Die zerstreute Sammlung von Ernst Moriz Kronfeld fügt sich langsam wieder zusammen
Wien - Ernst Moriz Kronfeld, 1865 geboren, war nicht nur Theaterkritiker
und Schriftleiter bei mehreren Wiener Zeitungen und Vorstandsmitglied
der Concordia, sondern auch Botaniker und leidenschaftlicher Sammler. In
den 1890er-Jahren trat er dafür ein, dass Frauen Medizin studieren
dürfen, aufgrund der knappen Lebensmittel während des Ersten Weltkriegs
veröffentlichte er Tipps zur Nutzung wildwachsender Gemüse. Er schrieb
zudem Bücher über Pflanzen und deren Verwendung in der Medizin, er hielt
Vorträge in der Urania, und sein ganz besonders Augenmerk galt dem
Garten von Schönbrunn, zu dem er die größte Sammlung von Büchern,
Bildern, Urkunden, Zeichnungen und Plänen hatte.
Spätestens 1940 versuchte er, seine Schönbrunnensia zu verkaufen, um die
Flucht für sich und seine Familie finanzieren zu können. Der Antiquar
Rudolf Engel bot sie der Nationalbibliothek an, aber diese war nur an
Handschriften der Botaniker Franz Boos und Nicolaus von Jacquin
interessiert. Die dafür gebotene Summe - lächerliche 100 Reichsmark -
waren Kronfeld zu wenig.
Im Oktober 1941 erfuhr er, mittlerweile 77 Jahre alt, dass er zusammen
mit seiner Frau nach Polen deportiert werde. Er wandte sich hilfesuchend
an mehrere einflussreiche Menschen. Fritz Knoll, Rektor der Uni Wien,
unterließ es, sich für den alten Herrn zu verwenden, aber eine
unbekannte Person tat es - mit Erfolg. Kronfeld starb wenige Monate
später, am 16. März 1942, zu Hause.
Seine Frau und seine Schwägerin wurden wenig später nach Treblinka
transportiert und dort ermordet. Im November 1942 bot Antiquar Engel der
Nationalbibliothek erneut Teile der Sammlung an - um 2500 Reichsmark.
Sie kaufte aber nur die Handschriften.
Was mit den weiteren Konvoluten passierte, konnte die
Provenienzforscherin Claudia Spring nicht in allen Einzelheiten
ausfindig machen. Sie gingen jedenfalls - zum Teil nach dem Krieg über
das Antiquariat Walter Krieg - an mehrere Institutionen: an das
Theatermuseum, die Wien-Bibliothek, das Wien-Museum, das
Naturhistorische Museum, die Bibliothek der Bundesgärten, das Schloss
Schönbrunn und die Universität Köln.
Bezüglich der Konvolute in der ÖNB, im NHM, in der Wien-Bibliothek, im
Wien-Museum und bei den Bundesgärten sprachen die Beiräte in den letzten
Jahren Rückgabeempfehlungen aus. Eine solche hinsichtlich des
Theatermuseums wird wohl noch folgen.
Die Schloss Schönbrunn Kultur- und BetriebsgmbH unterliegt - wie die
Privatstiftung Leopold - nicht dem Rückgabegesetz. Dennoch ließen die
beiden Geschäftsführer Wolfgang Kippes und Franz Sattlecker den Fall vom
Rückgabebeirat prüfen. Sie werden die Kronfeld-Konvolute, 1993 erworben,
nun zurückgeben. Eine solche Haltung würde man sich auch von anderen
wünschen. (Thomas Trenkler, DER STANDARD/Printausgabe 11. Jänner 2012)