Kultusbeitrag für Ausgetretene

Für eine Kultursteuer im "Land der Dome"

Kommentar der anderen | 10. Jänner 2012, 18:16

Warum es sich die empörten Kritiker von VP-Landesrat Hiegelsberger zu einfach machen - Von Kurt Appel

Eine der dümmsten Entscheidungen der unseligen schwarz-blauen Koalition betraf die Klimt-Bilder der Österreichischen Galerie, die im Zuge eines Schiedsgerichtsverfahrens restituiert werden mussten (bzw. durften). Mit einer Budgetsumme im Promillebereich, die sich noch deutlich verringert hätte, wenn die Regierungsmitglieder der damaligen Koalition nicht mit unüberbietbarer Arroganz und Ignoranz aufgetreten wären, hätte man fünf der bedeutendsten Kunstwerke Österreichs, Sinnbilder einer Epoche größter kultureller und intellektueller Hervorbringungen (von Wittgenstein über Schönberg bis Klimt und Freud) in Österreich halten können: Kunstwerke, um die uns die halbe kulturell interessierte Welt beneidet(e). Erschütternd war damals nicht nur die Entscheidung der Regierung, sondern auch die Art, wie sie sie vertrat: Man hatte fast den Eindruck, es herrschte Freude darüber, diese Kunstwerke los zu sein und sich damit von urbaner, vorwiegend jüdisch geprägter Geistigkeit distanzieren zu können. Im Übrigen kam auch von Oppositionsseite kaum Druck, hier einen anderen Weg zu gehen.

Nehmen wir einen Szenenwechsel vor: Lebt man im Ausland, dann merkt man noch deutlicher, wie sehr Österreich neben der grandiosen künstlerischen Vergangenheit (und da und dort auch Gegenwart) Wiens kulturell durch die unzähligen sakralen (Kleinst-)Kunstwerke, wie man sie vor allem im ländlichen Raum findet, geprägt wird. Dieses Land ist tatsächlich ein "Land der Dome" , und die Kirchen, Kapellen, Marterl etc. geben Österreich eine unverwechselbare Note, die da und dort, in Abweichung vom globalen Einheitsbrei, so etwas wie Schönheit erfahrbar macht - dem Gläubigen genauso wie dem Ungläubigen.

Während vor einigen Jahren gewissermaßen aus ländlich-provinzieller "Tumbheit" geborener Hass auf "Wien" zum Exodus der fünf Klimtbilder geführt hat, ist jetzt das Szenario umgekehrt. Städtische Arroganz macht sich über den Gedanken eines "Eh nur" -Bauern lustig, wie die Erhaltung sakraler Kunstwerke und damit vor allem, aber nicht nur, ländlicher Kultur gesichert werden kann. Es ist billig, seine Vorschläge als "unausgegoren" oder "grenzwertig" abzutun, denn neue Ideen haben es eben an sich, dass sie unausgereift sind und manchmal in unpassender Sprache ("Kirchensteuerflüchtlinge" ) formuliert werden. Tatsache ist, dass die Mitglieder der katholischen Kirche allein nicht mehr länger Kirchen und andere sakrale Kunstwerke erhalten können. Erstens, weil ihre Anzahl geringer wird, zweitens, weil das System der Kirchensteuer samt Zwangspfändung evangeliumswidrig und bedingungslos abzuschaffen ist, wenn sich die katholische Kirche in diesem Land nicht gänzlich aufgeben will.

Was aber dann? Ein sinnvoller Weg könnte das derzeitige italienische Modell sein: Dort zahlt jede(r) einen Kulturbeitrag, der entweder direkt dem Staat oder einer staatlich anerkannten Religionsgemeinschaft zur Verfügung gestellt werden kann. Mit der Konsequenz im Übrigen, dass es viele Katholiken gibt, die ihren Beitrag gerade nicht der katholischen Kirche zur Verfügung stellen, wie umgekehrt auch viele konfessionell nicht Gebundene ihren Beitrag einer der infrage kommenden Religionsgemeinschaften widmen.

Auf Österreich angewendet, sollte darüber diskutiert werden, ob man nicht den (versteckten) Kulturbeitrag, der im Rahmen der ORF-Gebühr von den Ländern (teilweise) eingehoben wird, erhöht und die Zahler darüber entscheiden lässt, wem sie diesen Beitrag widmen - also direkt der öffentlichen Hand oder einer anerkannten Religionsgemeinschaft zweckgebunden für kulturelle und soziale Maßnahmen; erwägenswert wäre auch, ob man die Möglichkeit einer Zweckwidmung auf NGOs ausweitet.

Im Gegenzug sollten die Kirchen darauf verzichten, den Staat dafür einzusetzen, mittels Bezirksbehörden nachzuspüren, welcher Gesinnung (Religionsgemeinschaft) seine Untertanen angehören. (Kurt Appel, DER STANDARD; Printausgabe, 11.1.2012)

KURT APPEL (Jg. 1968) ist Professor an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien und Leiter der universitären Forschungsplattform "Religion and Transformation in Contemporary European Society" .

Kommentar posten
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Jochen Mars
01
14.3.2012, 11:49

die kirche hat unzählige steuerprivilegen und ist der zweit größte grundbesitzer in österreich.

wollen wir jetzt ernsthaft darüber sprechen, denen noch mehr geld in den rachen zu schieben ?

The Sailor
02
12.1.2012, 16:39
Kulturbeitrag?

Ich zahle bereits einen Grenzsteuersatz von 50%, zusätzlich SV.
Wenn der Staat damit nicht auskommt muß er entweder "Kulturgüter" verfallen lassen, keine unnötigen Löcher in die Berge bohren oder woanders sparen.
Nur weil von meinem Haus die Schindeln abfallen kann ich meinen Kunden ja auch nicht mehr in Rechnung stellen.

Ein Großteil der öffentlichen Beiträge der Denkmalförderung gehen ohnehin in die kirchliche Ecke.

Riesige Ländereien, Kunstschätze mit Milliardenwerten, aber die Hand aufhalten für die Erhaltung der Kirchen...

Werner Lischka
61
11.1.2012, 20:37
eine durchaus logische argumentation ...

... und eine löbliche idee - die gesellschaft für die erhaltung des erbes der vergangenheit (gleich aus welcher weltlichen oder religiösen richtung) heranzuziehen.
leider ist eine sachliche argumentation im zentralblatt der kirchengegner kaum möglich.
die meisten poster sehen beim begriff 'römisch katholisch' rot und würden zwar liebend gern für den erhalt des denkmals der roten armee zahlen, aber die kirchen und dome des landes lieber in disco's verwandeln.
dummheit und elitäre präpotenz in reinkultur - dagegen kämpfen auch götter vergeblich.

Jochen Mars
01
14.3.2012, 11:46

die kirche ist nach den bundesforsten zweit größter grundbesitzer in österreich.

die kirche ist von der grundsteuer ausgenommen.

eigentlich sollten wir darüber sprechen wie der staat sich geld von der kirche holt, nicht wie er es ihr überlässt. wenn die kirche ihre sakralen bauten nicht erhalten kann, dann muss sie sie halt verkaufen.

Werner Lischka
10
14.3.2012, 17:10
selbst wenn sie's nicht glauben -

- die ausnahme von der grundsteuer betrifft nur die sakralbauten - d.h. für den wald ist grundsteuer fällig (der gilt nämlich nicht als kirchenraum).
zum thema erhaltung der sakralbauten - ohne diese wäre der tourismus in ö sehr viel geringer - und damit sowohl die anzahl der jobs als auch das bip.
sie können gerne ihre ablehnung ausleben - aber bitte versuchen sie in ihrer propaganda wenigstens realistische behauptungen einzubauen.
ist dies nicht möglich bzw. stört sie die nähe von sakralbauten zu sehr, steht ihnen durchaus die emigration in laizistischere staaten offen - das outback in australien oder n-amerika weis sicher keine spuren ihrer so abgelehnten staatsnahen kirchensituation auf.

Jochen Mars
01
20.3.2012, 12:10

ich bitte Sie, wir sprechen nicht vom Stephansdom, wir sprechen von den unzähligen Sakralen Bauten am Land und in der Pampa deren Erhaltung ein vermögen kostet, und wirklich keinen Touristen interessiert.

Ich war kürzlich in Edinburgh, dort wurden Kirchen zu Ticketverkaufsstellen umfunktioniert, nachdem sie Privatisiert wurden. Ich habe ja nicht gesagt das man die Sakralen bauten abreißen soll, umfunktionieren reicht schon. Was bringt es sie zu erhalten wenn sie doch eh keiner mehr nutzt. Zum Argument "wanderns halt aus" ... ich bevorzuge es Missstände zu ändern als vor ihnen davon zu laufen. Die Stellung der Kirche in Österreich ist solch ein Missstand.

Werner Lischka
01
20.3.2012, 15:37
die umwidmung von nicht mehr genutzten kirchen ..

.. ist durchaus sinnvoll - nur müssen sie dann auch einen nutzer finden, der sie a) kauft und b) die dann fällige grundsteuer bezahlt.
als eigentümer kann die kirche nicht einfach sagen - ich brauche die gebäude nicht mehr, ich lasse sie verfallen.
die gesetze über rücklagenbidlung und erhaltungspflicht gelten schlieslich nicht nur für hauseigentümer.
ob sie die die stellung von anerkannten kirchen (da gibts ja nicht nur die katholische) als misstand betrachten, obliegt ihrer entscheidung.
ob sich dies ändern soll der mehrheit der wähler und ob dies bei einem gültigen staatsvertrag möglich ist, dem eugh (sofern bei kündigung des konkordats der vatikan einspruch erhebt).

Jochen Mars
00
21.3.2012, 14:01

Richtig nur das, dass Konkordat (welches übrigens im Austrofaschismus geschlossen wurde) ein einfacher Staatsvertrag ist. Nachdem Vatikanstaat kein Teil der EU ist hat der mit dem EuGH mal sicher nix zu tun. Aber selbst wenn - ein einfacher Staatsvertrag kann zur Not auch einseitig aufgekündigt werden.

Werner Lischka
00
21.3.2012, 21:04
auch für einfache staatsverträge gilt ...

.. 'pacta sunt servanda'. das einseitige aufkündigen stellt defacto vertragsbruch dar (sofern keine entsprechende kündigungsklausel enthalten ist).
insbesonders staatsverträge werden üblicherweise in beiderseitigem einverständnis aufgelöst - die vertragstreue ist im internationalen recht ein basiselement, da es kaum möglich ist zwangsmittel einzusetzen.
staaten, die ohne notwendigkeit ihren vertraglichen verpflichtungen nicht nachkommen traut man nicht mehr - und das hat auswirkungen auf finanz-, wirtschafts- und rechtsinteraktion mit diesen staaten.
dabei ist es unwesentlich, unter welcher regierung der vertrag geschlossen wurde.
österreich wäre sehr schlecht beraten einen vertrag zu brechen nur weil jemand die kath. kirche nicht passt.

Spinndoktor
01
11.1.2012, 22:09
Pauschalierungswurschtel

Und das Denkmal der roten Armee muss tip top in Ordnung gehalten werden, damit die Schande unseres Landes und seine verdiente Niederlage als ein Stachel im Fleisch weithin sichtbar geoffenbart bleibt. Das hat mehr mit gelebter Demut zu tun als Eure bimmelnden Uhrtürme.

Werner Lischka
00
12.1.2012, 21:35
falls sie sinngemäs ...

... lesen könnten, wäre ihnen nicht entgangen, dass ich die kulturabgabe sowohl f.d. erhalt weltlicher als auch geistlicher bauten verwendet sehen möchte.
dazu gehörte auch das denkmal der roten armee (der ich für ihre leistung b.d. niederringung d. 3. reiches sehr dankbar bin - weniger für aktionen ala ungarn oder cssr).
als stachel sehe ich es nicht - es ist nur ein denkmal für vergangene geschichte.

Eins von Gottes Ebenbildern
00
12.1.2012, 16:53

Vater-Unser-Garage ist der terminus technicus für die moderne Kirchenarchitektur.

lg mensch

Knieriem
00
11.1.2012, 19:53
Kulturbeitrag, ja oder nein?

Im Prinzip wäre dieser Vorschlag gar nicht so schlecht, weil ja Kulturgüter österreichisches Allgemeingut sind, und der "Besitzer" auch zur Erhaltung verpflichtet ist.
Der Zahler könnte ev. entscheiden, ob er diesen Beitrag seiner Religionsgemeinschaft, oder dem Kulturbudget des Staates "widmet".
Von den Kulturgütern profitieren ja auch alle.
Von bröckelnden historischen Bauten, ob Kirchen, Schlösser oder Bürgerhäusern sind auch alle betroffen. Eintritt in Kirchen zu zahlen, wie in anderen Ländern, kann ja auch nicht der Weisheit letzter Schluß sein - vor allem für ein Land, das vom Tourismus weitgehend abhängig ist.

autc04
02
11.1.2012, 19:52
Das jenseitige an dem Vorschlag

ist nicht die Idee, Kunstwerke und Kulturdenkmäler mit Steuergeldern erhalten zu wollen.

Befremdlich, aber noch nicht vollends jenseitig ist die Annahme, dass die Erhaltung der katholischen Kulturdenkmäler prinzipiell wichtiger sei als die Erhaltung anderer Kulturdenkmäler (man denke z.B. an mittelalterliche Burgen, alte Bauernhöfe und ganze historische Innenstädte).

Tatsächlich jenseitig ist jedoch die Idee, dass die Bezahlung eines Kirchenbeitrages den Gläubigen von einem Beitrag zum allgemeinen Denkmalschutz entbinden könnte. Dieser Kirchenbeitrag kommt ja höchstens teilweise der Allgemeinheit zu gute, über seine Verwendung entscheidet sozusagen ein "privater Verein". Eine allgemeine Steuer muß aber alle verpflichten...

Seria
02
11.1.2012, 19:30

Die Kirche sollte nicht anders als jeder andere Verein behandelt werden!

aiuto
01
12.1.2012, 11:12
.... und deshalb gehört auch das Konkordat aus den

Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts ehestens aufgehoben,... oder neu verhandelt, unter Zugrundelegung der Tatsache, dass seither der Antgeil der Katholen (bzw. Kirchenbesucher) an der Gesamtbevölkerung um einiges zurückgegangen ist...

Seria
02
11.1.2012, 19:28

ungebrauchte kirchen, bzw solche, die von der rel gem nicht instand gehalten werden können, können auch säkularisiert genutzt werden, zB als Konzertsaal, f. Ausstellungen etc

Bösmensch (oft zensiert)
 
01
11.1.2012, 19:12
Na gut, dann trete ich halt wieder in die Kirche ein...

...zahle im Jahr 20 Euro und drohe damit wieder auszutreten, wenn die meinen, das wäre viel zu wenig. Aber wenn sie die 20 Euro eh nicht brauchen, kann es der Kirche ja nicht so schlecht gehen.

01052004
00
11.1.2012, 18:57

schilift-, walzer-, heurigensteuer...und für uns wiener noch die raunzerabgabe...

und alles wertvolle kulturgüter, die prägend sind für österreich...

G. Lavant
01
11.1.2012, 18:44

Die Kirche muss die 6,4 Mio. Euro, die die Opferschutzkommission ausgezahlt hat, wieder hereinbringen.
Aber das sollte der Herr Appel auch sagen und nicht sich hinter Marterln und Kapellen verstecken.

HelmHer
02
11.1.2012, 18:38
Statt "Kultursteuer"

den Ablasshandel wieder einführen. Allen wäre geholfen, die armen Seelen springen sofort aus dem Fegefeuer in den Himmel und die Katholen könnten ihre kulturell hochwertigen Marterln erhalten.

01052004
01
11.1.2012, 18:53
oh ja,

kauf zehn und du hast eine kleine sünde frei...auch abos sollen möglich sein und dauerablässe (für politiker und sonstige heißluftplauderer)...mit ordentlich gemachter fegefeuer-angstmache sicher ein (wieder zu erschliessender) markt...

Besserwisser
12
11.1.2012, 18:17
So ein SCHWACHSINN! Die Kirche unterhält kein einziges Marterl!

Das erhalten und pflegen immer noch die Leute, die es zum Andenken an einen Verunglückten aufgestellt haben.
Die Kirchen und Kapellen stehen sowieso fast alle unter Denkmalschutz. Wenn die zu renovieren sind, fließen Zahlungen aus dem Fond. Der wird aus Steuergeldern gespeist. Also zahlen Ausgetretene, Nichtgläubige und Andersgläubige ohnehin schon mit bei der Erhaltung von Kirchen und Kapellen.

Besserwisser
01
11.1.2012, 18:25
Ein noch größerer SCHWACHSINN ist der Vergleich mit den Klimt-Bildern,

die den rechtmäßigen Erben zurückgegeben worden sind.
Sicher, die Republik hätte die Bilder auch kaufen können/sollen. Dann hätten die bilder auch der Republik = allen Staatsbürgern gehört.
Wenn aber alle Staatsbürger für die Erhaltung der Kirchen und kapellen zahlen müssten - dann gehörten sie trotzdem noch immer der Kirche.

ja aber
00
11.1.2012, 18:13
auswahl schoen und gut

und was macht die kirche dann, wenn die leute das geld jemand anderen spenden?

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