Forscher haben bei Vögeln einen Indikator gefunden, mit dem man sehr früh abschätzen kann, wie lange die Tiere leben werden
Unklar ist, ob die Länge der sogenannten Telomere auch beim Menschen so aussagekräftig ist.
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Washington/Wien - Will man es wirklich bereits in der Kindheit wissen, wie
lange man im Idealfall leben wird? Wahrscheinlich nicht. Abgesehen davon ist die
Frage zumindest für Menschen noch ziemlich hypothetisch. Denn noch sind
Prognosen über die individuelle Lebenserwartung eines Menschen nicht viel mehr
als Hellseherei.
Doch das könnte sich womöglich aufgrund einer neuen Studie ändern, die
Forscher um Pat Monaghan von der Uni Glasgow an Zebrafinken durchgeführt haben.
Die Wissenschafter zeigten nämlich, dass die Länge der sogenannten Telomere bei
Vögeln, die nur 25 Tage alt waren, erstaunlich genaue Vorhersagen über ihre
Lebenserwartung - Zebrafinken können in Gefangenschaft immerhin bis zu neun
Jahre alt werden - möglich machen.
Telomere sind die aus repetitiven DNA-Sequenzen bestehenden Enden der
Chromosomen. Je öfter sich Zellen teilen, desto kürzer werden diese
"Schutzkappen", die in gewisser Weise den verstärkten Enden von Schuhbändern
ähneln. Sind sie aufgebraucht, dann kann das zu Schädigungen der Zellen führen.
Für die Aufklärung des Mechanismus, dessen Bedeutung für die biologische
Altersforschung schnell klar war, wurde erst 2009 der Nobelpreis für Medizin
verliehen. Die Altersforschung mittels Telomeren steht allerdings erst am
Anfang. Die neue Untersuchung der britischen Forscher im Fachblatt PNAS
könnte allerdings einen großen Fortschritt darstellen, vermuten auch befragte
Kollegen.
Monaghan und ihre Kollegen entnahmen 99 frisch geschlüpften Zebrafinken
Blutproben und maßen die Länge ihrer Telomere. Diese Tests wurden wiederholt,
solange die Tiere lebten. Das erste Tier starb bereits nach einem halben Jahr,
das letzte erst nach neun Jahren. Die Zebrafinken, die am längsten lebten,
verfügten immer auch über die längsten Telomere. Der beste Prädiktor war aber
die Länge im Alter von nur 25 Tagen - was beim Menschen dem Alter kurz vor dem
Einsetzen der Pubertät entspricht.
Das ist für Monaghan ein Hinweis darauf, wie wichtig Vorgänge am Beginn des
Lebens sind. Darüberhinaus halten sich die Studienautoren mit Schlussfolgerungen
noch zurück. Telomerforscher Duncan Baird, ebenfalls von der Uni Glasgow betont,
dass die Übertragung auf den Menschen problematisch sei, da wir viel länger und
in einer sehr viel heterogeneren Umgebung leben. Zudem könne man aufgrund der
Daten der Untersuchung nicht eindeutig sagen, dass Telomere die treibende Kraft
der Alterungsprozess sind.
Die Forscher wollen daher zunächst einmal noch mehr darüber herausfinden, wie
die frühen Lebensbedingungen die Verkürzung der Telomere beeinflussen. Und
welchen Einfluss Vererbung und Umweltfaktoren haben. (tasch/DER STANDARD, Printausgabe, 11.01.2012)