Armut in den USA

Das "Obamaville" vom Garden State

Ansichtssache | Florian Niederndorfer, 10. Jänner 2012, 15:29
Dieses Bild darf aus Gründen von Copyrightbestimmungen nicht im Archiv angezeigt werden.
foto: reuters/lucas jackson

Lakewood Township ist ein Städtchen, wie es viele gibt in New Jersey, dem "Garden State" der USA. 90.000 Menschen wohnen dort, eineinhalb Autostunden südwestlich von New York, die meisten wählen seit jeher stramm republikanisch. Eine ganz normale Stadt an der US-amerikanischen Ostküste eben, wären da nicht die auffallend vielen orthodoxen Juden, die sich Haredi nennen und dort 1943 die größte jüdische Religionsschule Nordamerikas gegründet haben. Wirft man einen Blick hinter die suburbane Idylle, fällt schnell ein weiteres Charakteristikum von Lakewood Township auf, auf das die Stadt weit weniger stolz ist.

Dieses Bild darf aus Gründen von Copyrightbestimmungen nicht im Archiv angezeigt werden.
foto: reuters/lucas jackson

In einem öffentlich zugänglichen Waldgebiet am Ufer des Metedeconk River wohnen seit fünf Jahren Obdachlose in einer Zeltstadt, wie man sie sich eher in Armenvierteln der Südhalbkugel vorstellen würde als im Einzugsgebiet der Finanzmetropole New York. Reuters-Fotograf Lucas Jackson hat die Zeltmenschen von Lakewood Township mit seiner Kamera besucht.

Dieses Bild darf aus Gründen von Copyrightbestimmungen nicht im Archiv angezeigt werden.
foto: reuters/lucas jackson

Michael Berenzweig zum Beispiel. Der 60-Jährige lebt seit drei Jahren hier. Eigentlich kommt er aus Manhattan, das zwar nur 80 Kilometer entfernt ist, von diesem Ort aus aber unerreichbar scheint. Durch die Baumwipfel hindurch dringt von Zeit zu Zeit, wenn einer der großen Trucks vorbeidonnert, der Lärm der Moderne zu ihm durch. Heute aber sitzt er am Klavier und versucht sich an Liedern, die ihn an bessere Zeiten erinnern. Gemeinsam mit seiner Frau Marilyn, ein Jahr jünger und gelernte Schneiderin, ist der frühere Radiojournalist hierher gezogen, nachdem ihre Jobs der damals heraufdräuenden Wirtschaftskrise zum Opfer und das alte Paar seinen Kindern, die es zwischenzeitlich auf ihren Sofas aufgenommen hatten, lästig gefallen war. 

Dieses Bild darf aus Gründen von Copyrightbestimmungen nicht im Archiv angezeigt werden.
foto: reuters/lucas jackson

Bei Steve Brigham, evangelischer Pastor und Gründer der Zeltstadt, fand das vegan lebende Ehepaar in Nöten Zuflucht. "Ein Freund hatte mir erzählt, dass während der Großen Depression in den 30er-Jahren viele Familie in Zelten gelebt haben", sagt Marilyn Berenzweig. "Da dachte ich mir, so schlimm könne das doch gar nicht sein."

Dieses Bild darf aus Gründen von Copyrightbestimmungen nicht im Archiv angezeigt werden.
foto: reuters/lucas jackson

Hooverville nannte man die slumartigen Behausungen armer Menschen nach dem Schwarzen Freitag, heute firmiert Ähnliches unter dem Namen "Tent Community". So wurden auch die Berenzweigs Teil der Zeltgemeinschaft von Lakewood Township, wo heute, drei Jahre nach Ausbruch der Wirtschaftsmisere, die in den USA als Immobilienkrise begann, etwa 75 Menschen im Wald leben. Manche sagen "Obamaville" dazu. So wie damals viele Menschen Präsident Herbert Hoover die Schuld am wirtschaftlichen Elend gaben, zieht heute Barack Obama den Unmut auf sich.

Dieses Bild darf aus Gründen von Copyrightbestimmungen nicht im Archiv angezeigt werden.
foto: reuters/lucas jackson

Pastor Brigham begleitet regelmäßig Journalisten durch die unwirkliche Siedlung am Rande der Stadt. Die Aufmerksamkeit der Medien, die sich in Zeiten der Krise auf deren unmittelbarste Auswirkungen stürzen, hat den Bewohnern nicht nur mehr Spenden eingebracht. Sie hat die Zeltstadt auch in den Fokus politischer Agiteure gerückt. "Die Menschen bekommen in der Zeltstadt mehr Unterstützung als sie von der öffentlichen Hand bekommen, kein Wunder dass sie hier her störmen", sagt Pastor Brigham.

Dieses Bild darf aus Gründen von Copyrightbestimmungen nicht im Archiv angezeigt werden.
foto: reuters/lucas jackson

Der Bürgermeister von Lakewood Township will die Siedlung, in der es inzwischen auch einen improvisierten Friedhof gibt, lieber heute als morgen verschwinden sehen. Offiziell, weil die Zelte in einem "sensiblen Gebiet" liegen, also die Umwelt gefährden könnten. Brigham engagierte einen Anwalt, der gegen den Räumungsbescheid Einspruch einlegte, bekam Recht und verpflichete sich im Gegenzug, ein weiteres Wachstum der Zeltstadt zu unterbinden und deren Bewohnerzahl auf 70 zu beschränken. Und dann kam die Krise.

Dieses Bild darf aus Gründen von Copyrightbestimmungen nicht im Archiv angezeigt werden.
foto: reuters/lucas jackson

Pastor Brigham, der eigentlich als Starkstromelektriker auf den Brücken und Straßen New Yorks arbeitet, sagt, dass jedes Jahr mehr Menschen Unterschlupf in den Zelten und Hütten von Lakewood Township suchen. Manche blieben, so wie die Berenzweigs. Andere fänden Billigjobs - und kämen nach kurzer Zeit wieder zurück in das "Obamaville" am Metedeconk. "Es gibt hier einfach nichts zu tun für ungelernte Arbeiter."

Dieses Bild darf aus Gründen von Copyrightbestimmungen nicht im Archiv angezeigt werden.
foto: reuters/lucas jackson

Das National Law Center on Homelessness and Poverty schätzt, dass bis zu 3,5 Millionen Menschen in den USA zumindest temporär ohne Wohnung dastehen. Die meisten von ihnen leben freilich in Städten. 700.000 Menschen sollen dauerhaft obdachlos sein, 20 Prozent mehr als vor der Krise. Leuten wie Pastor Brigham ist es geschuldet, dass ein Teil dieser Menschen wenigstens ein Dach über dem Kopf hat - auch wenn es aus einer Zeltplane besteht. (flon/derStandard.at, 10.1.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 73
1 2
Gilgamesh
10
18.1.2012, 13:06

"Obamaville"

Besser kann man Dummheit nicht aufzeigen.

Obama hat mit der Krise ungefähr soviel zu tun, wie eine Kuh mit dem Melken.
Er muss das ausbaden, was Hill-Billy-Bush und seine apokalyptischen Reiter hinterlassen haben.
Er ist also nicht der Initiator, er ist derjenige, der es bereinigen muss.

mayflower2
01
11.1.2012, 14:43

Ich habe letztes Jahr einen Bericht im TV gesehen,wo gezeigt wurde,wie ehemalige wohlhabende Amerikaner,heute leben.Alle über 70 Jahre,einige schon in den 80igern.Alle müssen zu ihrer Rente noch dazu verdienen,denn mit 400 bis 500 $ kommen sie nicht aus.
Natürlich haben viele davon den Bankern vertraut und ihr kleines Vermögen in Aktien investiert.
Heute ist alles weg und die Rentenfonds sind auch am A.
Erschütternd kann man nur sagen.
Um so erstaunlicher ist es für mich,bei uns immer wieder Meldungen zur privaten Rentenversicherung zu hören.
Die Pension gehört in staatliche Hand.

danielle durands schatten
02
11.1.2012, 14:01

endlich mal eine gute (foto)reportage: starke, aber dennoch einfühlsame bilder, sinn für zwischentöne, gut recherchiert.

völlig unverständlich eigentlich, warum so etwas nicht in die printausgabe kommt und das Rondo stattdessen für seichte lifestyle-themen geopfert wird. in allen anderen wochenendbeilagen (zeit, SZ, das magazin usw.) ist platz für journalismus, nur beim angeblichen intellektuellenblatt standard ist man der meinung, daß fotostrecken nur zur präsentation von mode und schmuck an irgendwelchen jungschauspielerinnen geeignet sind.

Jim Knatterpeng
00
11.1.2012, 13:16
God, Guns and Guts...

Jim Knatterpeng
00
16.1.2012, 10:53
God, guns and guts made America great

(Das war es, was ich eigentlich schreiben wollte...)
Dem oben erwähnten dämlichen Slogan begegnet man in den USA immer wieder. Er dient superfrommen rechten Patridioten unter anderem auch als Vorwand, jede Anstrengung zugunsten eines funktionierenden Sozialstaats zu verhindern.

FFluXXuSS
00
11.1.2012, 13:00
so großes Elend und so schöne Bilder...

ich bin verwirrt...

Johannes Benn
00
11.1.2012, 12:18
.

man kann das alles schlecht reden, man kann aber auch sagen: die leute koennen den kopf aufrecht halten, haben es sich selbst mit einfachen mitteln einigermaßen eingerichtet und haben nun ein relativ freies leben

Kuh Yvonne
03
11.1.2012, 12:01

Das System des neoliberalen Kapitalismus spaltet zwangsweise die Gesellschaft. Das System lebt von Arbeitslosen, Obdachlosen, Hobos, Außenseitern etc.
Anstatt diesen Gruppen zu helfen, wird verächtlich herabgeblickt und dem ganzen Mittelstand der Glanz der Reichen - wie eine Karotte dem Ackergaul - vor die Nase gehalten. Es könnte sofort und auf der Stelle geholfen werden - doch die Politik (vor allem die Republikaner und Tea Party) will überhaupt nicht. Wenn mehr. Die Typen, die in den USA das Sagen haben, sind weitgehend Mulltimillinäre und wollen von einer gerechteren Verteilung, Sozialpolitik etc. gar nichts wissen. Der gute Wille bei Obama ist da, nur wird er laufend von den erwähnten Konservativen blockiert.

Rautha
03
11.1.2012, 12:56

genau das! danke.

passendes video dazu:
Ulrike Herrmann (taz) an der Urania Wien
http://www.youtube.com/watch?v=XdZjlK_fPsA

Hey Ho Let's Go Veg
00
dankeschön für diesen link

die dreiviertel stunde habe ich mir jetzt genommen und es war sehr informativ und bestärkte einige meiner annahmen

Kuh Yvonne
00
11.1.2012, 18:06

vielen dank!
wusste gar nicht, dass dieser vortrag auf youtube
ist.

Dorian Gray
00
11.1.2012, 11:55
SChön das es in den Städten ganze Straßenzüge gibt wo die Häuser leer stehen.

DD1981
51
11.1.2012, 11:50

Tja ein Satz erklärt es eh:
"Es gibt hier einfach nichts zu tun für ungelernte Arbeiter."

Ich sag jetzt nicht HÄTTETS WAS GELERNT (Jugendsünden sein verziehen)...aber ich sag LERNTS WAS. Es ist nie zu spät sich noch Wissen oder Fähigkeiten anzueignen. Und wenn man was kann oder weiß, findet man auch wieder einen Job.

Zu sitzen und zu warten das alles besser wird, wirds nicht spielen. Wenn man aber Zeit hat kann man eine Fremdsprache lernen, ein Handwerk oder was auch immer. Damit lässt sich dann was anfangen.

Dorian Gray
02
11.1.2012, 11:57
Jeder ist sein Glückes Schmied ....

Aja Installatuer gesucht Mindestalter 60.
Also dein Posting kann an Zynismus nicht mehr überboten werden.

Gobi Todic
01
11.1.2012, 10:37
Immerhin sind sie noch gläubig

und glauben dass es Gottes wille ist so zu leben.

Und schön friedfertig die rechte Tasche hinhalten wenn der Kapitalistenmob wiedermal zulangt.

Im Himmel dann, im Himmel ... kotz!

anti follower nick 24
01
11.1.2012, 10:15

ginge das in Ö auch? einfach ein zelt im wald aufschlagen und dort wohnen, gemüse ziehen, etc.?

niewieder nett
 
01
11.1.2012, 12:50

nur wenn sie ein grundstück kaufen und dann dürfens dort auch nicht unbedingt wohnen.

DD1981
00
11.1.2012, 11:46

Da der Wald in Österreich irgendwem gehört der sie dann vom Grundstück schmeißt wohl nicht.

Jiddu Krishnamurti
00
11.1.2012, 08:46
Einfach sehr traurig und ich hoffe, das ändert sich.

Andererseits wurden/werden Menschen in der 3. Welt schon immer von denen aus "reichen" Ländern von oben herab angesehen (dass sie an ihrer Armut selbst schuld sind, etc.). Langsam "rächt" sich das.

Irgend wann werden alle erkennen, dass das ganze System an sich falsch ist und sich etwas ändern muss. Nur dass man das nicht von Politikern erwarten darf, denn die werden diese Welt nicht nur nicht verbessern, sondern sie sogar ganz zerstören.

Unsere Prioritäten müssen sich ändern und die Veränderung muss IN JEDEM VON UNS stattfinden.

E Pie
 
37
11.1.2012, 07:02
als ich kind war war auch alles beschissen...

vater im krieg gefallen mutter mit 4 kindern alleine. uns war nicht bewußt das wir arm waren, allen ging´s so. in der schule gab´s ein warmes essen und gemeinsam mit nachbarn war ein zusammenhalt da der uns mit optimismus in die zukunft schauen lies. man dachte nur ans heute und nicht an morgen. wir waren an einem punkt angekommen wo´s auf die frage "wie geht´s" nur eine antwort gab "danke, es kann nur mehr besser werden". die mütter taten alles um uns lebensfähig zu erziehen. wir mußten lernen, mutter sah zu das wir ein zweites reines gewand hatten. Später in den 50ern gings alle 6 monate steil bergauf. in den 70ern wurde dann sinnlos umverteilt. die unzufried-heit begann.heute sind wir an der spitze & es scheint nur mehr bergab zu gehen..

r41|\|3r
00
19.1.2012, 19:00

das ist schon per definition so, wenn du ganz oben bist gehts nur mehr bergab

Standardabweichung
11
11.1.2012, 10:38

Du beschreibst eigentlich den Übergang von Deiner Kindheit zu Deinem jetzigen Alter.

Als Kind nimmt man alles so wie es ist. Man hat keinen Vergleich, also ist alles ok. Als Jugendlicher beginnt dann das Denken und Vergleichen und Erinnern. Viele Jahre später versucht man dann, sich das wieder abzugewöhnen :-)

onlooker
21
11.1.2012, 10:14
in den 50iger jahren ging es alle 6 monate steil bergauf?

haben sie im gebirge gewohnt? nennen sie doch einige monate wo es so steil bergauf ging? in den 50iger ajhren war noch immer eine grosse arbeitslosigkeit, ruinen standen noch immer zuhauf herum, wir hatten ganz einfach nicht genug geld um mit dem wiederaufbau zu beginnen, vielleicht sollten sie auch erwähnen, dass es sehr lange keine bananen gab, eine schreckliche zeit, und zu der unzufriedenheit, sie meinen die leute in den 50igerjahren waren nicht unzufrieden? sie können gar nicht in dieser zeit gelebt haben, sonst müssten sie mehr über die damalige zeit schreiben, und welche mutter hat nicht auf ihre kinder geschaut? hatten sie vielleicht einen ball zum spielen? wie war es denn mit der unterhaltung? usw usf, alles baloni

E Pie
 
00
11.1.2012, 15:03
jeder hat das sicherlich anders gesehen...

aber einmal in der woche fleisch (hasen am sonntag!)
war schon was. auszug aus dem hinterhof (schuppen) in ein gemauertes nicht durch ritzen durchzogenes heim, schuhe auch im sommer, eigener garten, das rad wurde nicht mehr gestohlen, sommerfrische mit der tante, ein radio, kino, am sonntag mal eine schokolade oder auch ein eis, eine lehrstelle, ein paar schöne schuhe und ein anzug zum ausgehen, eine armbanduhr und, und, und, es ging trotz aller widrigkeiten bergauf. und ich hab damals gelebt und lebe auch noch heute...:-) auch wenn zwischen diesen zeiten lichtjahren liegen...und ich hab im gegensatz zu meinem großvater damals eine eigene pension ...

onlooker
00
11.1.2012, 16:03
ich bin wien aufgewachsen, habe keinen hasenstall gehabt,

die waren schwer bombardiert und ruinen, in ihrer heilen welt glaube dass es ihnen gut gegangen ist, aber in einer grosssatadt ist eben anders, um brot zu bekommen, musste meine mutter um 4 uhr früh beim bäcker sich anstellen,, der reiche glaubt dem armen nicht, sie glücklicher, wir habe auch sehr lange keinen ball gehabt,aber werden sie in ihrer kleinen geschützten damaligen welt glücklich, sie können doch nicht ihre welt mit wien vergleichen, sie haben sicher auch nicht in einen luftschutzbunker laufen müssen, und die rotstrichler können sich ihre roten stricherln in die nase stopfen, denn diese leute haben ja diese zeit nicht erlebt, aber dumm rotstricheln

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 73
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.