The law of unintended consequences

Kolumne | Hans Rauscher, 10. Jänner 2012, 19:26

Stehen nun die Leute von SOS ORF und alle Mitglieder der Zivilgesellschaft, die sich für demokratische Sitten einsetzen, als Naivlinge da?

Im angloamerikanischen Sprachraum gibt es das halb sarkastisch, halb ernst gemeinte "law of unintended consequences". Demnach hat fast jede Maßnahme, auch eine gute und gut gemeinte, unbeabsichtigte bis unerwünschte Konsequenzen.

Vor sechs Jahren schlossen sich ein paar kritische Geister zusammen, um etwas gegen den unerträglichen Druck der Schüssel-ÖVP auf den ORF, exekutiert durch den damaligen Chefredakteur Werner Mück, zu unternehmen. Die Geburtsstunde von SOS ORF war ein Frühsommertag im Mai, an dem zuerst Armin Wolf bei der Verleihung des Kurt-Vorhofer-Preises in der Hofburg seine fulminante Rede gegen das Regime Mück hielt; am selben Abend gab es eine Podiumsdiskussion, bei der vor vielen ORFlern über Widerstand gegen den Klammergriff der schwarz-blauen Koalition nachgedacht wurde.

Es entstand SOS ORF mit einer Website, die 70.000 Unterschriften zusammenbrachte und auch sonst öffentlichen Druck machte. Etwas später war die Generalintendantin Monika Lindner und mit ihr Werner Mück Geschichte, Alexander Wrabetz war neuer ORF-Chef.

Seine Wahl verdankte er einer geschickt zustande gebrachten Koalition von Stiftungsräten der SPÖ, der Grünen, des BZÖ und der FPÖ, also einem klassischen Deal. SOS ORF hat aber in einer qualifizierten Öffentlichkeit den Meinungsboden vorbereitet.

Zum Teil dieselben Personen protestieren nun - mit vollem Recht - gegen Wrabetz, weil er einen wirklich unerträglichen Deal mit der SPÖ geschlossen hat. Hier zeigt sich das "law of unintended consequences" in seiner ganzen ironischen Pracht.

Wobei es unbestritten ist, dass unter Wrabetz viel mehr redaktionelle Freiheit herrschte als unter Lindner/Mück. Nur: Die tödliche Funktionärslangeweile so vieler Diskussionrunden im ORF dürfte schon auch damit zusammenhängen, dass sich Wrabetz mit Niko Pelinka über die Einladungspolitik beraten hat.

Stehen nun die Leute von SOS ORF und alle Mitglieder der Zivilgesellschaft, die sich für demokratische Sitten einsetzen, als Naivlinge da?

Nein. Wrabetz war nicht wirklich ihr Kandidat, er war halt da. Aber man muss gegen unhaltbare Zustände aufstehen, auch auf die Gefahr hin, dass man nicht genau weiß, was nachkommt.

Im Grunde kann kein Chef des ORF (oder auch anderer Betriebe der öffentlichen Domäne) gegen Mitarbeiter regieren, die seine Autorität nicht mehr anerkennen. Wenn Wrabetz jetzt nicht eine Lösung findet, die diese Autorität wiederherstellt, dann ist er auch für die SPÖ wertlos.

Die Ereignisse der letzten Wochen haben gezeigt, dass es im ORF doch noch eine kritische Masse an Mitarbeitern gibt, die sich nicht alles gefallen lässt. Es genügen ein paar Personen mit Zivilcourage, und plötzlich entsteht breiter Widerstand. Die Leute in der jetzigen Sozialdemokratie, die glauben, Medienpolitik statt Politik machen zu müssen, haben eins vor den Latz bekommen. Die kritische Zivilgesellschaft hat gezeigt, dass es sie gibt: mehr nicht, aber das ist schon etwas. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.1.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 63
1 2
cives
 
00
11.1.2012, 23:56
dum spiro spero

also hoffen darf man ja noch auf den einsatz und die wirkung der zivilgesellschaft. erschreckend ist allerdings, dass unsere politischen institutionen so ausgehöhlt sind. rechtliche bestimmungen werden ignoriert oder werden nur zum schein formal befolgt.

staud
14
11.1.2012, 17:58

Auch als bekennender Sympatisant muß ich zugeben, daß es langsam wirklich schwierig wird Faymann zu verteidigen... :(

1116er
42
11.1.2012, 15:37
the law of unintended realitätsverlust

hat wohl bei rauscher zugeschlagen!

"SOS ORF hat aber in einer qualifizierten Öffentlichkeit den Meinungsboden vorbereitet."

das ist doch arroganz und selbstüberschätzung zum quadrat!
gäbe es heute noch schüssels schwarz-blau, dann gäbe es heute auch noch lindner & mück (oder andere genehme).
SOS ORF hatte diesselbe auswirkung auf diese personalie wie ein schaas im wald auf das weltklima!

stecken sie sich ihre "qualifizierte öffentlichkeit" an den hut, herr rauscher. gott sei dank haben sie und ihre selbsternannte elite NICHTS wirklich wichtiges zu bestimmen. denn vor EUCH würde ich mich viel mehr fürchten als vor einer schrecklichen neuauflage von schwarz-blau!

- rau -
29
11.1.2012, 17:52
Schon einmal an eine AntiAggressions-Therapie

gedacht ?
Oder, wenn nicht, einfach Fakten checken ? SOS ORF wurde im Frühsommer 2006 gegründet. Wrabetz im August 2006 gewählt. Im Oktober waren NR-Wahlen, bei denen Schwarz-Blau die Mehrheit verlor. Wrabetz wurde also noch unter s-b gewählt.
Also künftig kurz durchatmen, bevor man Blödsinn postet.

baneck08
00
12.1.2012, 17:15
R. weiss ganz genau,

das SOS-ORF gar nichts mit dem Ende von Lindner&Mück zu tun hatte.
Wozu also diese Unwahrheiten?

Karlgaard
21
11.1.2012, 21:49

Können Sie mal mit ihren Untergriffen und persönlichen Beleidigungen aufhören? Die Netiquette gilt auch für Sie! Übrigens schrammen Sie schon die längste Zeit am Rand des "Troll"-Status herum.

faxmonkey
 
41
11.1.2012, 15:29
Das

einzige was die Pelinka Aktion einmal mehr unter Beweis gestellt hat, ist das es längst überfällig ist den politisch korrumpierten Staatsfunk zu privatisieren und somit dem Zugriff SÄMTLICHER politischen Gruppen zu entziehen.
Der nächste Schritt muss dann sein, die Bevölkerung von der Zwangsmitgliedschaft in den Vorfeldorganisationen AK und WK zu befreien. Aber das sind sowieso nur alles Tagträumereien.

AnChVIE
 
07
11.1.2012, 16:24
Schwachfug

Wer will schon einen weiteren Berlusconi-Sender oder Wissenschaftssendungen auf dem Niveau von Galileo oder News-Berichterstattung auf jenem von RTL2.

*Entpolitisieren* ist das Zauberwort ned *Privatisieren*.

edurkheim
30
11.1.2012, 15:20
Der ORF ist ein Schandfleck für unsere und die Demokratie insgesamt

Der letzte zwangsfinanzierte Regierungspropaganda-Sender in Europa und das mitten in Österreich (10 x).

Jeder Reporter der hier mitspielt tut dies nicht als "unintended consequence" sondern im vollen Bewusstsein der aktiven oder opportunistisch mitläuferischen Manipulation des Volkes und der medialen Verdrängung freier Meinung.

Der Poltiker der dieses Residual-Instrument eines parteipolitischen Medial-Vereinnahmung ersatzlos zusperrt wird noch in 200 Jahren in jedem Geschichtsbuch - ähnlich einem Kudlich - als einer der großen Befreier dieses Volkes gefeiert werden.

ulysses007
21
11.1.2012, 14:27
Bravo

...pointiert geschrieben, gut zu wissen, dass es den freien Journalisten noch gibt...was würden die ohne Euer Korrektiv mit uns anstellen...

byron sully
11
11.1.2012, 14:18

respekt jedenfalls den orf-redakteurInnen!

a las barricadas
00
11.1.2012, 13:18
na ja

auf der einen seite wurde der ORF hinter einem schutzwall von normen "tiefgekühlt", so als gäbe es im tv-bereich keinen wettbewerb. auf der anderen seite zwingt die politik den orf dazu auf der höheren management ebene "weiße elefanten" zu inthronisieren, die nicht gestalten können, dafür aber verhindern. kein biotop für kreatives agieren, wie die programmflops beweisen. kein wunder, dass "die zeit" den orf den letzten dinosaurier des öffentlich - rechtlichen monopols nennt. und wenn es nicht zu realen reformen beim orf kommt, dann ist sein schicksal das der arbeiter zeitung, die u.a. der pelinka vater gegen die wand gefahren hat.

mikromalist
 
13
11.1.2012, 11:23
Die Verschärfung:

The Cobra Effect (es wird das Gegenteil des Gewollten erreicht)

(Zur Eindämmung einer Kobraplage in einer indischen Provinz zahlten Britische Kolonial-Bürokraten Prämien für jede getötete Kobra - das funktionierte anfangs gut, dann wurde Kobras rasch mehr ...... weil Inder Kobras züchteten)

wurm83
 
73
11.1.2012, 11:04
kann mir bitte jemand sagen, welche journalistische tätigkeiten beim ORF politisch beeinflusst werden sollen?

die sportübertragungen?
die ca 50% der sendezeit ausmachen?

oder eher die serien?
die wahrscheinlich 40% der sendezeit ausmachen?

oder das hauptabendprogramm?
--> nur noch sozi filme
das sind dann die anderen 9%

nachrichten, ich kopiere mal aus dem heutigen orf1 programm:

16:20 ZIB Flash (5 min)
17:55 ZIB Flash (5 min)
20:00 ZIB 20 (7 min)
22:25 ZIB Flash (5 min)
00:00 ZIB 24 (29 min)

wohooooooo 51 min nachrichten / tag....

und wegen dem machen wir so einen aufstand? abgesehen davon, dass es zu schüssel zeiten kein atv bzw. pro 7 austria gab die eine politische verfälschung der orf nachrichten sofort aufdecken würden...

byron sully
10
11.1.2012, 14:19

die 19:30-haupt-zib haben sie offenbar bewußt ausgelassen (in die wird nämlich am ehesten hineininterveniert).

baneck08
00
12.1.2012, 17:21
byron lügt

"ZiB" sah 2011 mehr Schwarz als Rot
http://derstandard.at/132548579... rz-als-Rot

Armin Wolf:
"Es gibt – und das darf man in der aktuellen Debatte nicht vergessen – einen fundamentalen Unterschied zur Zeit vor 2006: In den Redaktionen gibt es ein sehr viel größeres Maß an journalistischer Freiheit. Niemand sagt uns, welche Geschichten wir machen dürfen und welche nicht."

Dr. Muffel
00
11.1.2012, 13:30
Naja, zum Beispiel

die Moderation (Zensur) der online-Foren ?

Demokrit 007
01
11.1.2012, 12:45
Und wo bitte ...

... wird in Ihrer Rechnung die ZIB 2, das Flaggschiff der (politischen) Information berücksichtigt. Mit einem Anchorman A.Wolf, der wohl eher kündigen würde, als sich sein Rückrat zu verbiegen !

mind map
14
11.1.2012, 11:50

Ich bin der letzte, der den ORF verteidigen will, aber das es ORF2 mit ZIB1, ZIB2, Report, Weltjournal, etc. auch noch gibt ist Ihnen schon bewusst?

Die Nachrichtenredaktion ist im ORF das einzige, was noch/wieder halbwegs funktioniert.

Michael Holzermayr2
11
11.1.2012, 10:33
Sehr geehrter Herr Rauscher,

es dürfte Ihrer Aufmerksamkeit entgangen sein, daß jede gut gemeinte Aktion unbeabsichtigte (meist negative) Konsequenzen hat. Wäre das nicht so, wäre es eine gute Aktion.

Jene Grüne Straßenkatze
04
11.1.2012, 10:01
...

Bisschen off-topic zur Langeweile der Diskussionsrunden: Ein weiterer wichtiger Grund für deren Mangel an Qualität ist wohl die Tatsache, dass zwar jemand vom ORF dabeisitzt, aber die Tätigkeit dieser Person beim besten Willen nicht Moderation genannt werden kann. So können die Anwesenden tun, was beliebt: SPÖVP-Funktionäre können leere Phrasen dreschen, Strache kann sich wie ein Kind mit Aufmerksamkeitsstörung verhalten. Und raus kommt nichts.

Sarah L.
 
00
11.1.2012, 11:28

genau so ist es! - eine thurnher zum beispiel, die ihren vorgegebenen fragenkatalog ohne rücksicht auf verluste, i.e.: antworten, einfach abarbeitet.

Niko Pelikan
02
11.1.2012, 09:06
Ich möchte wiederholen:

Ich bin parteilos, unabhängig, qualifiziert, kompetent, parteilos, unabhängig, erfahren, medienaffin, parteilos, unabhängig und parteilos.

Kurz: Der perfekte Kandidat für den ORF-Generaldirekt... äh, für den Büroleiter-Job.

Danke für die Aufmerksamkeit.

LG
N.P.
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http://twitter.com/#!/PelikanNiko

Almi66
01
11.1.2012, 06:35
Wrabetz=Kleinster gemeinsamer Nenner der Parteien

Bei dem "Deal" war für alle was dabei, gesichtslos und grauslich...!

Hubert Ungeist
 
01
11.1.2012, 05:03
Sie stehen nicht als Naivlinge

da sondern als einseitige Lobbyisten.

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