Härtetest für österreichisches Hühnerfleisch

10. Jänner 2012, 21:34
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Über Importe, Dumpingpreise und Antibiotika

Wien - Der Nachweis antibiotikaresistenter Keime im Fleisch deutscher Hühner löst auch harte Debatten über die österreichische Tiermast aus. Vorbeugender Einsatz von Antibiotika ist verboten - ohne ihn sei Massentierhaltung jedoch nicht möglich, und das gelte auch für Österreich, sagt der Biochemiker Walter Welz. Wer viele Tiere auf kleinem Raum am Leben erhalten wolle, komme nicht daran vorbei. Die Betriebskontrollen seien teils angekündigt, aus Kostengründen gebe es zudem zu wenig.

Welz, der für die Industrie Futter- und Lebensmittel auf Hormone und Drogen analysiert, warnt seit Jahren vor dem unkontrollierten Antibiotikaeinsatz in österreichischen Schweine- und Hühnerställen, bei dem auch illegale Mittel angewendet würden. Dabei gehe es nicht um wenige schwarze Schafe. "Es ist Ausdruck des starken Preiskampfes in der Landwirtschaft." Wer behaupte, die Betriebe setzten Antibiotika nur gezielt bei schon ausgebrochenen Krankheiten ein, verschließe die Augen vor der Realität. Aber wo kein Kläger, da kein Richter, es gelte also weiter die Unschuldsvermutung.

Ein Landwirt erzählt von einem blühenden Schwarzmarkt an verbotenen Medikamenten. Flächendeckend werde Antibiotikum in der Mast nicht angewandt; zeichneten sich Probleme ab sehr wohl aber prophylaktisch. Bei manchen großen Ställen gehe es halt einfach nicht anders, ergänzt ein Tierarzt.

60 Tonnen davon verschreiben Ärzte jährlich 5,6 Millionen Großtieren, 60 Millionen Masthühnern und 5,7 Millionen Legehennen. Je häufiger Antibiotika bei Tier und Mensch eingesetzt würden, desto häufiger gebe es bakterielle Krankheitserreger, die gegen diese Substanz resistent sind - was eine Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung darstelle, lässt die Agentur für Ernährungssicherheit wissen. Grund zur Besorgnis gebe es aber in Österreich nach wie vor keinen.

Steigender Fleischkonsum

Die Österreicher essen jährlich pro Kopf 13,4 Kilo Hühnerfleisch, da günstig und fettarm, nimmt der Konsum zu. 72 Millionen Hendln von 470 Mastbetrieben werden im Jahr geschlachtet. Die Wertschöpfung liegt bei 153 Millionen Euro. Rund zehn Prozent der Masthühner und mehr als die Hälfte der Puten werden importiert. Deutsches Fleisch findet sich laut Landwirtschaftskammer fallweise in Handelsketten, überwiegend jedoch in Gastronomie und Großküchen.

Er halte die Rückschlüsse aus den deutschen Fleischproben, bei denen zehn von 20 belastet waren, für statistisch unzulässig, sagt Ulrich Herzog, Bereichsleiter im Gesundheitsministerium. Das Thema Antibiotika dürfe nicht kleingeredet werden, Österreich wende es aber sorgsam an und habe hier "hohes Problembewusstsein" . Das Risiko, sich an einer Hendlkeule zu infizieren, sei jedenfalls gering.

Stefan Weber, Chef der Vereinigung für Qualitätsgeflügel, weist Vorwürfe über zu wenig Kontrollen und vorbeugenden Antibiotikaeinsatz scharf zurück. "Das sind Vorurteile, Märchen." Österreichs Datenbanken, die die Produktion dokumentieren, seien einzigartig in der EU, tausende Proben würden gezogen. Abgesehen davon sei die Prophylaxe schlicht zu teuer.

Die Geflügelproduktion sei aufgrund hoher Stückzahlen sensibel. Österreich sei aber für Ausreißer weniger anfällig als Deutschland, sagt Adolf Marksteiner, Experte in der Landwirtschaftskammer. Produktionsstrukturen sind kleiner, Tierschutzgesetze strenger - preislich gelten heimische Hendln in Europa daher als nicht wettbewerbsfähig. Ihr Leben dauert fünf Wochen, drei mehr in Biohaltung. 30 Kilo kommen auf einen Quadratmeter Stall, 39 Kilo in Deutschland. Eine Herde besteht im Schnitt aus gut 30.000 Tieren. In Deutschland sind Mastbetriebe zumeist fünf- bis zehnmal größer. Der Bioanteil bei Hühnerfleisch liegt bei nur wenigen Prozent.

Der hohe Medikamenteneinsatz ist eine Folge der kurzen Mastzeit und extrem niedrigen Deckungsbeiträge, sagt Wolfgang Pirklhuber von den Grünen. "Angesichts der Dumpingpreise bei Hühnerfleisch kann sich kein Bauer den Ausfall einer Herde leisten."

Als einzige Fleischsorte gibt es für Hühner bislang kein Gütesiegel der Argarmarkt Austria. Heuer soll es kommen, wird versprochen - bisher gab es keine Einigung auf die Richtlinien. Viele Lebensmittelketten entsenden eigene Leute zur Kontrolle in die Ställe der Geflügelhalter. Die Branche sei nicht gerade einfach zu handhaben, ist aus dem Handel zu hören.

(Verena Kainrath, DER STANDARD; Printausgabe, 11.1.2012)

  • Die Österreicher essen jährlich pro Kopf 13,4 Kilo Hühnerfleisch, der Konsum nimmt zu.
    foto: reuters/srdjan zivulovic

    Die Österreicher essen jährlich pro Kopf 13,4 Kilo Hühnerfleisch, der Konsum nimmt zu.

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