Regierung Blair distanziert sich erstmals von Irak-Dossier

8. Juni 2003, 21:49
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Blunkett: "Besser, wenn wir das Dossier nicht veröffentlicht hätten" - MI6 entschuldigt sich

London - Die britische Regierung hat sich erstmals von einem ihrer umstrittenen Dossiers zum Irak distanziert. Innenminister David Blunkett sagte am Sonntag der BBC: "Es wäre besser, wenn wir das Dossier nicht veröffentlicht hätten." Der Bericht habe Hintergrundinformationen zum Irak enthalten - nicht aber Informationen über die Massenvernichtungswaffen des ehemaligen Diktators Saddam Hussein. "Ich denke, wir sollten einen Strich unter dem machen, was zur absurdesten politischen Geschichte meines ganzen Lebens geworden ist."

Das Dossier war umstritten, weil es teilweise aus einer veralteten Arbeit eines Studenten abgeschrieben worden war. "Die Wahrheit ist, dass die Menschen im Irak von einem Tyrannen befreit wurden", verteidigte sich Blunkett gegenüber der BBC. MI6 entschuldigt sich

Wie der "Observer", der "Sunday Telegraph" und andere britische Medien am Sonntag berichteten, entschuldigte sich der Kommunikationschef von Premierminister Tony Blair, Alastair Campbell, beim Chef des Auslandsgeheimdienstes MI6 schriftlich für eines der Dossiers. Der "Telegraph" zitierte Campbell außerdem mit den Worten: "Ich habe den für das Dossier Verantwortlichen klargemacht, dass sie sich nicht an die erforderlichen Maßstäbe von Genauigkeit gehalten haben."

Das vor dem Irak-Krieg veröffentlichte Dossier basierte nach ursprünglichen Regierungsangaben auf Erkenntnissen des MI6. Schon bald aber musste Downing Street zugeben, dass der Bericht teilweise aus einer veralteten Arbeit eines kalifornischen Studenten abgeschrieben worden war. Der MI6 soll sehr verärgert darüber sein, dass die Regierung in dieser Weise Informationen des Geheimdienstes mit zweifelhaften Quellen aus dem Internet vermischt und den Ruf des Dienstes dadurch beschädigt habe. Nach einem Bericht des "Independent on Sunday" haben Geheimdienst-Mitglieder Belege dafür gesammelt, wie ihre Berichte von der Downing Street manipuliert worden seien.

Der "Observer" berichtete, dass Blair selbst Fehler zugeben wolle, falls er von dem Parlamentsausschuss zur Untersuchung der Vorwürfe befragt werden sollte. Allerdings bestreite die Regierung weiter, Fakten verändert zu haben. Die Dossiers seien nur "umgeschrieben" worden. Mit ihnen wollte die Regierung die Bevölkerung von der Notwendigkeit eines militärischen Vorgehens gegen den Irak überzeugen. Da bisher aber noch keine Massenvernichtungswaffen im Irak gefunden worden sind, gerät die Regierung nach Meinung ihrer Kritiker zunehmend in Beweisnot. (APA/dpa)

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