Wie sich die Lebensdauer vorhersagen lässt

10. Jänner 2012, 19:04
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Forscher haben bei Vögeln einen Indikator gefunden, mit dem man sehr früh abschätzen kann, wie lange die Tiere leben werden

Unklar ist, ob die Länge der sogenannten Telomere auch beim Menschen so aussagekräftig ist.

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Washington/Wien - Will man es wirklich bereits in der Kindheit wissen, wie lange man im Idealfall leben wird? Wahrscheinlich nicht. Abgesehen davon ist die Frage zumindest für Menschen noch ziemlich hypothetisch. Denn noch sind Prognosen über die individuelle Lebenserwartung eines Menschen nicht viel mehr als Hellseherei.

Doch das könnte sich womöglich aufgrund einer neuen Studie ändern, die Forscher um Pat Monaghan von der Uni Glasgow an Zebrafinken durchgeführt haben. Die Wissenschafter zeigten nämlich, dass die Länge der sogenannten Telomere bei Vögeln, die nur 25 Tage alt waren, erstaunlich genaue Vorhersagen über ihre Lebenserwartung - Zebrafinken können in Gefangenschaft immerhin bis zu neun Jahre alt werden - möglich machen.

Telomere sind die aus repetitiven DNA-Sequenzen bestehenden Enden der Chromosomen. Je öfter sich Zellen teilen, desto kürzer werden diese "Schutzkappen", die in gewisser Weise den verstärkten Enden von Schuhbändern ähneln. Sind sie aufgebraucht, dann kann das zu Schädigungen der Zellen führen. Für die Aufklärung des Mechanismus, dessen Bedeutung für die biologische Altersforschung schnell klar war, wurde erst 2009 der Nobelpreis für Medizin verliehen. Die Altersforschung mittels Telomeren steht allerdings erst am Anfang. Die neue Untersuchung der britischen Forscher im Fachblatt PNAS könnte allerdings einen großen Fortschritt darstellen, vermuten auch befragte Kollegen.

Monaghan und  ihre Kollegen entnahmen 99 frisch geschlüpften Zebrafinken Blutproben und maßen die Länge ihrer Telomere. Diese Tests wurden wiederholt, solange die Tiere lebten. Das erste Tier starb bereits nach einem halben Jahr, das letzte erst nach neun Jahren. Die Zebrafinken, die am längsten lebten, verfügten immer auch über die längsten Telomere. Der beste Prädiktor war aber die Länge im Alter von nur 25 Tagen - was beim Menschen dem Alter kurz vor dem Einsetzen der Pubertät entspricht.

Das ist für Monaghan ein Hinweis darauf, wie wichtig Vorgänge am Beginn des Lebens sind. Darüberhinaus halten sich die Studienautoren mit Schlussfolgerungen noch zurück. Telomerforscher Duncan Baird, ebenfalls von der Uni Glasgow betont, dass die Übertragung auf den Menschen problematisch sei, da wir viel länger und in einer sehr viel heterogeneren Umgebung leben. Zudem könne man aufgrund der Daten der Untersuchung nicht eindeutig sagen, dass Telomere die treibende Kraft der Alterungsprozess sind.

Die Forscher wollen daher zunächst einmal noch mehr darüber herausfinden, wie die frühen Lebensbedingungen die Verkürzung der Telomere beeinflussen. Und welchen Einfluss Vererbung und Umweltfaktoren haben. (tasch/DER STANDARD, Printausgabe, 11.01.2012)

  • Zebrafinken in jungem, mittlerem und reifem Alter (von links nach rechts). 
Anhand der Telomere von Jungtieren können Forscher abschätzen, wie alt die Tiere 
werden.
    foto: paul jerem

    Zebrafinken in jungem, mittlerem und reifem Alter (von links nach rechts). Anhand der Telomere von Jungtieren können Forscher abschätzen, wie alt die Tiere werden.

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