Nicht nur Spannungen rund um das Atomprogramm des Iran halten den Ölpreis hoch, auch der Euro macht das Öl in Dollar teurer
Wien - Für viele Konsumenten kommt die aktuelle Euroschwäche genau zum
falschen Zeitpunkt. Der deutliche Verfall der Gemeinschaftswährung gegenüber dem
Dollar verteuert nämlich die in US-Währung gelisteten Ölimporte. In europäischer
Währung kratzt der Preis für ein Fass der Nordsee-Marke Brent bereits am
Rekordniveau aus dem Jahr 2008. Am Dienstag kostete das Barrel (159 Liter) 88,50
Euro, vor drei Jahren waren es 93,50 Euro. In Dollar hingegen notiert Öl ein
Viertel unter dem Höchstwert.
Die Belastung für die Konsumenten komme genau zur falschen Zeit, meint
Analyst Olivier Jakob, falle sie doch genau mit Ausgabenkürzungen und
Steuererhöhungen infolge der Konsolidierungspakete in Europa zusammen. Bereits
zuvor hatte der Chefökonom der Internationalen Energieagentur, Fatih Birol,
gewarnt, dass die hohen Energiepreise die Konjunktur abwürgen könnten. Europa
hat schon 2011 mehr als 400 Mrd. Dollar (knapp 310 Mrd. Euro) für Öl ausgegeben,
2010 waren es noch 280 Milliarden. Sollte die Kombination aus hohen Preisen und
Euro-Tief anhalten, würde die Rechnung heuer entsprechend teurer werden. Ein
"Todeskuss" für Europa, meint Jakob vom Institut PetroMatrix.
Wie geht's weiter?
An der Frage, wie es mit dem Ölpreis weitergeht, scheiden sich die Geister.
Sollte der Iran seine Drohungen wahrmachen und die wichtige Straße von Hormus
blockieren, rechnet die französische Société Générale mit einem Anstieg des
Ölpreises auf 150 bis 200 Dollar je Fass. Morgan Stanley erwartet wegen der
schwachen Konjunktur einen Fall der Marke Brent auf einen Tiefstand von 75
Dollar und einen Durchschnittswert 2012 von 100 Dollar.
Analysten schätzen, dass in den aktuellen Ölpreisen ein Risikoaufschlag von
fünf bis sechs Dollar je Fass enthalten ist, der auf das Konto des Iran geht.
Sollte sich die brenzlige Situation, die im fortgesetzten Atomprogramm Teherans
ihren Ursprung hat, entspannen, könnte der Ölpreis auch wieder unter die
100-Dollar-Marke fallen. Dann, so wird erwartet, würde der eher gedrückte
Wirtschaftsausblick in Europa und den USA auf den Ölpreis drücken.
Für Carsten Fritsch von der Commerzbank verdient China besondere Beachtung.
Das Land war bisher der größte Abnehmer von iranischem Öl, hat seine
Bezugsmengen aber Anfang Jänner drastisch reduziert. "Der Iran hat von China
überhöhte Preise verlangt, wahrscheinlich um Ausfälle westlicher Abnehmer
auszugleichen", sagte Fritsch dem Standard. Daraufhin habe China den Ölbezug aus
Iran auf 300.000 Fass pro Tag gekürzt - nach einer durchschnittlichen
Importmenge von 550.000 Fass im ersten Halbjahr 2011.
"China hat angekündigt, die Importe im Februar auf dem niedrigen Jännerniveau
zu belassen", sagte Fritsch. Da China nun anderweitig Rohöl beziehen müsse,
könnte das preistreibend wirken.
Tanken immer teurer
Wie in anderen Ländern auch, kommen die Tankstellenbetreiber in Österreich
mit dem Ändern der Anzeigetafeln kaum nach. Kostete ein Liter Super Plus (98
Oktan) Anfang des Jahres im Schnitt 1,464 Euro je Liter, Eurosuper (95 Oktan)
1,355 Euro und Diesel 1,358 Euro, waren es gestern, Dienstag, schon 1,475 Euro
respektive 1,373 und 1,376 Euro. Das geht aus der jüngsten Auswertung der
Tankstellenpreise durch den ARBÖ hervor. An manchen Autobahntankstellen kratzten
die Preise bereits an der Marke von 1,70 Euro je Liter. (Günther Strobl, Andreas Schnauder, DER STANDARD, Printausgabe, 11.1.2012)