Musikstube voller Globalfantasien

11. Jänner 2012, 12:41
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Christoph Dienz gastiert im Porgy & Bess - Ein Gespräch über "schicksalhafte" Kompositionsaufträge und gefährliche Angebote

Wien - Es geht hinein in die gute Stube, jenen heimeligen Ort, der seit dem 18. Jahrhundert gerne alpine Klänge beherbergt. Es wäre allerdings nicht Musik des Tirolers Christoph Dienz, würde in der Stube nicht eher ein Fest weitgereister Stilfiguren veranstaltet. Schon das "c" im Titel der Doppel-CD Stubenmusic (col legno) ist natürlich ein Hinweis darauf, dass der Komponist und Zitherspieler Dienz kein Klischees buchstabierender Folkloretraditionalist ist.

Kommt die erste CD als Sammlung von Stücken daher, die man der imaginären Globalfolklore zuordnen könnte, geht es auf der zweiten noch stubenuntypischer zu, also in Richtung freie Improvisation. Und dies unter klanglicher Assistenz von Wasser, Stein und Holz, was exakt dokumentiert, wie abstrakt Dienz mit Lokalkolorit umgeht. "Das basiert auf einem Kompositionsauftrag, bei dem ich mich mit Tirol auseinandersetzen sollte. Ich wollte ohne Kitsch auskommen, keinen Heimatbegriff bedienen, gleichzeitig hatte ich aber auch kein Bedürfnis, besonders provokant zu sein."

Schließlich entdeckte Dienz den Tiroler Künstler Kassian Erhart. Über ihn kam er zu den Elementen Holz, Stein und Wasser, "das blieb dann übrig von Tirol, wobei auch ein pragmatisches Element dabei war. Schnee kann man ja schwer auf Tournee mitnehmen, also wurde es Wasser."

Kompositionsaufträge muss man also nicht wörtlich nehmen; sie können allerdings dennoch Musikleben verändern. Dass Dienz heute als Zitherspieler gilt, der das Traditionsinstrument klanglich neu deutet, geht jedenfalls zurück auf eine Bitte der Klangspuren Schwaz, für dieses Zupfobjekt etwas zu schreiben.

Klassisch ausgebildet

"Ich wollte eigentlich absagen, ich hatte ja mit dem Instrument nichts zu tun, war Fagottist." Gerade dadurch aber, dass Dienz "klassisch ausgebildet wurde, war mein Musikersein vom Anspruch auf Virtuosität geprägt und damit auch von der Angst, Fehler zu machen. So wird man geschult: Wenn da eine Kleinigkeit passiert, ist alles schlecht. Insofern war die Zither befreiend. Ich konnte loshämmern wie ein Kind, ausprobieren. Irgendwann eignet man sich natürlich schon gewisse Techniken an."

Was man nicht vergessen sollte: Damals hatte Dienz schon mit der Formation Die Knödel Karriere gemacht. Es war zu jener Zeit, als Hubert von Goisern mit seinem Hiatamadl heftig unterwegs war und alle von Volxmusik sprachen, einem Trend, von dem auch Die Knödel profitierten. "Wir waren gigantisch erfolgreich - besonders für heutige Verhältnisse; die erste CD hat über 15.000 Stück verkauft. Im Fahrwasser dieses Musiktrends zu sein war jedoch ein Problem für mich, das Hüttengaudi-Ding hat mich nie interessiert. Mein Zugang hatte eher mit Bartók, Strawinsky und Ravel zu tun, die sich auch mit Folklore auseinandergesetzt hatten."

Zillertaler Angebot

Es hätte für Dienz noch "schlimmer" kommen können. Da gab es ja auch eine Bekanntschaft mit den Zillertaler Schürzenjägern, und von dieser Seite her kam das "Angebot, als Arrangeur einzusteigen. Hätte ich es getan, ich wäre jetzt wohl steinreich, dafür aber etwas blöd in der Birne. Ein bisschen mitzumachen wäre nicht gegangen. Es ist ein großes Business, man denkt da in anderen Musikkategorien. Und das wäre mir zu gefährlich geworden."

Aus diesem Gefahrengrund hat Dienz seinerzeit auch die Arbeit beim Bühnenorchester der Staatsoper quittiert. "Ich bin da etwas manipulierbar, wäre wohl zu sehr in den Betrieb hineingewachsen, hätte bei Proben auf die Uhr geschaut und wäre in der Kantine herumgesessen. Das war aber nicht der Grund, warum ich Musiker geworden bin. Jetzt habe ich nix Fixes, aber Spaß."

Kein besonderer Grund zum Jammern also: "Zurzeit schreibe ich eher Kammermusik, im Herbst mache ich am Klagenfurter Stadttheater etwas zu Shakespeares Sturm. Ich kann im Grunde fast alles umsetzen, was ich mir einbilde." Zurzeit also eine ganz spezielle Stubenmusic. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD/Printausgabe 11. Jänner 2012)

11. 1., Porgy & Bess, 20.30 Uhr

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    Komponist Christoph Dienz: "Schnee kann man ja schwer auf Tournee mitnehmen." 

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