einwohner, 100.000 davon kamen aus ihren Häusern, um Hitler zu begrüßen. Im Hintergrund plärrte das "Horst Wessel"- Lied, eines der hypnotischen Nazi-Marschlieder, die sogar mich in ihren Bann zogen. Am Nachmittag des 14. März kam Hitlers Gefolgschaft in Wien an, wo eine begeisterte Menschenmenge am 15. März ihn als den Helden begrüßte, der die Deutsch sprechenden Völker vereint hatte.

Der außerordentliche Empfang in Linz und Wien änderte Hitlers Plan. Ihm wurde klar, dass die Österreicher nicht auf den Status eines relativ unabhängigen Protektorats bestehen würden, den er für sie vorgesehen hatte. Die begeisterten Menschenmengen überzeugten ihn davon, dass Österreich den totalen Anschluss nicht nur akzeptieren, sondern sogar willkommen heißen würde. Denn es sah danach aus, dass jedermann, vom einfachen Händler bis zum Akademiker, Hitler willkommen hieß. In einer schockierenden Aktion ordnete der einflussreiche Erzbischof Wiens, Kardinal Theodor Innitzer an, dass alle katholischen Kirchen der Stadt die Hakenkreuzfahne hissen und die Kirchenglocken läuten sollten, zur Ehre Hitlers Ankunft in Wien. Als der Kardinal Hitler persönlich begrüßte, versicherte er Hitler seiner Loyalität und die aller österreichischen Katholiken - die den Großteil der österreichischen Bevölkerung ausmachten. Der Kardinal versprach, dass Österreichs Katholiken "die treuesten Söhne des großen Reiches würden, in dessen Arme sie an diesem bedeutenden Tag heimkehrten", vorausgesetzt, dass die Freiheiten der Kirche respektiert und die Rolle der Kirche in der Erziehung der Jugend garantiert würde.

An diesem Abend und in den darauf folgenden Tagen, brach die Hölle aus. Wiener, gepackt von nationalistischem Eifer, rotteten sich zusammen, um Juden zu verprügeln und ihr Eigentum zu zerstören. Ausländische Berichterstatter, schon seit langem mit Nazi-Taktiken in Deutschland vertraut, waren überrascht von der mutwilligen, schamlosen Brutalität der österreichischen Nazis, und sogar deutsche Nazis waren erstaunt und ermutigt von der Grauenhaftigkeit der Angriffe.

(....) Da meine Eltern die Anhäufung der Judengesetze in Deutschland nach Hitlers Machtergreifung in 1933 verfolgt hatten, bedurfte es wenig Überzeugung, um einzusehen, dass die Gewalt zum Zeitpunkt der Annexion, wahrscheinlich nicht nachlassen würde. Wir wussten, dass wir gehen mussten - und zwar so bald wie möglich. Der Bruder meiner Mutter, Berman Zimels, war zehn Jahre zuvor nach New York emigriert und hatte sich dort als Buchhalter etabliert. Er versorgte uns umgehend mit der nötigen eidesstattlichen Versicherung, dass er für uns nach unserer Ankunft in den Vereinigten Staaten finanziell aufkommen würde. Sogar mit dieser eidesstattlichen Erklärung dauerte es ungefähr ein Jahr, bis unsere Nummer aufgerufen wurde.

Und auch als unsere Nummer aufgerufen wurde mussten wir, gemäß der amerikanischen Einwanderungsgesetze, stufenweise emigrieren. Die Eltern meiner Mutter verließen Wien zuerst, im Februar 1939, mein Bruder und ich folgten im April 1939 und schließlich meine Eltern, im September 1939, nur wenige Tage vor dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges. Während des einen Jahres, in dem wir unter der Herrschaft der Nazis lebten, erfuhren wir Wiens demütigende Form des Antisemitismus am eigenen Leib. Am Tag nach Hitlers Einmarsch in Wien sprachen meine nicht-jüdischen Klassenkameraden - die gesamte Klasse mit Ausnahme eines Mädchens - nicht mehr mit mir und wollten keinen Umgang mehr haben. In dem Park in dem ich gewöhnlich spielte, wurde ich gehänselt und herumgestoßen. Die Übergriffe gegen die Juden, von denen meine Behandlung ein eher harmloses Beispiel waren, erreichten ihren Höhepunkt in den Schrecken der Reichskristallnacht, am 8. November 1938. Am Morgen des 7. Novembers hatte ein 17.jähriger, jüdischer Jugendlicher aus Verzweiflung über das tragische Schicksal das seine Eltern in den Händen der Nazis erlitten hatten, in der Pariser Botschaft einen drittrangigen Sekretär erschossen, den er für den deutschen Botschafter hielt. Als Vergeltung für diese Einzeltat wurde fast jede Synagoge in Deutschland und Österreich in Brand gesetzt.

Unter allen Städten, die von den Nazis kontrolliert wurden war die Zerstörungswut in Wien besonders mutwillig. Juden wurden gehänselt und brutal verprügelt und aus ihren Geschäften und Häusern vertrieben, so dass diese in der Zwischenzeit von habgierigen Nachbaren geplündert werden konnten. Ich erinnere mich an diese Nacht noch heute, über 60 Jahre später, als wäre es gestern gewesen. Die Kristallnacht kam zwei Tage nach meinem 9. Geburtstag, zu dem ich von meinem Vater mit Spielzeug aus seinem Laden überhäuft worden war.

Als wir eine Woche nach unserer Vertreibung wieder in unsere Wohnung zurückkamen, war alles was irgendeinen Wert besessen hatte verschwunden, darunter auch meine Spielsachen. Mein letztes Jahr in Wien war ein prägendes Jahr welches zu dem tiefen Gefühl der Dankbarkeit beitrug, die ich für das Leben entwickelt habe, das ich in den Vereinigten Staaten gelebt habe. Es ist wahrscheinlich sinnlos, sogar für jemanden der in psychoanalytischem Denken ausgebildet ist wie ich, den Versuch zu unternehmen, die komplexen Interessen und Entscheidungen meines späteren Lebens auf ein paar ausgesuchte Erfahrungen meiner Jugend zurückzuführen. Trotzdem kann ich nicht umhin mir vorzustellen, dass meine Erfahrungen während meines letzten Jahres in Wien zu meinem späteren Interesse für den menschlichen Geist, menschliches Verhalten, die Unvorhersagbarkeit menschlicher Beweggründe, und die Beharrlichkeit des Gedächtnisses, beitrugen. Über die Jahre hinweg, während meine Interessen sich langsam entwickelten, habe ich mich diesem Themen immer wieder zugewandt: zuerst in Form einer jugendlichen Neugier auf die europäische Geistesgeschichte, in Harvard, wo ich die Beweggründe deutscher Intellektueller während der Nazizeit studierte, dann durch mein Interesse für die Psychoanalyse mit ihrem systematischeren Ansatz zu Gedankenprozessen, und schließlich mit meinem Interesse für die Biologie des bewussten und unbewussten Gedächtnisses.

Meine frühen Erfahrungen in Wien, trugen zweifellos zu meiner Neugier auf die Widersprüchlichkeiten und Komplexität menschlichen Verhaltens bei. Wie soll man den plötzlichen Ausbruch so großer Brutalität in so vielen Menschen erklären können?

Wie konnte eine hochgebildete und kultivierte Gesellschaft, eine Gesellschaft die einst die Musik von Haydn, Mozart und Beethoven nährte, im nächsten Augenblick in die tiefste Verderbtheit herabsinken?

Mein letztes Jahr in Wien hat sicher etwas mit meinem Interesse für die Mechanismen des Gedächtnisses zu tun. Ich bin erstaunt, wie andere vor mir, wie tief diese traumatischen Ereignisse meiner Kindheit in mein Gedächtnis eingebrannt sind - und meine Erlebnisse, das muss ich unterstreichen, waren viel geringfügiger als die der Vielen, die schwer verletzt oder umgebracht wurden. Für mich sind die erschreckenden traumatischen Erlebnisse dieses Jahres bei weitem der lebhafteste Teil meiner "Erinnerungen". Die Gefühlsgeladenheit und Lebhaftigkeit dieser Erinnerungen an bedeutende Ereignisse begannen mich zu faszinieren. Ein Motto der Post-Holocaust Juden ist: "Vergesse nie!" - ein Motto das versichern soll, dass heutige Generationen wachsam bleiben gegenüber Antisemitismus und Rassenhass, welche die Gräueltaten des Holocaust zuließen. Meine wissenschaftliche Arbeit - meine Suche nach dem Gedächtnis - erforscht die biologischen Grundlagen für dieses Motto: Welche Prozesse finden im Gehirn statt, die es uns ermöglichen uns an etwas zu erinnern?

(.....)

Wir können heute schon sehen, wie biologische Forschung in Zukunft zu einer neuen "Wissenschaft des Geistes" beitragen kann. Am Beispiel der Biologie des Gedächtnisses, kann man das besonders deutlich erkennen.

Das wachsende Verständnis der Biologie hat unsere Auffassung von geistigen Vorgängen im Allgemeinen und der Psychiatrie im Besonderen revolutioniert. Wer weiß - möglicherweise werden wir eines Tages mit Hilfe bildgebender Verfahren anatomische Veränderungen im Gehirn von Patienten messen, um so den Effekt psychotherapeutischer Eingriffe präzise zu erwägen? Ein anderes Anwendungsgebiet für unser wachsendes biologisches Verständnis sind Gedächtnisprobleme.

Wie Sie vielleicht wissen, haben manche ältere Leute normale, altersbedingte Schwierigkeiten, neue Langzeitgedächtnisse zu formen. Vielleicht, in einigen Jahren, könnten wir eine kleine, rote Pille haben, die diese Altersvergesslichkeit kuriert. Ich selbst warte schon ungeduldig auf diese "kleine Rote", damit ich die vielen wichtigen deutschen Worte, die ich während dieser paar Tage in Wien lerne, mein Leben lang nicht wieder vergessen werde. (red)

Von Eric Kandel, Neurobiologe und Medizinnobelpreisträger
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