Nur etwa ein Drittel der Menschen in Österreich, die eine Psychotherapie brauchen, bekommen sie auch
Wien - Die Nicht-Behandlung von psychischen Erkrankungen verursacht laut dem Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO)
volkswirtschaftliche Kosten von geschätzten 2,8 Milliarden Euro.
Im
Vergleich dazu wurden im Jahr 2009 in Österreich 250 Millionen Euro für
Psychopharmaka und lediglich 46,8 Millionen Euro für Psychotherapie
ausgegeben. "20 Jahre sind genug", meint der Wiener Landesverband für Psychotherapie und kritisiert die langwierige Realisierung des Rechts auf kassenrefundierte Psychotherapie.
1992 wurde mit der 50. Novelle des Allgemeinen Sozialversicherungsgesetzes (ASVG) die psychotherapeutische Behandlung in den Leistungskatalog der sozialen Krankenversicherung aufgenommen und der ärztlichen Tätigkeit gleichgestellt. Umgesetzt ist das Recht auf kassenrefundierte Psychotherapie von den Krankenkassen erst teilweise.
Jeder Vierte in Österreich betroffen
Präventivmaßnahmen und die zusätzlich hochwirksame psychotherapeutische Diagnose, Behandlung und Nachsorge würden für psychisch Kranke nicht oder nicht ausreichend finanziert. "Wie lange noch sollen Menschen mit psychischen Erkrankungen vom Gesundheitssystem benachteiligt werden?", konstatiert die Vorsitzende des Wiener Landesverbandes für Psychotherapie, Leonore Lerch.
Jeder Vierte in Österreich ist mindestens einmal im Leben von einer psychischen Erkrankung betroffen. Das Angebot an Psychotherapie auf Krankenschein ist kontingentiert und regional sehr uneinheitlich.
Zuschuss seit 1992 weder wertangepasst noch erhöht
Der Zuschuss zur Psychotherapie in Höhe von Euro 21,80 wurde von den Krankenkassen seit 1992 weder wertangepasst noch erhöht. Damit verursachen die Kassen eine für Patienten unüberschaubare Versorgungslandschaft und machen die Behandlung für viele psychisch Kranke unmöglich.
Mindestens 170.000 Versicherte (das entspricht rund 2,1 Prozent) erhalten in Österreich nicht die Hilfeleistung, die sie benötigen würden. Der Versorgungsgrad bezüglich Psychotherapie liegt derzeit bei ca. 0,8 Prozent der Bevölkerung, das heißt, nur etwa ein Drittel der Menschen in Österreich, die eine Psychotherapie brauchen, bekommen sie auch. Bei den deutschsprachigen Nachbarländern erhalten immerhin rund 2,5 Prozent der Bevölkerung eine vollfinanzierte Psychotherapie.
Sparen am falschen Ort
Hier würden die Österreichischen Krankenkassen jedoch am falschen Ort sparen, so Lerch, "denn in weiterer Folge muss die Politik beziehungsweise müssen wir Steuerzahler ein Vielfaches dieser eingesparten Gelder aufbringen, um die Folgekosten nicht behandelter psychischer Erkrankungen zu finanzieren." Dazu zählen Invaliditätspensionen, Krankenstände, Klinikaufenthalte, Arbeitslosenversicherung, AMS-Schulungen etc.
Der Wiener Landesverband für Psychotherapie fordert für 2012 die Umsetzung des ASVG: Ausbau der psychotherapeutischen Versorgung und gesamtheitliche Rahmenverträge mit dem Berufsverband. "Psychotherapie muss für alle Menschen zur Verfügung stehen, die sie benötigen." (red, derStandard.at)