Zehn Prozent Zinsen - das versteht jeder Depp

10. Jänner 2012, 18:42
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In Xaver Schwarzenbergers "Die Verführerin - Adele Spitzeder" zeigt Birgit Minichmayr die wahre Geschichte eines sehr speziellen Weges aus der Finanzkrise - Marianne Sägebrecht hält die Treue bis zum Untergang

Wien - Wege aus der persönlichen Finanzkrise können trügerisch sein. Anfangs klingt alles ganz einfach: "Du gibst mir was von deinem Gesparten, und ich mach mehr draus." Schön, und wie? "Zehn Prozent Zinsen, verstehst das, du Depp?" Und weil das wirklich jeder Depp in Bayern versteht, füllten sich im Zimmer von Adele Spitzeder schnell die Hutschachteln mit Geld. Nur: Nach der Krise ist vor der Krise, und Reichtum ist in Xaver Schwarzenbergers "Die Verführerin - Adele Spitzeder" (Mittwoch, 20.15, ORF 2) ein den Charakter stark verderbendes Glück.

"Mit großem Selbstverständnis, ganz fantastisch", interpretiere Birgit Minichmayr die Titelfigur, schwärmt Marianne Sägebrecht, die als Wirtsfrau und spätere Assistentin der Bankerin eine unterstützende Rolle im Drama einnimmt.

"Eine Bank für die kleinen Leut'", wollte Spitzeder gründen. Ihr florierendes Geschäft entpuppt sich als gefährliche Blase.

Die eröffneten Sparkonten ersticken in völligem Chaos, aus Körben verteilt sie das Geld an die Armen, nicht wissend, dass der Untergang bevorsteht. Ihre Erinnerungen schrieb Spitzeder in Buchform nieder ( Geschichte meines Lebens, Buchendorfer Verlag, München 1996). Basierend auf dem Drehbuch von Ariela Bogenberger verfilmte Schwarzenberger für ORF und BR die Geschichte der Lebefrau, die von 1832 bis 1895 wirkte.

Zu Spitzeder hat wiederum Sägebrecht einen speziellen Bezug: Drei Figuren spielte die 66-jährige Film- und Theaterschauspielerin in ein und demselben Stück über die Bankiersfrau Ende der 1970er-Jahre, darunter Spitzeders Lebensgefährtin Bella. "Ich habe durchgesetzt, dass ich sie ganz weich spiele", erzählt Sägebrecht. Im Publikum saß ein gewisser Percy Adlon, dem just dieser spezielle Zugang so gut gefiel, dass er sie für Zuckerbaby, Out of Rosenheim und Rosalie Goes Shopping engagierte. Beide, Sägebrecht und Adlon, feierten mit diesen Filmen die größten Erfolge ihrer Karriere.

Bordellbesitzerin

Die sexuelle Orientierung der Adele Spitzeder deutet Schwarzenberger übrigens mehr als zaghaft an. Überhaupt ausgeblendet wird die Tatsache, dass eine wesentliche Informationsquelle Spitzeders das eigene Bordell war: als Umschlagbörse für Klatsch und Tratsch.

Vielleicht nicht fernsehtauglich? "Schwarzenberger wollte die Wiener Konstellationen zeigen", verweist Sägebrecht auf die Frühgeschichte der Spitzeder, die sich in Wien als erfolglose Schauspielerin durchschlug.

Ihre eigenen Rollen seien "im Himmel geschrieben", sagt Sägebrecht. Mit 66 Jahren sucht sie ihre Engagements "sehr vorsichtig aus". Für Frauen ihres Alters sei es mitunter schwierig Rollen zu finden, sofern - kleiner Seitenhieb unter Kolleginnen - eine "nicht so ein Glück hat wie Iris Berben, bei der ihr Sohn Produzent ist und schaut, dass er ihr schöne Rollen gibt." Überhaupt käme für Frauen ab 45 scheinbar nur eine Figur in Frage: "Sie bekommt einen Colt in die Hand gedrückt und kann eine gute Kommissarin werden." Sägebrecht, die sich selbst als Anthroposophin und "Ganzheitsdenkerin" bezeichnet, interessieren diese glatten Ermittlerinnen nicht. Es brauche ein zweites Standbein. Sägebrecht schreibt Bücher: "Da lebe ich zufrieden und hab' alles, was ich brauche."

Wilde Fuchtel

Seine Hauptdarstellerin hüllt Schwarzenberger in gelb-rötliches Licht und vertraut auf die Strahlkraft des Ensembles. Dieses enttäuscht nicht: Birgit Minichmayr interpretiert den unkonventionellen Weg aus der persönlichen Finanzkrise als wilde Fuchtel. Sunnyi Melles steht die exzentrische Mutter gut, ebenso Karlheinz Hackl der furchtgetriebene Regisseur wie Sägebrecht die zupackende Kraft.

Als erfolglose Schauspielerin setzte Spitzeder auf bezahlten Applaus. Ob es das heute noch gibt? "Ich habe es noch nie beobachtet", sagt Sägebrecht - aber: "Ich kann es mir sehr gut vorstellen." (Doris Priesching/DER STANDARD, Printausgabe, 11.1.2012)

 

  • Not macht Adele Spitzeder (Birgit Minichmayr) erfinderisch, vor allem aber energisch.
    foto: orf/br/petro domenigg

    Not macht Adele Spitzeder (Birgit Minichmayr) erfinderisch, vor allem aber energisch.

  • Die Wirtin Edeltraud Staller (Marianne Sägebrecht, rechts) kocht, bäckt und legt Geld in der Spitzeder'schen Bank an.
    foto: orf/br/petro domenigg

    Die Wirtin Edeltraud Staller (Marianne Sägebrecht, rechts) kocht, bäckt und legt Geld in der Spitzeder'schen Bank an.

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