Wiener Mathematiker zeigt, dass der Aufwand für Kontrolle und Strafe sinkt, wenn Teilnahme freiwillig ist
Wien - Sollen soziale Gemeinschaften funktionieren, dann braucht es Strukturen, die Trittbrettfahrer abstrafen und Kooperation
belohnen. Selbst in weniger entwickelten Gesellschaften existieren derartige Institutionen, wie die Feldforschungen der
US-Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom gezeigt haben. Der Mathematiker
Karl Sigmund von der Universität Wien und Kollegen konnten nun nachweisen, dass
man durch Freiwilligkeit den Aufwand für diese strafende Institution sehr gering
halten und dennoch zu voller sozialer Kooperation kommen kann. Ihre Arbeit wurde
nun in der Fachzeitschrift "PNAS" veröffentlicht.
Üblicherweise gibt es in jeder Gesellschaft sogenannte Trittbrettfahrer, die
andere ausbeuten, indem sie Leistungen in Anspruch nehmen, ohne dafür einen
Beitrag zu leisten. Ein einfaches Beispiel dafür ist das Benutzen von
öffentlichen Verkehrsmitteln ohne einen Fahrschein - eben "Trittbrettfahren".
Sigmund konnte bereits vor zwei Jahren in einer in "Nature" veröffentlichten
Arbeit zeigen, dass sogenanntes "pool punishment", also die institutionelle
Bestrafung von Trittbrettfahrern oder Schmarotzern, auch in einer Gesellschaft
von Egoisten spontan entstehen kann. Dies geschieht vor allem durch soziales
Lernen, also dem Kopieren erfolgreichen Verhaltens.
Kooperation günstig durchsetzen
In der nun veröffentlichten Arbeit von Sigmund und einer von Ulf Dieckmann
geleiteten Arbeitsgruppe am Internationalen Institut für Angewandte
Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien haben die Wissenschafter gezeigt,
dass solche bestrafenden Institutionen "sehr viel effizienter arbeiten können,
wenn die Teilnahme an dem gemeinschaftlichen Projekt freiwillig ist", so Sigmund. Es kann um den Faktor 10 bis 100 billiger sein, volle
Kooperation durchzusetzen.
Es gehe dabei um die Frage des Institutionen-Designs: "Wie kann die strafende
Institution mit einem möglichst geringen Aufwand Kooperation durchsetzen?" so
Sigmund. Die Berechnungen der Mathematiker zeigen nun, dass "der Aufwand für die
Bestrafung sehr viel geringer wird, wenn es für die Teilnehmer die Möglichkeit
gibt, sich auszuklinken." Dadurch könne das System mit einem wirklich geringen
Aufwand für die Strafe "über recht komplizierte Rückkoppelungsmechanismen zu
vollständiger Kooperation gebracht werden".
Besteht dagegen die Pflicht, an dem
Gemeinschaftsunternehmen teilzunehmen, werde nur eine sehr hohe Strafe dazu
führen, dass wirklich die meisten Teilnehmer kooperieren. "Durch Freiwilligkeit
kommt man aus der sozialen Falle heraus", so Sigmund. Interessanter Nebenaspekt: Will man Kooperation nicht durch Bestrafung,
sondern durch Belohnungen erreichen, hat die Freiwilligkeit überhaupt keinen
Einfluss. (APA, red)