Nach der erfolgreichen Qualifikation beim Turnier in London stellt Fabian Leimlehner den olympischen Gedanken ab sofort hintan
London/Wien - Die Freude über die historische Tat ist am Mittwoch und
also einen Tag nach dem erfolgreichen Auftritt beim Olympic Test Event
in London nicht geringer geworden. "Ich bin erleichtert und zufrieden.
Ich habe genau die Leistung umgesetzt, die ich mir vorgenommen habe",
sagt Fabian Leimlehner. Der 24-jährige Turner blickt aber lieber voraus
und nicht zurück. "Bis jetzt war das Ziel, mich für die Olympischen
Spiele in London zu qualifizieren. Jetzt will ich mehr als nur dabei
sein. Den persönlichen Ehrgeiz hab ich schon, im Sommer bei Olympia was
zu reißen."
In der direkt an der Themse gelegenen riesigen O2-Arena schaffte
Leimlehner am Dienstagabend als 26. unter 98 Startern souverän die
Qualifikation. Sieben Nationen hätte er hinter sich lassen müssen, um
einen Quotenplatz für Österreich zu ergattern. Am Ende waren es 15.
Damit schmückt Leimlehner als erster österreichischer Turner seit 52
Jahren die Olympischen Spiele. Als letzte Athletin turnte Henrietta
Parzer 1964 in Tokio.
Glück und Gerechtigkeit
Dass Leimlehner überhaupt beim Olympic Test Event in London an den Start
gehen konnte, war dem Glück zu verdanken. Nach der gründlich verpatzten
WM 2010 in Tokio erhielt er im Mehrkampf als 97. unter 261 Athleten
gerade noch das allerletzte Ticket für das Qualifikationsturnier.
Leimlehner hatte in Japan riskiert. Bei den Figuren im hohen
Schwierigkeitsgrad, die er im Training beherrschte, schlichen sich aber
Fehler ein. In London setzte Leimlehner auf die genau umgekehrte Taktik.
Er vertraute auf leichtere Figuren in seinem Repertoire, zeigte weniger,
als er zu zeigen imstande wäre - das dafür aber makellos. Von den 84,830
Punkten war am Ende nicht nur Leimlehner überrascht, sondern auch Robert
Labner. "Wenn es im Turnen eine höhere Gerechtigkeit gibt, hat sie
Leimlehner in London erfahren", sagte der Generalsekretär des
österreichischen Fach-Turnverbandes (ÖFT).
Am Pferd startete Leimlehner mit einem dynamischen Kasamatsu mit
Doppelschraube. Dem Sprung, benannt nach dem japanischen Olympioniken
Shigeru Kasamatsu, folgt nach einem Überschlag über den Sprungtisch mit
halber Drehung nach dem Abdruck ein gestreckter Salto rückwärts. Auch
die Übungen an Barren, Reck, Boden, Pauschenpferd und Ringen gelangen
fehlerfrei. "Fabian hätte auch zweimal runterplumpsen können, er wäre
immer noch qualifiziert gewesen", sagte Labner.
Leimlehner, der seit 2007 in Innsbruck lebt und trainiert, will sich
nach "schmerzvollen Weihnachten", die hauptsächlich aus Trainieren
bestanden, erst einmal eineinhalb Wochen Urlaub gönnen. "Wellnessen mit
der Freundin und Snowboarden." Sein Trainer Petr Koudela bastelt
inzwischen an einem Fahrplan für Olympia, das Jus-Studium wird
aufgeschoben. "Ich vertraue meinem Coach. Er hat sich bewährt, ich
verdanke ihm viel."
Doppel-Staatsbürger Leimlehner (die Mutter ist Schweizerin, der Vater
Oberösterreicher) will sich bis zum Sommer im Mehrkampf auf 86 Punkte
steigern. "Das ist möglich", sagt Generalsekretär Labner. "Ein Platz
unter den besten 30 von 98 Turnern bei Olympia ist hochgegriffen, aber
realistisch. In seiner Spezialdisziplin Reck darf man sogar von einem
Top-Ten-Platz träumen." (David Krutzler, DER STANDARD, Printausgabe, 12.1.2012)