Aufbruch in die Stille der Berge

10. Jänner 2012, 17:12
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Nach Jahren der Abwanderung hat in vielen italienischen Alpengebieten eine unerwartete Trendwende eingesetzt: Dörfer werden revitalisiert, Stadtflüchtlinge ziehen ein

Gressoney-la-Trinité, ein hübsches Dorf im Lystal in den nordwestitalienischen Alpen: ein paar Dutzend Häuser und Höfe plus vier Hotels in gut 1600 Metern Höhe. Trotz des französischen Namens besteht die ursprüngliche Bevölkerung aus Walserdeutschen. Aber sie sind nur noch wenige, und bis vor kurzem sagten Demografen Siedlungen wie dieser den schleichenden Tod voraus. Zu abgelegen, lautete das Urteil. Offenbar ein Irrtum. Gressoney-la-Trinité ist nicht verfallen. Immer mehr Auswärtige haben sich in der Gemeinde niedergelassen, und nicht nur hier. Eine neue, überraschende Entwicklung.

Die italienischen und auch die französischen Alpenregionen sind definitiv keine Abwanderungsgebiete mehr, betont Ernst Steinicke, Geograf an der Universität Innsbruck, im Gespräch mit dem Standard. Sicher, Landflucht habe es bis vor kurzem noch gegeben, doch der Trend habe sich umgekehrt. Zuvor waren vor allem ökonomische Faktoren für die Abwanderung verantwortlich. In den meist kargen Gebirgstälern und an den Hängen war die Landwirtschaft nicht mehr konkurrenzfähig, andere Arbeitsplätze waren rar. Immer mehr Menschen zogen deshalb in die Städte und Industrieregionen. Das Bergland lief leer.

Ernst Steinicke und seine Arbeitsgruppe studieren die komplexen demografischen Entwicklungen und deren Folgen in den Alpen bereits seit einigen Jahren, unterstützt durch den Wissenschaftsfonds FWF. Das Hauptaugenmerk der Untersuchungen lag bisher auf den italienischen Gebieten, weil sich die Wanderbewegungen dort am stärksten zeigen. Die Innsbrucker Experten nahmen schon mehr als 200 Gemeinden genau unter die Lupe, analysierten die Bevölkerungsstruktur sowie die Eigentumsverhältnisse von Land und Gebäuden und führten Interviews mit den Bewohnern. So entsteht ein immer detaillierteres Bild des Wandels.

Mittlerweile lassen sich jährlich circa 30.000 Neuankömmlinge in den italienischen Alpen nieder. Steinicke bezeichnet sie als "Amenity-Migranten", ein Begriff, den der Forscher aus früheren Studien in kalifornischen Skigebieten übernommen hat. Diese Einwanderer sind naturorientierte Stadtflüchtlinge, angezogen von Ruhe, dem Traum von einem neuen Lebensstil und niedrigen Immobilienpreisen. Eine homogene Gruppe sind sie allerdings nicht - im Gegenteil. Unter den Zuwanderern sind Pensionisten, die ihren Ruhestand in den Bergen verleben wollen, aber auch selbstständige Kreative, Pendler und Neubauern mit Plänen für ökologische Landwirtschaft.

Sinkender Altersschnitt

Die Entwicklung hat viele positive Aspekte. Alte Bausubstanz wird renoviert, verbuschtes Kulturland wieder bewirtschaftet, der Altersdurchschnitt der Bevölkerung sinkt, und Schulen haben mitunter wieder mehr Schüler. Es kommt wieder Leben hinein, meint Ernst Steinicke. Allerdings beobachte er mancherorts auch deutliche Preissteigerungen und eine verstärkte Zersiedlung der Landschaft.

Ein Teil der Amenity-Migranten verbringt nur die warme Jahreszeit in den Alpen und hat daneben noch ein Stadtdomizil. Ihren Job nehmen sie einfach mit. Auch diese Menschen tragen zur Revitalisierung der Gemeinden bei. Und ganz anders als der Fremdenverkehr, wie Ernst Steinicke betont. "Ein Tourist konsumiert, aber man kann dort auch arbeiten." Die moderne Kommunikationstechnik mache solche Entwicklungen erst möglich. "Amenity-Migration wäre ohne Internet undenkbar."

Die vorangegangene Landflucht fand praktisch in allen italienischen Alpenregionen statt, von den Seealpen im Westen bis zur slowenischen Grenze. Dasselbe gilt nun weitgehend für die Wiederbesiedlung. Die wichtigsten Ausnahmen sind Südtirol und das Trentino, erklärt Ernst Steinicke. "Das hängt auch mit ethnopolitischen Dingen zusammen." Der Autonomiestatus und die wirtschaftliche Prosperität dieser Regionen haben dazu beigetragen, dass es dort kaum Abwanderung gab, und es gibt gesetzliche Barrieren beim Kauf von Immobilien.

Besonders stark betroffen ist dagegen das Friaul. Hier kam es gebietsweise zu einer regelrechten Entvölkerung. Ernst Steinicke hat dort bei seinen ersten Untersuchungen rund 20 "Geisterdörfer" kartiert. Doch auch in diesen verlassenen Siedlungen regt sich mittlerweile wieder etwas, berichtet der Forscher. Die ersten Stadtflüchtlinge haben sich schon eingerichtet.

Manche Kulturwissenschafter sehen in der Zuwanderung eine Bedrohung für die kulturelle Vielfalt der Alpenregionen. Sie befürchten das Verschwinden von Minoritätensprachen wie dem Walserdeutsch und dem Ladinisch. Die Minderheiten könnten von der Migrationswelle sozusagen geschluckt werden. Steinicke sieht das etwas differenzierter: "Das Problem ist nicht so sehr die Assimilation, sondern die Abwanderung." Die jüngeren Minoritätsangehörigen sind wegen Mangel an Perspektiven schon früher weggezogen. Vor Ort beherrschen nur noch die Alten die regionalen Sprachen. Und diese Menschen sterben nach und nach weg.

Engagierte Newcomer

Doch auch hier könnten die Zuwanderer helfen, meint Ernst Steinicke. Amenity-Migranten stehen der Kultur ihrer Wahlheimat meist positiv gegenüber. Sie wollen sich gerne integrieren, viele werden Mitglied in örtlichen Vereinen, und einige lernen auch die Regionalsprachen. "Die Newcomer sind oft sehr engagiert." Im Lystal geben zugewanderte Mailänder nicht nur ihren Haustieren, sondern auch ihren Kindern deutschsprachige Namen. "Das ist schon ein Zeichen."

In Österreich tritt das Phänomen des urban-ruralen Bevölkerungsaustauschs nur sehr spärlich auf. Hierzulande gibt es kaum Abwanderungsgebiete, weil Landwirtschaft und Tourismus in den Bergen eine äußerst produktive Symbiose eingegangen sind, sagt Ernst Steinicke. Abgesehen davon seien die gesetzlichen Regelungen strenger. In Tirol zum Beispiel darf es in Gemeinden nicht mehr als acht Prozent Zweitwohnungen geben. Einige Täler in Ostkärnten leiden allerdings durchaus unter Landflucht. "Und auch dort sehen wir bereits Amenity-Migranten." (DER STANDARD, Printausgabe, 11.01.2012)

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    Surfen in den Gipfeln: Immer mehr Menschen zieht es aus den Städten in die Berge, um dem Traum eines neuen Lebensstils zu folgen. Dank Internet und moderner Kommunikationsmittel lässt es sich in der Abgeschiedenheit auch gut arbeiten.

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