Greenpeace und Global 2000 wollen ganz weg von Atomstrom, nur noch Verbund und Kelag würden blockieren. Daher fordert man ein gesetzliches Verbot
Der Anteil von Atomstrom am österreichischen Strommix ist im letzten Jahr zurückgegangen. Da aber die Energieversorger Verbund, Energie
Klagenfurt und Kelag noch immer auf Atomstrom setzen, sprechen sich die NGOs
Greenpeace und Global 2000 für ein Atomstrom-Importverbot aus. Die kritisierten Versorger hingegen sprechen von einer gezielten Kampagne vor dem "Anti-Atomstrom-Gipfel", der nächste Woche stattfinden soll. Am kommenden Montag debattieren Wirtschaftsministerium, E-Wirtschaft und NGOs über die Zukunft der Stromimporte nach Österreich.
Doch wie kommt der Atomstrom eigentlich nach Österreich?
Rund 15 Prozent des nach Österreich gelangenden Stroms sind unbekannter
Herkunft. Dieser "Graustrom" wird von den Unternehmen auf eigenen
Handelsplätzen in Paris und Leipzig, sogenannten Strombörsen, zugekauft.
Aktuell ist rund ein Drittel davon aus Atomkraftwerken gewonnene Elektrizität.
"Österreich will laut Verfassung atomstromfrei sein. Daher
muss man auch den Import stoppen, alles andere wäre zynisch", sagte Klaus
Kastenhofer, Geschäftsführer von Global 2000, auf einer Pressekonferenz. Dass Wirtschaftsminister
Reinhold Mitterlehner (ÖVP) dem skeptisch gegenübersteht und nun auch noch
Stellungnahmen der EU-Kommission und des Bundesverfassungsdienstes zu einem Importverbot einholen hat
lassen, stößt bei ihm auf großes Unverständnis: "Das hat einen politischen
Hintergrund, er (Mitterlehner, Anm.) scheint über die Achse Oettinger auf eine
negative Stellungnahme zu hoffen." Günther Oettinger ist EU-Energiekommissar
und laut Kastenhofer "kein Feind der Atomkonzerne".
Global 2000 und Greenpeace wünschen sich von Österreich mehr
Engagement, schließlich habe die Republik mit ihren Gesetzesvorstößen zur Gentechnik und den Zulassungsbeschränkungen für ausländische Studierende Mut bewiesen und
trotz Klagen oft einen Kompromiss erreicht. Eine ähnliche Vorreiterrolle sei auch hier möglich.
Verbund wehrt sich
Laut den NGOs hat der Verbund 16 Prozent Atomstrom im
Portfolio, die Kärntner Kelag sogar 23 Prozent. Der Verbund widerspricht den Zahlen. Man selbst importiere nur einige Prozent des in Österreich
verwendeten Graustroms, genaue Angaben macht der Verbund für 2011 nicht. Wer den
verbleibenden Strom unbekannter Herkunft nach Österreich bringt, sei derzeit "öffentlich
nicht nachvollziehbar". Das Unternehmen spricht sich daher für eine
vollständige Offenlegung aus und keine "konstruierten Hochrechnungen".
Fakt ist aber, dass 2011 die Stromimporte wegen der
schwachen Auslastung der Wasserkraftwerke stark zulegten. Laut dem Energieregulator
E-Control haben die Einfuhren bis November um 22,3 Prozent auf 21.900
Gigawattstunden (GWh) zugelegt. Zugleich gingen die Exporte um 3,9 Prozent auf
15.297 GWh zurück. Der Inlandsstromverbrauch (ohne Verbrauch für
Pumpspeicherung) erhöhte sich um 0,7 Prozent auf 62.436 GWh.
Trotzdem könne der Verbund garantieren, dass der "ausgewiesene
Graustrom" bei Industriekunden des Unternehmens ausschließlich aus
österreichischer Stromerzeugung stamme. Die Behauptung, dass man Atomstrom
liefere, sei somit unwahr.
Atomstrom in
Pumspeicherkraftwerken?
Bleibt die Energie, die gebraucht wird, um Pumpspeicherkraftwerke
zu betreiben. Sie könnte jener Bereich sein, in dem beim Verbund der größte
Anteil an Grau- und somit Atomstrom verwendet wird. Das Hochpumpen von Wasser in
künstliche Gebirgsseen braucht nämlich sehr viel Strom. Das Wasser selbst lässt
man später wieder bergab fließen und erzeugt dabei mittels Turbinen und
Generatoren Elektrizität. Diese Kraftwerke wirken wie Batterien und sind
im europäischen Stromnetz sehr wichtig, um Überschüsse aufzunehmen und
einer möglichen Unterversorgung entgegenzuwirken.
Kosten überschaubar
Die Kosten, um frei von Atomstrom zu werden, sind für die
NGOs überschaubar. 1,9 bis 27,9 Millionen Euro würde es kosten, Strom
unbekannter Herkunft klar zu etikettieren, meint Reinhard Uhrig von Global
2000. Das gelinge, indem man Stromzertifikate zukauft und den Graustrom damit
versieht. Lässt man die Industrie beiseite, wären das für den durchschnittlichen Haushalt 13 Cent
bis 1,95 Euro pro Jahr. Für den österreichischen Stromverbraucher wären die Mehrkosten also
sehr klein, zudem stünden auch Teile der Großverbraucher dem grundsätzlich positiv
gegenüber.
Diese Zertifikate sind nichts anderes als die Bestätigung,
dass irgendwo in Europa Strom aus erneuerbaren oder fossilen Energiequellen
hergestellt wurde. Das Preisband von zwei bis 28 Millionen Euro erklärt sich
daraus, dass die Zertifikate von aus thermischen Kraftwerken gewonnenem Strom
viel günstiger sind als jene, bei denen der Strom aus Wasserkraft stammt.
Ein gewisser Teil der von Österreich zugekauften Elektrizität
wird noch lange aus Atomkraftwerken stammen. So besteht aber zumindest die
Möglichkeit, für die Produktion atomfreier Elektrizität irgendwo in Europa
geradezustehen. Der Druck auf die Energiekonzerne, aus der Kernkraft
auszusteigen, steigt dadurch an.
Energieversorger orten
Mogelpackung
Auch wenn der Verbund grundsätzlich für atomkraftfreie
Stromerzeugung ist, spricht er sich gegen diese gekauften Herkunftsnachweise
aus. "Die Mogelpackungen durch Um-Etikettieren von Graustrom mit nicht aus
eigener Erzeugung stammenden Zertifikaten täuschen die Kunden und machen den Strom nur teurer", wird Wolfgang Anzengruber, Vorstandsvorsitzender
des Verbund, in einer Aussendung zitiert. Auch ärgern dürfte sich der Manager
über seine Konkurrenten Energie AG, VKW und Tiwag, die in letzter Zeit ihren
Graustrom in großem Stil mit Herkunftsnachweisen versehen haben und von den NGOs dafür gelobt wurden.
Greenpeace zeigt sich darüber in einer Reaktion verwundert. Da der
Verbund selbst Zertifikate anbiete, könne "man nicht gleichzeitig Stromzertifikate verteufeln und Geschäfte damit
machen", so Greenpeace-Experte Jurrien Westerhof in einer Aussendung.
Aber auch die Kelag schlägt in die Verbund-Kerbe. "Der Kauf von norwegischen
Wasserkraftzertifikaten verbessert zwar die Energieaufbringungsbilanz der
Käufer, allerdings nur auf dem Papier. Gleichzeitig verschlechtert er die
Energieaufbringungsbilanz der Verkäufer", so Vorstandssprecher Hermann Egger in
einer Aussendung. So weise Norwegen durch den Verkauf von Zertifikaten nur noch
25 Prozent Wasserkraft aus, obwohl es rund 95 Prozent Strom
aus Wasserkraft erzeugt. An der Struktur der Stromerzeugung in Europa ändere
sich aber dadurch substanziell nichts.
Selbst bemüht man sich darum, "in Zukunft den gesamten
Strombedarf aller unserer Kunden aus erneuerbarer Energie zu decken". (sos, derStandard.at, 10.1.2012)
Wissen In Österreich ist die Erzeugung von Atomstrom verboten, aber nicht dessen Import (Link).