Die langsame Demontage eines Kriegsgrunds

11. Juni 2003, 09:43
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Die Kriegsherren finden keine Massenvernichtungs- waffen im Irak, müssen sich aber täglich gegen neue Enthüllungen aus ihren Geheimdiensten wehren

Jetzt haben Experten damit angefangen, auch noch den letzten "Beweis" dafür, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besaß und herstellte, zu demontieren. Die zwei im Irak gefundenen mobilen Labors waren vielleicht nicht das, wofür sie die US-Regierung so dringend halten will: Produktionsstätten für biologische Waffen.

Da wurden wohl voreilige Schlüsse gezogen, meinen einige der Analytiker, die die Fahrzeuge untersucht haben, in der New York Times. Das Untersuchungsergebnis sei vom Wunsch diktiert gewesen, die "smoking gun" zu finden - obwohl, wirklich "rauchend" wäre dieses Gewehr auch nicht gewesen, denn die Labors waren leer.

Jedenfalls gibt es gleich mehrere technische Gründe, die gegen den von der US-Regierung in einem "White paper" behaupteten Verwendungszweck sprechen. Es gibt unter anderem Zweifel, ob der im Papier so genannte "Fermenter" für die Bakterienvermehrung überhaupt einer ist - es fehlt eine Vorrichtung für Dampfsterilisation, was William C. Patrick, an früheren B- Waffenprogrammen der USA beteiligt, als "riesiges Minus" bezeichnet. Manche Experten tendieren dazu, irakischen Wissenschaftern zu glauben, die nach wie vor - obwohl ihnen Saddam Hussein nicht mehr im Nacken sitzt - behaupten, dass in den Labors Wasserstoff für Wetterballone hergestellt wurde.

Dessen ungeachtet bleibt US-Präsident George Bush "absolut überzeugt" davon, dass die USA Beweise für biologische und chemische Waffenprogramme finden werden. Man beachte aber den Wandel in der Terminologie: Man spricht nicht mehr davon, dass man einsatzbereite Massenvernichtungswaffen finden wird - von denen die USA doch vor dem Krieg "wussten", dass sie bereits in Stellung gebracht worden waren. Jetzt würden "Programme" reichen.

Glaubwürdigkeit

Was immer man im Irak noch finden mag, die USA werden ein Glaubwürdigkeitsproblem haben, wenn sie ihre Funde nicht von unabhängigen Experten prüfen lassen. Allerdings scheint die US-Regierung nicht gern auf Experten zu hören, deren Meinung ihr nicht ins Konzept passt. Soeben wurde eine deklassifizierte Version einer Geheimdienststudie vom vergangenen September freigegeben, laut der keineswegs klar war, dass der Irak eine imminente Gefahr darstellte. Zu den C- Waffen heißt es da etwa, es gebe "keine glaubwürdige Information darüber, ob der Irak chemische Waffen produziert und lagert oder ob der Irak seine Produktionsstätten für chemisches waffenfähiges Material wieder hergestellt hat oder das tun will".

Untersuchungen

In den USA und in Großbritannien werden sich Untersuchungsausschüsse damit beschäftigen, wie viel die Politik von der tatsächlichen Faktenlage wusste - immerhin hat ja nicht nur US-Außenminister Colin Powell, sondern auch Bush selbst die auf plump gefälschten Beweisen basierende Geschichte öffentlich erzählt, nach der der Irak versucht hatte, in Niger Uran einzukaufen. Gemeinsam mit "Aluminiumröhren" - die nach Meinung der IAEO (Internationale Atomenergiebehörde) für andere Zwecke bestimmt waren - bildeten sie die Grundlage für die Behauptung, der Irak verfolge wieder ein Atomwaffenprogramm.

Jede Spur fehlt auch von den Scud-Raketen, die der Irak angeblich noch hatte - was es erst ermöglicht hätte, B- und C-Waffen etwa gegen Israel einzusetzen. Auch da wird Aufklärung nötig sein: Wie kam es zum Beispiel dazu, dass in Geheimdienstberichten von bis zu zwei Dutzend im Irak vermuteten Langstreckenraketen die Rede war, während im Bericht der UNO- Waffeninspektoren von 1998 stand, dass sie den Verbleib von zwei (sic!) Scuds nicht klären konnten? (Gudrun Harrer, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 11.6.2003)

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    Februar 2003, UNO-Sicherheitsrat: Die Alliierten präsentierten ihre Erkenntnisse über die Existenz von Massenvernichts- waffen im Irak

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